Sonntag, 24. September 2017

Sabrina Janesch - Die goldene Stadt


erschienen bei rowohlt


Seit seiner Kindheit träumt Rudolph August Berns, Sohn eines Weinhändlers, davon El Dorado zu finden - die sagenumwobene goldene Stadt der Inka. Nach einer turbulenten Jugendzeit bricht er tatsächlich nach Peru auf, verdingt sich dort zuerst in der Armee, dann als Ingenieur bei der Eisenbahn und baut schließlich mit seinem amerikanischen Freund Harry Singer eine Sägemühle in der Cordillera Vilcabamba. Aber der Traum von El Dorado will ihn nicht loslassen.

Lange dachte man, der Archäologe Hiram Bingham hätte 1911 als Erster Machu Picchu wiederentdeckt. Erst vor einigen Jahren wurde bekannt, dass offensichtlich ein Deutscher namens August Berns bereits in den 60er oder 70er Jahren des 19. Jahrhunderts die legendäre Stadt der Inka gefunden hatte. Die Schriftstellerin Sabrina Janesch begann daraufhin zu recherchieren und konstruierte aus zahlreichen Dokumenten, die sie sowohl in Deutschland als auch Peru fand, die mögliche Lebensgeschichte diesese Mannes.

Tatsächlich ist "Die goldene Stadt" wie eine Biografie aufgebaut: Der Roman folgt August Berns von seiner Geburt 1842 bis ins Jahr 1887, als sich seine Spuren verlieren (und im Epilog sogar darüber hinaus). Er beschreibt auch, wie sich aus der anfänglichen Leidenschaft für die Kultur der Inka eine Besessenheit entwickelte, die Berns schließlich sogar zum Trickbetrüger machte. Denn er hat kein archäologisches Interesse an der vergessenen Stadt; es geht ihm um die Entdeckung der Goldstadt El Dorado. So träumt er von ungeahnten Schätzen und vergoldeten Häusern - und hört auch nach der Entdeckung von Machu Picchu nicht auf, nach dem vermuteten Gold zu suchen.

Der Roman ist sehr fesselnd zu lesen, auch wenn es auf den etwa letzten 100 Seiten einen leichten Spannungsabfall gibt. Das ist auch etwa der Punkt, an dem in einem "klassischen" historischen Roman der Spannungsbogen zum Ende kommen würde: mit der Entdeckung der gesuchten Stadt. Aber "Die goldene Stadt" geht eben über diesen Punkt hinaus - einerseits aufgrund des biografischen Charakters, andererseits aber auch, weil sich natürlich die Frage stellt, weshalb August Berns nicht als Entdecker von Machu Picchu bekannt wurde.

Mir hat der Roman trotz der kleinen Längen zum Ende hin sehr gut gefallen. Mich hat einerseits fasziniert, wo es August Berns überall hin verschlug (zwischenzeitlich sogar nach Amerika und zu den Anfängen des Panamakanalbaus) und andererseits, wie überzeugend Sabrina Janesch seine Persönlichkeit und seine Charakterentwicklung schildert.
"Die goldene Stadt" reiht sich vom Genre her irgendwo zwischen historischem Roman, Abenteuerroman und Biografie ein und ich kann das Buch allen empfehlen, die gern über Entdecker lesen oder sich bei historischen Romanen lieber abseits der üblichen Pfade bewegen.

Sonntag, 17. September 2017

Buchstabengeplauder #84

Winterkatze hat heute wieder einen Lese-Sonntag veranstaltet und ich hätte gern mitgemacht, um meine angefangenen Bücher vielleicht endlich mal zu einem Ende zu bringen, aber heute hatte ich schon etwas wichtiges anderes vor: Ich bin mit meiner Arbeitskollegin beim Wachau-Marathon den Viertelmarathon gelaufen (11 Kilometer waren es genaugenommen, also etwas mehr als ein Viertel). Es war sehr kalt und es hat geregnet, aber abgesehen davon war es toll. Das war mein erster Lauf dieser Länge und es ist mir damit besser gegangen als erwartet. Gut, mit unserer Zeit war kein Blumentopf zu gewinnen, aber mir ging es vor allem ums Mitmachen und Durchhalten. Jetzt bin ich auf jeden Fall sehr stolz auf uns.


Apropos Lesetag: Von Donnerstag bis heute hat in Wien Stadtlesen stattgefunden. Leider hat auch hierbei das Wetter nicht wirklich mitgespielt. Am Donnerstag war es noch sehr sonnig, aber da war ich beim Österreichischen Bibliothekartag in Linz. Am Freitag hatte ich gegen Abend ein wenig Zeit um vorbeizuschauen und habe in ein paar Bücher hineingeschmökert, aber für ein gemütliches Lesen ist es dann schon zu kalt und windig geworden (dementsprechend haben es sich auch nur wenige Leute dort gemütlich gemacht).


Kurz angelesen habe ich folgende Bücher:
  • Ingrid Kretz - Die Erben von Snowshill Manor
  • Cheryl Kaye Tardif - Wilder Fluss
  • Patry Francis - Die Schatten von Race Point
  • Selina Lake - Botanical Style
Die ersten beiden waren nicht mein Fall und "Botanical Style" würde ich mir trotz einiger inspirierender Bilder auch nicht kaufen, aber "Die Schatten von Race Point" hat mein Interesse geweckt. Wenn es zu dem Zeitpunkt nicht so windig geworden wäre, hätte ich vermutlich noch etwas länger reingelesen. Vielleicht halte ich mal in der Bibliothek danach Ausschau. 

Nächstes Jahr ist dann hoffentlich bei beiden Events - dem Wachau-Marathon und dem Stadtlesen - das Wetter etwas besser.

Donnerstag, 14. September 2017

[Kurzrezensionen] Von Kühen, geheimen Forschungen und einem schwedischen Sommer

G. R. Gemin - Cowgirl

Dieses Jugendbuch hatte ich als Urlaubslektüre gewählt, weil es in Wales angesiedelt ist - allerdings nicht in einem lieblich-idyllischen Wales: Mit Bryn Mawr zeichnet der Autor das Bild einer heruntergekommenen Siedlung, die mittlerweile von Hoffnungslosigkeit und Kriminalität beherrscht wird. Und auch die jugendliche Heldin Gemma hat schon glücklichere Zeiten erlebt. Ihr Vater ist im Gefängnis, ihre Mutter nimmt sie neben all der Arbeit und den Sorgen kaum mehr wahr und ihre Großmutter sehnt sich in eine Zeit zurück, als man keine Angst vor Einbrüchen haben musste.
Als Gemma einen Zusammenstoß mit den Kühen von Kate, dem "Cowgirl" hat, ist das für sie zunächst nur der Tiefpunkt eines ohnehin schon verdorbenen Tages, aber stattdessen lassen die Kühe nicht nur Gemma, sondern die ganze Siedlung aufblühen.
"Cowgirl" ist einerseits herzerwärmend und spricht andererseits auch eine ganze Reihe von ernsten Themen an. Neben Gemmas familiären Problemen geht es auch um Armut, Mobbing, Außenseiterdasein und Zivilcourage. Mir hat der Roman sehr gut gefallen - auch, weil er einen sehr originellen Plot hat und sich ganz außerhalb gewohnter Pfade bewegt.


Roland Reichart - Die Gugging-Protokolle

Im niederösterreichischen Maria Gugging befindet sich auf dem Areal einer ehemaligen Nervenheilanstalt das Elite-Forschungszentrum I.S.T. Aber einiges hier scheint nicht mit rechten Dingen zuzugehen und die traurige nationalsozialistische Vergangenheit ist offenbar noch immer nicht ganz vorbei.
Drei Personen werden zunächst unabhängig voneinander in seltsame Machenschaften hineingezogen: Gertraud Anecker, eine Buchprüferin der Wiener Korruptionsstaatsanwaltschaft; Balthasar Kutz, ein Gymnasiast, der während einer Wallfahrt ein eigenartiges Erlebnis hatte; und Lenka Kravalova, die als Neurologin am I.S.T arbeitet.
Ich habe mich eine ganze Weile davor gedrückt, diesen Roman zu lesen. Eine Freundin hat ihn mir vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt, weil der Autor ein ehemaliger Schulkollege von ihr ist, und ich habe mir - auch aufgrund der billigen Aufmachung - nicht sehr viel davon versprochen. Aber "Die Gugging-Protokolle" hat mich positiv überrascht. Es handelt sich um einen interessanten Wissenschaftsthriller rund um Gehirnforschung, der mehr als nur eine unerwartete Wendung zu bieten hat, bis man am Ende kaum noch weiß, wem man trauen kann und was nun Wirklichkeit und was Einbildung ist.
Leider ist der Roman mitunter anstrengend zu lesen, da etwa eine Perspektive hauptsächlich im Bewusstseinsstrom verfasst ist. Das ergibt im Kontext des Romans durchaus Sinn, macht die Lektüre aber dennoch etwas mühsam.


Kurt Tucholsky - Schloss Gripsholm

Der Ich-Erzähler, ein Alter Ego des Autors, verbringt mit seiner Freundin Lydia den Sommer in Schweden. Hier bekommen sie nicht nur Besuch von Freunden, sondern lernen auch ein Mädchen kennen, das im nahegelegenen Kinderheim lebt und unter den Ungerechtigkeiten der Heimleiterin leidet.
Ich war mir so sicher, dass mir "Schloss Gripsholm" gefallen würde, zumal ich darüber bislang nur Gutes gehört hatte, daher war ich umso enttäuschter, als der Roman mich nicht überzeugen konnte. Dabei ist es eine schöne, luftig-leichte Sommerlektüre, die im Laufe der Erzählung ernstere und teils auch recht düstere Töne anschlägt und dadurch eine gute Balance zwischen heiterer Liebesgeschichte und Gesellschaftskritik hält.
Es war aber auch nicht die Handlung, die mir nicht gefallen hat, sondern einerseits die Figuren und andererseits der Schreibstil. Sowohl der Ich-Erzähler als auch Lydia waren mir eher unsympathisch und sind mir manchmal richtiggehend auf die Nerven gegangen. Den Stil habe ich als seltsam schrullig und anstrengend empfunden. Vielleicht hat zu diesem Eindruck auch der Sprecher Manfred Zapatka beigetragen, dessen Lesung einfach nicht mein Fall war. 

Samstag, 9. September 2017

Buchstabengeplauder #83

Immer, wenn ich mir denke, dass ich nun endlich wieder mehr Zeit für den Blog habe, stelle ich fest, dass das doch nicht wirklich der Fall ist. Und obwohl in der Arbeit sehr viel zu tun ist, liegt es weniger daran, als mehr an Freizeitkram - so hatte ich letztes Wochenende Besuch von meinem Bruder und meinen Nichten, vorgestern habe ich mit meinen Arbeitskolleginnen beim Business Run teilgenommen, gestern war ein Spieleabend angesagt, morgen feiern wir den Geburtstag meiner Nichte, nächsten Sonntag nehme ich beim Wachauer Viertelmarathon teil usw.

Dementsprechend komme ich gerade auch nicht so viel zum Lesen und es ist daher auch nicht die beste Zeit, um mehrere Bücher parallel zu lesen. Aktuell sind es nämlich nicht weniger als fünf:  
The Dragonbone Chair von Tad Williams begleitet mich als Hörbuch nun schon eine gefühlte Ewigkeit. Zwischendurch habe ich auch schon überlegt abzubrechen, aber dann habe ich doch wieder weitergehört und finde es momentan auch etwas spannender. 
Kosmologie für Fußgänger von Harald Lesch und Jörn Müller ist ein interessantes, aber eher anspruchsvolles Sachbuch, bei dem ich einfach etwas länger brauche mit dem Lesen.  
Humboldts letzte Reise von Vincent Froissard und Étienne Le Roux ist eine sehr skurrile Graphic Novel, die mir etwas zu seltsam ist, um wirklich reinzukommen. Abbrechen möchte ich sie aber doch nicht und allmählich muss ich auch einen Zahn zulegen, da ich sie bald in die Bibliothek zurückbringen muss.
Dann habe ich als gemütliche Abendlektüre noch zu einem Buch gegriffen, das ich schon vor langem gebraucht gekauft habe: Phantastische Reisen - Vom Land der Amazonen zu den Indigo-Inseln, der erste Band einer Trilogie von Francois Place, in der er in Geschichten und Bildern von den Ländern und Städten der erfundenen Welt Orbae erzählt.
Und schließlich habe ich vor kurzem noch mit Die goldene Stadt von Sabrina Janesch begonnen - ein Roman über Rudolph August Berns, der bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts (also lange vor Hiram Bingham) Macchu Picchu entdeckte. Das Buch ist spontan bei mir eingezogen, weil ich für einen Fortbildungskurs, den ich betreue, eine Herbst-Neuerscheinung zum Vorstellen brauche. Bislang bereue ich nicht, mich für diesen Roman entschieden zu haben, da er mir sehr gut gefällt.
Jetzt heißt es also erst einmal alle angefangenen Bücher zu beenden.

Da meine letzten Wochen doch recht vollgestopft waren und ich im September noch beim Österreichischen Bibliothekartag bin und, wie erwähnt, einen Fortbildungskurs betreuen werde, verlängere ich übrigens meine Sommerwünsche noch in den Herbst hinein. 
Vermutlich werden Lyne und ich im Herbst auch mal wieder einen Lesetag oder ein Lesewochenende machen, aber wir müssen uns noch auf einen Termin einigen. Die Temperaturen stellen sich ja allmählich auch auf herbstliches Lesen mit Tee und Decke ein.

Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende!

Montag, 4. September 2017

Amie Kaufman & Jay Kristoff - Illuminae


erschienen bei Oneworld Publications
woher: Waterstones Cardiff 


Wir schreiben das Jahr 2575, als Kerenza, der Heimatplanet von Kady und Ezra ohne Vorwarnung angegriffen wird. Den beiden gelingt die Flucht auf die Evakuierungsflotte, aber es ist ein langer Weg bis zur Sprungstation Heimdall. Ein Kampfschiff des Feindes verfolgt die drei mit Flüchtlingen vollgepackten Raumschiffe und zu allem Überfluss bricht auch noch eine unbekannte Seuche auf einem der Schiffe aus. 

 
Bei Rezensionen zu "Illuminae" hat mich nicht nur die Zusammenfassung, die mich ein wenig an "Battlestar Galactica" denken ließ, neugierig gemacht, sondern vor allem die Aufmachung des Buches. Es handelt sich um eine Sammlung aus Interviewtranskripten, E-Mails, Protokollen, Skizzen und einer Reihe von weiteren Dokumenten, die grafisch alle sehr sorgfältig gestaltet sind. Rein optisch ist das Buch also schon mal eine Wucht, inhaltlich konnte es mich aber leider nicht recht überzeugen.

Dabei wäre der Roman sehr spannend, würde nicht die sehr klischeehafte Teenager-Love-Story im Laufe der Zeit immer mehr Raum einnehmen. Kady wird schnell zur Superhackerin und kann auf diese Weise mit Ezra auf einem der anderen Schiffe Kontakt aufnehmen, aber anstatt sich auf wirklich wichtige Dinge zu konzentrieren (und da gäbe es angesichts der Gefahren so einiges), vergeuden sie die Zeit entweder mit sehr überzogenen Liebesschwüren oder aber mit coolen Witzen.
Noch dazu wurde ich mit den Hauptfiguren die ganze Zeit nicht so recht warm. Ezra ist noch ganz sympatisch, aber Kady fand ich mit ihren ständigen toughen Sprüchen und ihrer Selbstgerechtigkeit ziemlich anstrengend.

Das hat mich umso mehr genervt, weil "Illuminae" wirklich das Zeug zu einem großartigen Roman hätte. Die Ausgangssituation ist beklemmend und die Flucht an sich sehr fesselnd dargestellt. Es kommen eine ganze Reihe von tollen Figuren zu Wort, wie etwa die Kommandantin des Forschungsschiffes Hypatia, die ich dummerweise alle viel interessanter fand als Kady und Ezra. Da wir es hier aber mit einem Jugendbuch zu tun haben, ist ihnen ein Dasein als Randfiguren beschieden.


"Illuminae" wirft schließlich auch eine Reihe von spannenden Fragen auf, darunter die Überlegung, ob künstliche Intelligenz ein eigenes Bewusstsein und Gefühle entwickeln kann. Auch wenn diese Themen nicht sehr in die Tiefe gehen, gibt einem der Roman doch einiges mit auf den Weg, das einen auch eine Weile nach dem Lesen noch beschäftigt.

Wir haben also ein interessantes Science Fiction-Setting, eine hochdramatische Flucht und einen Virus; Menschen sterben und eine künstliche Intelligenz entwickelt ein unerwartetes Eigenleben. Und wofür wird das alles genutzt? Also Kulisse für eine oberflächliche Romanze. Was für ein vergeudetes Potenzial!