Freitag, 11. März 2011

Ju Honisch - Jenseits des Karussells



Genre: Steampunk/Phantastik
Seiten: 832
Verlag: Feder & Schwert
ISBN: 9783867620772
Meine Bewertung: 5 von 5 Sternchen




München 1867. Dunkle Feymächte beginnen mitten unter den Menschen ihre Fäden zu spinnen. In der Aroria-Loge für arkane Wissenschaften spürt man, dass in der magischen Welt Aufruhr herrscht: So fallen mehrere Meister der Magie in ein rätselhaftes Koma, während der junge Student Ian McMullen beunruhigende Änderungen in den Energielinien wahrnimmt.
Auch außerhalb der arkanen Kreise geschehen eigenartige Dinge: Catty Lybratte hat nicht nur finstere Träume, sondern ist auch der festen Überzeugung, dass mit ihrer Stiefmutter etwas nicht stimmt, während der Maler Thorolf Treynstern immer wieder eine riesenhafte Spinne auf Papier bannt.
Alle diese Ereignisse scheinen miteinander in Zusammenhang zu stehen, doch welche Fey verändern hier die Wirklichkeit und zu welchem Zweck?

Den vorliegenden Roman annähernd zusammenzufassen, ist alles andere als einfach. Es gibt eine ganze Reihe von parallelen Handlungssträngen und eine große Anzahl an wichtigen Figuren. Bereits die stolze Seitenzahl zeigt, dass man es hier mit einem durchaus komplexen Werk zu tun hat.
Sorgfältig baut Ju Honisch ihre Figuren auf, die man teilweise bereits aus ihren früheren Romanen kennt. Es ist nicht notwendig, vorher ihre anderen Romane gelesen zu haben (dieser hier ist der Handlung völlig eigenständig), allerdings tut man sich mit den zahlreichen Personen leichter, wenn einem manche davon schon vertraut sind.
Die Figuren sind bereits einer der großen Pluspunkte bei diesem Buch. Alle wirken sehr lebendig und glaubwürdig, gerade weil sie nicht perfekt sind. Gerade Asko von Orven möchte man ab und zu gerne kräftig durchschütteln (der gute Herr hat mich schon in "Salzträume" manchmal halb wahnsinnig gemacht), aber sein Charakter ist konsequent gezeichnet und in sich stets stimmig. Er verhält sich eben seiner Erziehung und seiner Zeit angemessen, so wie auch alle anderen Figuren. Sie fügen sich einfach wunderbar harmonisch in das München des 19. Jahrhunderts ein, ohne dabei aber für heutige Leser zu fremd zu wirken.

Ju Honisch nimmt sich sehr viel Zeit für ihre Figuren und ihre Entwicklung. Wer ständige Action erwartet, wird von diesem Roman vielleicht eher enttäuscht sein. Trotz seiner oft eher ruhigen Passagen ist er aber keineswegs langweilig. Ich war durchgängig gefesselt, und als schließlich alles schiefzulaufen scheint und eine Figur nach der anderen in die Bredouille gerät, konnte ich kaum mehr mit dem Lesen aufhören. Dieses Buch hat mir daher so manche kurze Nächte beschert.
Die Spannung hält sich bis zum Schluss, wobei der eigentliche Showdown mein einziger Kritikpunkt an dem gesamten Buch ist. Es wirkte nämlich alles ein wenig konfus, und da sehr viele Figuren involviert waren, wurde es umso schwieriger, den Überblick zu bewahren und sich alles bildlich vorzustellen. Da das aber vielleicht 10 von über 800 Seiten sind, die nicht ganz so gelungen sind, lässt sich das verschmerzen.
Dazu gibt es noch einen Schuss Romantik, wobei es hier nicht in erster Linie um eine Liebesgeschichte geht (eigentlich auch in zweiter Linie nicht ;-)). 

"Jenseits des Karussells" ist ein faszinierender Roman mit liebevoll gezeichneten Figuren, einer düsteren Grundstimmung, gleichzeitig einer kräftigen Prise Humor und einer spannenden Handlung. War "Salzträume" streckenweise doch etwas langatmig, passt das Erzähltempo hier wieder perfekt. Dazu ist auch die Sprache sehr schön und zwar manchmal ein wenig verschachtelt, aber immer flüssig zu lesen.
Für alle Liebhaber von Ju Honischs früheren Romanen gibt es ein Wiedersehen mit Ian, Sophie, Charly, Graf Arpad und Asko. Vor allem ihnen sei dieses Buch wärmstens ans Herz gelegt, aber auch allen anderen Phantastik-Fans, die nicht immer epische Weltrettungs-Fantasy brauchen.

Lobend hervorheben möchte ich übrigens auch noch den Titel, dessen Bedeutung im Laufe des Romans verständlich wird und der einfach perfekt zum Buch passt, sowie die Aufmachung durch den Verlag. Ein Personenverzeichnis am Anfang, ein Glossar am Ende und eine kleine Übersicht der weiblichen "Magiezirkel" runden den Roman wunderbar ab und erleichtern auch den Überblick.

Das gibt von mir sehr überzeugte 5 Sternchen und außerdem die Hoffnung, einigen von Ju Honischs Figuren bald wieder in einem neuen Roman zu begegnen.

Kommentare:

  1. Klingt nett. Vielleicht leg ich mir "Jenseits des Karussells" sogar noch vor den "Salzträumen" zu, denn das sind ja gleich 2 Teile, die zusammengehören. Und wenn du schreibst, dass dieses Buch hier recht eigenständig in der Handlung steht... Hmmm, mal überlegen... Gott, meine Wunschliste wächst momentan ins Unermessliche :(

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  2. Also, so langsam glaube ich, ich muss Ju Honisch auch mal auf meinen Wunschzettel setzen. Das hört sich ja sehr gut an ...

    Mit welchem Buch würdest du denn empfehlen, anzufangen? Ich muss zwar erst mal meinen SUB abarbeiten, aber dann habe ich mir vorgenommen, mir Bücher gezielter zu kaufen, nicht immer wahllose Sonderangebote mitzunehmen. Und auf diese hier hätte ich große Lust. :-)

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  3. Mir hat ihr erster Roman, also "Das Obsidianherz" sehr gut gefallen. Der eignet sich also zum Anfangen. Da siehst du dann auch, ob du mit ihrem Stil und ihren Figuren klarkommst.
    Im Obsidianherz gibts halt etwas mehr Romantik als im aktuellen Roman und eine auf einen kleineren Raum beschränkte Handlung (spielt sich fast alles in einem einzigen Hotel ab).

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  4. Hallo!
    Schön, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat. Ich war ja ganz begeistert davon, dass wir mit Thorolf einen Charakter bekommen haben, den man schon etwas zu kennen glaubt (wenn man die anderen Bücher gelesen hat), der aber natürlich doch ganz eigenständig ist. Mir hat ja auch die Idee mit der Katze sehr, sehr gut gefallen. Irgendwie schafft Ju Honisch es, das Andersartige (feyonhafte etc.) so zu beschreiben, all sei es ganz alltäglich. Freue mich auch schon auf weitere Bücher von ihr.
    LG, Nia

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