Sonntag, 15. Mai 2011

Heliodor - Aethiopika


Genre: antiker Abenteuerroman
Seiten: 320
Verlag: dtv/Artemis
ASIN: 978-3423022477
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Klassiker-Challenge (Griechenland)



Vorweg zum Titel: Ich verwende hier zur Vereinfachung den griechischen Originaltitel "Aethiopika", da die deutsche Übersetzung unter vielen verschiedenen Titeln vorhanden ist:
- Die Abenteuer der schönen Chariklea
- Äthiopische Geschichten
- Die äthiopischen Abenteuer von Theagenes und Charikleia
- Theagenes und Charikleia
Falls sich also wer auf die Suche nach dem Roman macht: Alle oben genannten Titelvarianten meinen denselben.

Nun aber zum Inhalt:
"Aethiopika" erzählt eine verschachelte Geschichte über den Thessalier Theagenes und die äthiopische Königstochter Chariklea, die das Schicksal immer wieder trennt, neu zusammenführt und mit allerlei Gefahren konfroniert. Der Einstieg erfolgt in medias res, man begegnet dem Liebespaar sozusagen mitten in ihrem Abenteuer, und ihre Vorgeschichte wird dann erst im Laufe des Romans erzählt. Die Struktur ist recht kompliziert, so gibt es mehrere ineinander verschachtelte Erzählungen von verschiedenen Personen, die einander ergänzen und das Leben mehrerer Figuren miteinander verbinden.

Genau diese Struktur ist es, die den Roman natürlich nicht ganz einfach macht. Lange Lesepausen machen es einem sehr schwierig, der Handlung noch zu folgen und den Überblick über die eingeschobenen Erzählungen zu behalten. Insofern kann ich nur empfehlen, den Roman eher zügig zu lesen.
Das fällt am Anfang nicht schwer, da der unmittelbare Einstieg und viele aufeinanderfolgende Gefahren die Sache recht spannend machen. Dann allerdings beginnt sich die Handlung ein wenig zu ziehen. Es läuft letztendlich immer wieder auf dasselbe hinaus: Theagenes und Chariklea werden voneinander getrennt oder geraten gemeinsam in große Gefahr, wobei das größte Problem für sie diverse Nebenbuhler sind. Denn beide sind von so unglaublicher Schönheit, dass sich eigentlich ständig mächtige und/oder gefährliche Figuren vom Fleck weg in sie verlieben und somit ihre Liebe gefährden.

Die Handlung an sich erschöpft sich also mit der Zeit und ist nicht allzu abwechslungsreich. Interessanter ist da das Rundherum, da Heliodor Landschaften und Städte am Nil bis hin nach Äthiopien sehr anschaulich beschreibt. Auch kulturelle Besonderheiten, Feste und Kriegsführung werden von ihm oft detailliert geschildert, wodurch der Roman besonders für geschichtlich interessierte Leser zu empfehlen ist.
Auch die verschachtelte Struktur und die Werte, die Heliodor hier vermittelt, bieten einen interessanten Blick auf spätantike Erzähl- und Denkweise.
Der Roman liest sich stilistisch eigentlich sehr gut, ist aber aus modernen Gesichtspunkten oft zu auktorial-distanziert erzählt sowie mit Superlativen überhäuft (die Figuren sind die schönstmöglichen, die Gefahren die schrecklichsten, die Liebe/Leidenschafsten am tiefsten). "Aethiopika" ist also nicht zeitlos, aber genau das macht ja auch die Faszination des Romans aus: Ein Stück Erzählkultur aus einer ganz anderen Zeit, geprägt von einer oft sehr fremden Denkweise.

Obwohl der Roman heute nicht mehr von so großer Bekanntheit ist, hat er die Literatur der Spätantike und besonders des Barocks maßgeblich beeinflusst. So war er bis ins 19. Jahrhundert außerordentlich beliebt und findet Niederschlag in bekannten Werken wie Goethes "Wahlverwandtschaften" und Verdis "Aida".

Wenn man "Aethiopika" also im Hinblick auf diese Bedeutung und auf seine Zeitstellung - und eben wirklich als einen "Klassiker" - liest, ist er sehr empfehlenswert. Reines Lesevergnügen aus moderner Sicht bietet er aber nicht unbedingt.
Gibt von mir nach langem Überlegen 4 von 5 Sternchen.

Kommentare:

  1. Ui, endlich liest mal wieder jemand einen Klassiker (ich bin ja auch nicht besser ...).

    Das Buch klingt ja sehr interessant. Ich hatte noch gar nichts davon gehört, daher ist es ein super Tipp. Schön, wenn man selbst bei so einer Challenge, bei der die Bücher eigentlich bekannt sein sollten, etwas Neues entdeckt.

    LG, Lena

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  2. Das klingt ja seeeehr romantisch. Ich mag es von Büchern in eine andere Zeit versetzt zu werden :) Ich hab meinen nächsten Roman gefunden!
    Liebe Grüße

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  3. @Lena: Ja, ich bin ganz brav und fleißig mit den Klassikern. :-)

    @hannah: Romantisch ... naja. Irgendwie schon, aber andererseits nicht so wirklich im heutigen Sinne. Es läuft da eher so, dass ein Blick auf die Schönheit des anderen reicht, und schon herrscht verliebter Ausnahmezustand. ;-)

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