Freitag, 3. Juni 2011

Hinter der Maske: Dalar

Kommen wir also zu einer weiteren meiner Figuren, zu Dalar (oder vollständig: Vendalar Vano-Ligas). Er ist in derselben Fantasywelt beheimatet wie Herun, stammt aber aus einem ganz anderen Roman, nämlich meinem epischen High-Fantasy-Monsterding "Die Göttersteine".

Dalar gehört zu meinen ältesten Figuren überhaupt. Die ersten Szenen zu dem besagten Roman entstanden vor mehr als 10 Jahren, auch wenn es seither kaum noch etwas gibt, was sich nicht komplett geändert hat. Auch Dalar selbst hat sich stark verändert und ist hoffentlich im Laufe der Zeit vielschichtiger geworden.
Interessant ist, dass er als einer der wenigen meiner Hauptpersonen sehr lange nur von außen betrachtet wird. Er hatte ursprünglich nie selbst die Perspektive in den Göttersteinen und tritt auch jetzt erst spät als Perspektiventräger zutage. Sonst wird er fast immer aus der Sicht von Riava beschrieben (die ich bestimmt auch irgendwann hier vorstellen werde).
Das war weniger plotbedingt, sondern entstand tatsächlich eher aus seinem Charakter heraus. Denn Dalar wollte mich lange nicht wirklich in seinen Kopf blicken lassen. Zwar kenne ich ihn als Figur sehr gut und bilde mir auch ein, ihn gut zu verstehen (was nicht zuletzt daran liegt, dass er auf eine sehr verschleierte Weise mehr von mir selbst hat als viele andere Figuren), aber aus seiner Sicht schreiben: Das ging irgendwie nicht. Aber dann kam eine Szene, die nur aus seiner Sicht funktionieren konnte, und seither klappt es eigentlich ganz gut.

Dalar ist gewissermaßen eine eher sperrige Figur. Ich bin mir nicht sicher, wie er bei Lesern ankommen wird, aber zumindest ich als Autorin mag ihn sehr gern. Er ist ein sehr verschlossener und misstrauischer Mensch und trägt nach außen hin meist eine eher gleichgültige Maske zur Schau. Auf alle, die ihn nicht gut kennen (was auf die meisten zutrifft), wirkt er kühl, schroff und überheblich. Gerade die Überheblichkeit ist aber wirklich eine reine Maske, da er eigentlich nicht allzu viel von sich selbst hält. Dalar hat eine ständige Angst zu versagen und mag sich selbst nicht besonders. Da er aber nach außen hin meist sehr ruhig und selbstsicher wirkt, muss man ihn schon gut kennen, um zu wissen, dass er in Wirklichkeit stark an sich selbst zweifelt. Und man muss ihn auch sehr gut kennen, um zu merken, dass er eigentlich ziemlich warmherzig und gefühlsbetont sein kann. Da Dalar nicht besonders gut mit anderen Menschen umgehen kann, verhält er sich manchmal auch jenen gegenüber, die er mag, nicht sonderlich freundlich.

Sein Charakter ist sehr stark dadurch bedingt, dass er die meiste Zeit seines Lebens von anderen verachtet wurde. Er entspringt einer etwas unglücklichen Verbindung zwischen zwei Kulturen, die einander feindselig gesinnt sind. Äußerlich kommt er ganz nach seinem Vater - er hat blonde Haare, dunkle blaugraue Augen und eine helle Haut -, aber aufgewachsen ist er im Volk seiner Mutter, wo er nie wirklich akzeptiert wurde. Dass der Ratsvorsitzende des Landes sein Ziehvater ist, hat ihn nicht unbedingt beliebter gemacht, sondern der Verachtung auch noch einen gewissen Neid hinzugefügt.

Die folgende Szene ist vermutlich aus dem Zusammenhang gerissen schwer zu verstehen - aber das sind alle Szenen mit Vendalar. Es ist ein Gespräch zwischen Rhal, einem Anatca (einem nicht-menschlichen Volk meiner Welt) und Dalar über eine dritte Figur namens Lechan, die um eine Eingliederung der Anatca in die menschliche Gesellschaft bemüht ist:

“Dir ist Lechan auch unheimlich”, stellte Vendalar fest.
“Das ist sie uns allen. Aber wir sind auf sie angewiesen. Sie ist unser Bindeglied zu den Menschen. Unsere einzige Verbündete unter ihnen.”
“Das stimmt nicht. Was ist mit Riava und mir? Ihr benötigt Lechan nicht mehr als euer Bindeglied.”
Rhal erwiderte Vendalars Lächeln. Dann wurde er wieder ernst. Er betrachtete das meist so verschlossene Gesicht des Menschen und dachte an sein Misstrauen, seine Schroffheit. “Ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber …”
“Aber was?”, fragte Vendalar scharf.
“Lechan hat die Fähigkeit, andere zu führen und zu überzeugen. Ich verstehe es zwar nicht ganz, aber es liegt wohl an ihrer Sicherheit und ihrem Selbstbewusstsein. Du kannst das nicht. Du …” Rhal brach ab. Erstmals machte der Mensch einen Schritt auf ihn zu und er wusste nichts besseres zu tun als ihn mit seinen Schwächen zu konfrontieren. Aber das Problem war, dass sie genau aus diesem Grund Lechan doch brauchten. Vendalar war niemand, der Menschen rasch für sich einnehmen, sie führen konnte. Dafür zweifelte er zu sehr an sich selbst und dafür war er zu wenig bereit, anderen einen Schritt entgegenzugehen. Vielmehr schien er alle anderen um jeden Preis ausschließen zu wollen.
Vendalar presste die Lippen aufeinander und legte die Stirn in Falten.
“Es tut mir Leid”, sagte Rhal. “Ich wollte nicht …”
“Nein, du hast Recht. So etwas in der Art hat schon Riava in Palua zu mir gesagt.” Vendalar lachte auf, hart und spöttisch. “Ich bin unfähig, wenn es um den Umgang mit anderen Menschen geht. Mein Ziehvater war sehr darum bemüht, diesen Defizit von mir auszumerzen, aber auch er war nicht erfolgreich.”

Kommentare:

  1. Liebe Neyasha,

    ich muss sagen, dass ich immer etwas skeptisch bin, wenn Leute, die gerne lesen, meinen, auch schreiben zu können.
    Aber deine zwei kurzen Abschnitte lesen sich so schön. Ich bin ehrlich begeistert und würde SOFORT ein Buch von dir kaufen, wenn es eines gibt.
    Sag Bescheid, wenn es soweit ist, ja? :)

    Viele liebe Grüße,
    Christine

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  2. Liebe Christine,
    Vielen Dank für diese wunderbaren Worte, die mir grad ein großes Strahlen ins Gesicht gezaubert haben. :-)
    Das mit dem Lesen und Schreiben geht ja auch irgendwie Hand in Hand - ich denke, dass man begeisterter Leser sein muss, um auch begeistert (und gut) schreiben zu können.

    Hier die Szenen auszuwählen, finde ich ja sehr schwierig. Sie sollen etwas über die Figur sagen, zumindest annähernd für sich verständlich sein und auch nicht gar zu arg für meine Romane spoilern. *lach*
    Dass dir die bisherigen Ausschnitte gefallen haben, freut mich daher umso mehr. :-)

    Liebe Grüße,
    Judith

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  3. Mann, das ist ja ein toller Charakter, Neyasha! Genau solche Figuren mag ich ganz besonders in Romanen und Filmen. Vor einigen Jahren hätte ich mich sicher glatt verliebt. Außerdem finde ich in der Beschreibung eine ganze Menge von mir selbst. Das macht mich jetzt richtig neugierig ...

    LG, Lena

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  4. Wirklich eine schöne Vorstellung und auch ein tolles Bild! :) Vendalar ist wirklich ein interessanter Charakter, und ich hoffe, irgendwann auch mal was über ihn lesen zu können. Es scheint öfter so zu sein, dass Lieblingscharaktere viel von einem selbst enthalten, was zum Glück kein Mensch außer einem selbst weiß. ;)
    Ich mühe mich seit heute früh ab, eine würdige Beschreibung für Malkar zu machen, jetzt kann ich natürlich nicht hinter dir zurückstehen ... *g*

    Liebe Grüße, Coppi

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