Sonntag, 18. September 2011

David Gemmell - Der silberne Bogen


Genre: Historischer Roman
Seiten: 640
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3453531956
Meine Bewertung: 3 von 5 Sternchen

Historien-Challenge (Sagen in der Geschichte)



Aeneas, Prinz von Dardania, der in diesem Roman meist "Helikaon" genannt wird, hat das größte Schiff seiner Zeit bauen lassen, die "Xanthos" und macht mit ihr Jagd auf Piraten und andere Schurken. Da es sich bei den Piraten aber großteils um Mykener handelt, die (natürlich inoffiziell) Agamemnos Befehl unterstehen, hat Helikaon schnell eine ganze Reihe von Leuten auf seinen Fersen, die ihn lieber tot als lebendig sehen würden. Doch auch nach Troja strecken die Mykener ihre Fühler aus - und machen es sich dabei zunutze, dass familiäre Konflikte die Lage im Palast instabil machen.

Diesen Roman zusammenzufassen, fällt mir sehr schwer, und damit wären wir auch gleich bei einem Problem, das zumindest die ersten 300 Seiten durchzieht: Die Handlung ist zunächst nicht besonders zielgerichtet. Da ist Helikaon, der Konflikte mit den mykenischen Piraten hat, dennoch aber kein bestimmtes Ziel zu verfolgen scheint. Dann Odysseus, der den dardanischen Prinzen einst unter seinen Fittichen hatte. Andromache, die gegen ihren Willen Hektor aus Troja heiraten soll und zuvor die Wege von Helikaon und Odysseus kreuzt. Gershom, ein ägyptischer Schiffbrüchiger, der von Helikaon und seinen Männern aus dem Meer gefischt wird und seine wahre Identität verschleiern möchte. Und schließlich Argurios, ein mykenischer Held, der Helikaon töten soll.
Obwohl alle diese Einzelschicksale durchaus miteinander verbunden werden, ist lange Zeit nicht wirklich erkennbar, wohin das alles letztendlich führen soll. Natürlich, irgendwann wohl zum trojanischen Krieg, da es sich ja hier um den ersten Band einer Troja-Trilogie handelt. Doch das ist kein Ziel und kein roter Faden, der aus dem Roman heraus erkennbar ist. Auch Spannung kam für mich lange Zeit nicht auf. Die Handlung dümpelt vor sich hin und man weiß nicht so recht, wohin alles führen soll, was mit gewissen Szenen bezweckt wird und was die Figuren eigentlich wollen.
Erst ab der Hälfte oder eher sogar ab dem letzten Drittel kam wirklich Fahrt in die Geschichte.

Das muss nun nicht grundsätzlich ein Problem sein. Ein Roman kann auch dann fesseln, wenn er nicht zielstrebig zu einem bestimmten Ereignis hinführt. Dann allerdings braucht er wirklich interessante Figuren, denen man bereitwillig folgt, weil man wissen möchte, was mit ihnen passiert. Das war für mich hier leider nicht der Fall. Helikaon bleibt lange Zeit sehr schwer zugänglich und schaffte es auch kaum, mich emotional zu berühren. Auch bei den anderen Figuren dauerte es teilweise sehr lange, bis ich mich mit ihnen anfreunden konnte.
Dabei geht es nicht darum, ob es sich hier nun um "gute" und sympathische Figuren handelt oder nicht. Ich bin auch schon sehr ambivalenten Figuren mit Haut und Haaren verfallen, wenn sie interessant, lebendig und dreidimensional wirken (Stichwort: Song of Ice and Fire). Bei Gemmell allerdings wirken die Figuren stellenweise eher wie Statuen. Erhöhte Helden, die legendär sind, einen aber nicht mitfiebern lassen. Bei einem Stoff wie Troja bietet sich das natürlich an und ich habe nun auch nicht prinzipiell etwas gegen echte Helden. In diesem Roman sind sie mir teilweise aber etwas zu legendär, zu heldenhaft und zu überragend im Kampf. Da hilft es auch nichts, dass Helikaon seine Dämonen mit sich herumträgt und sich teilweise zu grausamen Handlungen hinreißen lässt, die ihn nicht gerade zu einem wirklich positiven Charakter machen.
Dennoch konnte ich mich im Laufe des Romans mit den meisten Figuren immer besser anfreunden. Zum Ende hin habe ich dann auch wirklich mit ihnen mitgefiebert und wollte wissen, was weiter mit ihnen passiert.

Interessant dargestellt fand ich den historischen Hintergrund. Gemmell macht hier sehr klar deutlich, dass Troja und Mykene nicht alleine waren, sondern dass man sich hier in einem komplexen Geflecht aus verschiedenen Königreichen, Inselstaaten und Verbündeten befindet. Besonders spannend fand ich es, dass Gemmell hier der neueren Forschung folgt, die Troja als hethitischen Vasall betrachtet und auch trojanische Streitkräfte auf Seiten der Hethiter bei der Schlacht von Kadesch annimmt.
Allgemein versucht Gemmell eher, die Sage vor allem historisch darzustellen und geht hier auch durchaus seine eigenen Wege. Das führt dann auch zu einigen witzigen kleinen Änderungen, wenn etwa Helena von Sparta als nicht besonders schön dargestellt wird, sondern lediglich von dem schüchternen Bücherwurm Paris angehimmelt wird.
Gerade aber das Herausheben aus dem Bereich der Legenden und hinein in ein sehr greifbares politischs Umfeld macht vielleicht die überragenden Helden etwas unglaubwürdig. Denn diese wiederum passen eher in die Heldenepik als in einen realistischen historischen Roman.

Trotz aller Kritikpunkte hat aber David Gemmell hier einen interessanten Auftakt zu seiner Trilogie geschaffen. Er hat mit diesem Band die ersten Weichen für den trojanischen Krieg gestellt, und obwohl ich von dem Roman nicht ganz überzeugt war, interessiert es mich nun doch, wie er den Sagenstoff in den weiteren Bänden umsetzt.
Allgemein sind die Kritiken zu diesem Roman übrigens sehr begeistert - ich scheine mit meiner Meinung als wieder einmal eher einsam dazustehen. Mal sehen, ob meine Kritik zu den nächsten Bänden dann positiver ausfällt.

Für den ersten Band (den man übrigens auch problemlos als eigenständigen Roman lesen kann) vergebe ich hiermit mittelmäßige 3 Sternchen.

Kommentare:

  1. Danke!

    Ach ja ich weiß nicht ob du es gesehen hast, aber Deutsch und dann nochmal auf Englisch lesen ist ok! Das wird gewertet!

    LG Jessi

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  2. Ja, ich habs gesehen. Aber einen lieben Dank, dass du es mir hier auch nochmal bestätigst. Das ist schön, dann werde ich hier demnächst einen Beitrag zur Challenge schreiben. :-)

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