Sonntag, 4. September 2011

Thomas Mann - Buddenbrooks


Genre: Gesellschaftsroman
Seiten: 572 (Ja, die geringe Seitenanzahl kommt zustande durch eine winzige Schrift in dieser Ausgabe)
Verlag: Bertelsmann
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Klassiker-Challenge  (Deutschland)



Thomas Mann porträtiert hier vier Generationen einer Lübecker Kaufmannsfamilie - begonnen bei dem lebenslustigen Johann Buddenbrook über dessen pietistisch-strengen Sohn und seine Enkelkinder bis hin zu Hanno, dem schließlich letzten der Buddenbrooks. Schon in der zweiten Generation zeichnet sich durch Fehlentscheidungen und geschäftliche Verluste ein gewisser Niedergang ab. Zwar erreicht die Familie unter Thomas Buddenbrook ihren vermeintlichen Höhepunkt, als er Senator wird, doch die Familie und auch die Firma steuern doch unübersehbar auf ihren Untergang zu.

Jahrelang schwebten die Buddenbrooks wie ein Schreckgespenst über mir. "Diesen Roman muss man als Germanistikstudentin gelesen haben", dachte ich mir immer, aber da ich mich durch Manns "Zauberberg" streckenweise eher gequält hatte, wagte ich mich an den Roman einfach nicht heran. Nun gab die Klassiker-Challenge mir endlich den notwendigen Schubs. Zum Glück, muss ich sagen, denn ich fand den Roman wirklich sehr lesenswert.
Dabei ist der Einstieg eher mühsam: Schon im ersten Teil wird man von Namen erschlagen, und es ist nicht ganz einfach, den Überblick über all die Mitglieder der Familie zu behalten. Doch als ich erst einmal die ersten etwa 50 Seiten bewältigt hatte, las sich der Roman recht flüssig und problemlos.

Es ist faszinierend, wie Thomas Mann hier den schleichenden Niedergang einer Familie zeichnet, die sich mehrmals beinahe noch einmal zu berappeln scheint, ehe es doch wieder weiter bergab geht. Das führt natürlich auch zu einer eher pessimistischen Grundstimmung, obwohl es einige sehr witzige Momente gibt und der Roman keineswegs durchgehend trostlos ist.

Natürlich ist es interessant, die Familie als ganzes zu verfolgen, aber wie jeder gute Roman lebt auch dieser von einzelnen, starken Figuren. Thomas Mann schafft es, sehr klar charakterisierte Figuren mit teils recht stark ausgeprägten Eigenheiten sowie Stärken und Schwächen zu zeichnen. Trotz der Fülle an Personen stehen doch die Geschwister Tony und Thomas deutlich im Mittelpunkt. Tony ist wohl nicht nur für mich jene Figur, die mich emotional am stärksten ansprach, und so fungiert sie auch als eine Art Begleiterin durch den gesamten Roman: Mit ihr beginnt er, und sie bleibt den Lesern auch bis zum Ende erhalten.
Dabei ist Tony in all ihrer Naivität und Überheblichkeit doch sehr liebenswert und auch zu bemitleiden, wenn sie sich aus falschem Pflichtbewusstsein heraus immer wieder in unglückliche Ehen stürzt. Immerhin werden den Lesern mit diesen Ehemännern (vor allem mit Herrn Permaneder und seinem Bayrisch) einige sehr vergnügliche Momente geschenkt.
Mit Thomas tat ich mir etwas schwerer, ist er doch eine ziemlich schwierige und nicht immer liebenswerte Person. Mit seiner Konzentration auf Äußerlichkeiten und Repräsentation hat er aber doch so einiges mit Tony gemeinsam - auch wenn er ständig eine Rolle zu spielen scheint, während Tony oft sehr unbekümmert ihre Gefühle zur Schau stellt.

Parallel zu finanziellen Verlusten im Geschäftsleben geht es schließlich auch mit der Familie bergab: Thomas Buddenbrooks einziges Kind Hanno ist kränklich, schwach, schüchtern und von seinem Vater gänzlich unverstanden. Hanno scheint kaum lebensfähig zu sein, was einen krassen Gegensatz zu der Lebenslust und der Stärke seines Urgroßvaters darstellt. Und so strebt der Roman schließlich seinem unvermeidlichen Ende entgegen.

Thomas Manns erster Roman mag vielleicht noch nicht die Reife und sprachliche Ausgeklügeltheit des "Zauberbergs" zeigen, aber dennoch hat mir sein Erstling viel besser gefallen. Wenn man von ein paar Längen absieht, ist der Roman gut und unterhaltsam zu lesen und bietet eine Vielzahl von interessanten Figuren. Auch wenn die verschiedenen Perspektiven alle authentisch wirken, zeigt sich hier doch noch die Jugend des Autors: Wenn er aus der Sicht der noch jugendlichen Tony schreibt oder später aus der des heranwachsenden Hanno, schafft er deutlich mehr emotionale Nähe zu den Figuren als bei den älteren Perspektiventrägern. Diese Szenen sind auch jene, die am lebendigsten und anschaulichsten wirken.
Doch auch der Rest des Romans ist flüssig zu lesen - so flüssig und verhältnismäßig "einfach", dass ich jetzt im Nachhinein nicht mehr weiß, weshalb ich vor diesem Werk eine solche Scheu hatte.
Natürlich handelt es sich hier nicht um ein modernes Werk voller atemberaubender Spannung, aber dennoch ist der Roman auch heute noch lesenswert und alles andere als verstaubt.

Wegen einer Längen gibt das von mir 4 Sternchen.

Kommentare:

  1. Oh nein...du bist schon damit durch...ich schäm mich so !!!

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  2. Es tut mir ja Leid, dass ich nicht auf dich gewartet habe, aber ich wusste: Wenn ich nicht einfach kontinuierlich weiterlese, dann komm ich ganz raus und vergess die Hälfte der Namen wieder ...
    Wo hakts denn bei dir? Keine Zeit? Keine Lust? Findest du den Roman langweilig?

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  3. Ne kein Problem. Ich ärger mich ja selbst, dass ich nicht in den Quark komme. Aber wie du schon sagst, man muss einfach mal kontinuierlich durch lesen. Dass es dir so gut gefallen hat, macht mir Hoffnung. Ich werde mich also mal selbst in den Hintern treten müssen. Immerhin habe ich noch 3 Klassiker in diesem Jahr zu lesen.

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  4. "Doch auch der Rest des Romans ist flüssig zu lesen - so flüssig und verhältnismäßig "einfach", dass ich jetzt im Nachhinein nicht mehr weiß, weshalb ich vor diesem Werk eine solche Scheu hatte."

    So ähnlich ging es mir damit auch. Buddenbrooks ist zu einem meiner Lieblingsromane geworden, was ich vorher nie gedacht hätte, obwohl ich Thomas Mann schon gerne mochte. :)

    Liebe Grüße,
    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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