Montag, 17. Oktober 2011

Dreimal Hörbücher: Ein Hotel, eine Königin und ein Sonderdezernat

Während ich darauf warte, dass der Rauchfangkehrer kommt (ich warte schon seit 6:30!), nutze ich mal die Zeit, um ein paar Kurzrezensionen zu tippen. ;-)

Agatha Christie - Bertrams Hotel (ungekürztes Hörbuch)
Bertrams Hotel beginnt gemütlich mit einem sehr anschaulich beschriebenen altmodischen Hotel und seinen Gästen. Ich hatte fast das Gefühl, selbst dabeizusein, als man sich dort zum opulenten Five O'Clock Tea einfindet. Aber die betuliche Atmosphäre ändert sich bald, als zuerst ein Geistlicher verschwindet und alles darauf hindeutet, dass die Polizei es hier mit einem großen Verbrecherring zu tun hat.
Ich muss gestehen, dass ich von Agatha Christie lieber klassische Krimis mag als solche um Verbrecherringe und groß angelegte Raubzüge. Auch Miss Marple, die als Gast in Bertrams Hotel nur eine kleine Rolle in diesem Krimi spielt, scheint in dieses Umfeld nicht recht hineinzupassen.
Schließlich war mir dann auch das Ende gar zu dramatisch, während sich mittendrin die Handlung ordentlich zog. Für mich ein Tiefpunkt unter den Agatha Christie-Romanen und daher nur
2 von 5 Sternchen

Thomas Burnett Swann - Queens Walk in the Dusk (ungekürztes Hörbuch)
Swanns "Latium-Trilogie" hat schon einige Jahre auf dem Buckel und die (nur locker verknüpften) einzelnen Teile sind kaum noch zu bekommen. Dieser chronologisch 1. Band (der allerdings als letzter geschrieben wurde) ist überhaupt nur noch als Hörbuch bei Audible zu bekommen.
Kein Problem, dachte ich, es ist ungekürzt und ich brauch eh wieder Knüpf-Untermalung. Allerdings hatte ich hier sehr mit dem Englisch zu kämpfen. Ich schätze, dass ich beim Lesen keine solchen Probleme gehabt hätte, aber Swann schreibt recht anspruchsvoll und ich brauch es bei englischen Hörbüchern immer etwas simpler.
Daher ist mir sicher die eine oder andere Feinheit dieses schönen, kleinen Romans entgangen.
Swann schreibt darin über Dido und Aeneas und ihre kurze, tragische Liebe. Den bekannten Stoff bereitet er nicht historisch auf, sondern ganz klar phantastisch-mythologisch: Da gibt es einen Elefantengott, Nereiden und andere Wesenheiten. Sowohl diese als auch die Handlung sind eine Mischung aus altbekannten und neuen Elementen. Für die Tatsache, weshalb Aeneas die karthagische Königin schließlich verlässt, findet der Autor andere Gründe, die sich in diesen Roman sehr gut einfügen.
Neben der poetischen Sprache überzeugen vor allem die Figuren: Dido, die tatkräftige Königin, und Askanias, der pfiffige 10jährige Sohn von Aeneas, sind die Perspektiventräger, und man schließt die beiden ebenso schnell ins Herz wie Aeneas, ein Held wider Willen, der nicht allzu praktisch veranlagt, aber ein ungemein sympathischer Charakter ist. Und so entfaltet sich eine bittersüße Liebesgeschichte, der man mit bangem Herzen lauscht - weiß man doch, dass sie nicht glücklich enden kann.
4 von 5 Sternchen

Jussi Adler-Olsen - Erbarmen (gekürztes Hörbuch)
Nach einem Fall, der für zwei Polizisten tragisch endete, wird Carl Mørck ins neue "Sonderdezernat Q", in dem ungelöste Fälle wieder aufgerollt werden sollen, abgeschoben. Sozusagen als Mädchen für alles bekommt er den Syrer Assad zugeteilt, der sich als neugierig-gewifter Helfer entpuppt. Und angesichts des Arbeitseifers seines Assistenten bleibt auch Carl, der zunächst nur die Beine hochlegen und die Zeit totschlagen will, nichts anderes übrig, als sich mit dem Fall der vor fünf Jahren verschwundenen Politikerin Merete Lyngaard zu befassen.
Zunächst mal muss ich sagen, dass ich den Krimi wahnsinnig spannend fand und das Duo Carl/Assad einfach klasse. Den Fall selbst fand ich allerdings ziemlich haarsträubend. Die Art und Weise, wie Merete gefangen gehalten wird, hat mich zunächst auf eine komplett andere Spur gebracht - und zwar auf eine, auf die vermutlich sonst noch niemand gekommen ist und die sich für mich nur daraus ergab, dass ich einen logischen Grund dafür suchte, weshalb die Täter sie auf genau diese Art einsperren.
Dadurch war ich dann über die tatsächliche Auflösung doch überrascht - gewissermaßen aber auch enttäuscht, da ich sie sehr unglaubwürdig fand. Das ganze Rundherum ihrer Gefangenschaft kam mir effekthascherisch und übertrieben vor und die Motivation des Täters konnte ich nicht nachvollziehen.
Noch schlimmer an der ganzen Sache: Fünf Jahre in Isolationshaft (davon einen sehr langen Zeitraum völlig ohne Licht) hält ein Mensch nicht so einfach aus. Merete scheint, trotz aller Qualen, psychisch auch nach fünf Jahre unverändert, und das halte ich, gelinde ausgedrückt, für absoluten Schwachsinn.
Ich werde sicher auch den 2. Fall des Sonderdezernats Q lesen, da ich Carl und Assad super fand und auch sonst das Rundherum sehr mochte, aber für diese abstruse Geschichte gibt es von mir dennoch nur
3 von 5 Sternchen

Und wer jetzt gern wissen möchte, was für eine abstruse Theorie ich mir zusammengesponnen hätte, kann jetzt gern weiterlesen, aber sie wird Spoiler für den Roman enthalten. Ihr seid also gewarnt.

Eine Frau, die scheinbar ohne Grund entführt und in einen kargen Raum gesperrt wird, wo die Täter sie durch Fenster beobachten und sie wiederholt fragen "Warum glaubst du, wirst du hier wie ein Tier gefangen gehalten?". Einmal wird auch etwas gesagt, das darauf hindeutet, dass die Tatsache, dass sie dafür eben keinen Grund findet, entscheidend ist. Und dann noch diese abstruse Sache mit der Druckerhöhung und kurz vor der Entführung Gespräche mit Leute von Immunforschung (oder so ähnlich).
Worauf hat mich das nun gebracht? Nun, ich dachte, die Knackpunkte wären dieses "gefangengehalten wie ein Tier", wofür es anscheinend keine Gründe gibt, das Beobachten und diese seltsame Druckerhöhung, die auf mich den Eindruck eines Versuches machten - wie reagiert sie darauf usw.
Na, hat schon jemand erraten, in welche Richtung ich dachte?
Nun, ich habe angenommen, wir hätten es hier mit militanten Tierschützern zu tun. Ich dachte (natürlich nur solange, bis mehr über den Fall klar wurde), dass diese Sache mit der Immunforschung irgendwie in Zusammenhang mit Tierversuchen stünde und Merete als Politikerin auch etwas damit zu tun hatte (indem sie vielleicht ein entsprechendes Gesetz verabschiedet hatte oder so ähnlich). Tja, und ich dachte weiter, die Täter wollten sie nun wie ein Labortier halten und ihr damit diese Qual vor Augen führen: Unter schlimmen Bedingungen und fast ständig unter Beobachtung mit der ständigen quälenden Frage "was habe ich getan, um so etwas zu verdienen?".
Damit war ich von der tatsächlichen Auflösung so weit entfernt wie nur möglich, aber wisst ihr was: Mein Gedankenkonstrukt (so absurd es auch sein mochte) bot einen Grund für diese seltsame Art der Gefangenschaft. Die tatsächliche Lösung konnte mir dafür keinen nennen.
Ich meine: Ganz ehrlich, ein Junge gibt einem Mädchen, das sich im Auto mit dem Bruder zankt und dadurch den Vater kurz ablenkt, die Schuld an dem folgenden Unfall und möchte sich nun auf diese Weise an ihr rächen? Indem er sie in einer Druckkammer einsperrt, sie dort jahrelang leiden lässt, nach und nach den Druck erhöht, um dann nach fünf Jahren den Druck mit einem Schlag zu senken und sie auf diese Weise zu töten? WTF? Sorry, aber ich halte das noch immer für kompletten Blödsinn. Und ein lapidares "der Täter ist krank im Kopf" ist nicht wirklich eine ausreichende Erklärung dafür ...

Kommentare:

  1. Danke! Endlich mal jemand, der "Erbarmen" nicht einfach fünf Sterne gibt, nur weil Assad und Carl ein so tolles Team sind. ;)

    Ich hingegen fand, dass der Autor den Hintergrund für die Gefangenschaft schon fast zu auffällig erzählt hat - deine Idee hätte mir da besser gefallen :) - und hatte deshalb recht wenig Spannung in der Geschichte gefunden, wenn es in den Szenen um Merete ging.

    Aber weil auch mir Carl und Assad gut gefallen hatten, habe ich mich auch noch an den zweiten Band gemacht. Mich hatte der so weit enttäuscht, dass ich dann keine Lust mehr auf den dritten Teil hatte - nun bin ich gespannt, wie es dir ergehen wird. :)

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  2. Oje, das klingt ja nicht so gut mit dem 2. Band. :-( Naja, mal sehen.

    Und das mit dem Hintergrund ... Ich war so darauf fixiert, dass es unbedingt einen logischen Grund für genau diese Weise der Gefangennahme geben müsste, dass ich die Hälfte des Buches lang wohl blind und taub gegenüber den Hinweisen war. Und mir hätte meine Idee auch besser gefallen. *g* Immerhin wärs mal was anderes gewesen als die ewige Rache wegen Ereignissen in der Vergangenheit und Raum für kritische Überlegungen hätte es auch geboten.
    Tja, ich sehs schon, ich muss meinen eigenen Krimi schreiben. ;-)

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  3. Es gibt ja genügend Leuten, denen der zweite Band sehr gut gefallen hat - vielleicht bin ich auch nur wieder überkritisch. ;) Mir haben nur die kleinen Veränderungen beim Team Carl und Assad nicht gefallen und die Grundidee "reiche Jugendliche lebe ihre perversen Fantasien aus" ist in meinen Augen etwas ausgelutscht. Vielleicht war ich auch nur so enttäuscht, weil ich gehofft hatte, dass Adler-Olsen mehr daraus machen würde ... ;)

    Ohja, mach dich an deinen eigenen Krimi! Erfrischende Umsetzungen sind doch viel zu selten in dem Genre. ;D

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