Montag, 10. Oktober 2011

Mario Vargas Llosa - Tod in den Anden


Genre: Gegenwartsliteratur/Krimi
Seiten: 382
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3518397282
Meine Bewertung: 5 von 5 Sternchen

Klassiker-Challenge  (Südamerika)



Auf einem abgelegenen Polizeiposten hoch in den Anden sollen Korporal Lituma und sein Helfer Tomás das Verschwinden von drei Menschen aufklären. Doch von der einheimischen Bevölkerung werden sie mit Misstrauen beäugt, und Lituma wiederum bringt den Indios nur Verachtung und Arroganz entgegen. Die beiden Polizisten scheinen daher keinen Schritt weiterzukommen und leben zudem in ständiger Angst vor der Terrororganisation "Sendero Luminoso". Als einzige Ablenkung dient ihnen Tomás Erzählung von Mercedes, seiner großen Liebe. Und schließlich kommen sie auch der Lösung des Rätsels um die Verschwundenen allmählich auf die Spur.

Der Roman des Nobelpreisträgers (2010) Mario Vargas Llosa ist kein Krimi im eigentlich Sinne, auch wenn er durchaus einige Elemente des Krimis enthält. Er ist eine vielschichtige Erzählung, die mehrere Ebenen miteinander verknüpft: Litumas und Tomás Ermittlungen in den Anden, Tomás' Erinnerungen an seine große Liebe, Erzählungen der "Hexe" Adriana und schließlich auch einzelne Schicksale im Zusammenhang mit der Terrororganisation. Diese einzelnen Ebenen gleiten teilweise nahtlos ineinander, was anfangs etwas verwirrend ist, mit der Zeit aber sehr gut funktioniert.

Dabei sind alle diese Handlungsstränge sehr faszinierend. Die Ermittlungen von Lituma und Tomás erscheinen oft aussichtslos, da sich zwischen den beiden Polizisten und den Indios eine unüberwindbare Mauer zu befinden scheint. Misstrauen, Vorurteile und Unverständnis trennen sie voneinander - vor allem Lituma ist in seinen oft engstirnigen Vorstellungen gefangen und weiß mit dem Aberglauben der Bergbevölkerung nichts anzufangen. Diese war mit ihren fremdartigen, blutrünstigen Geistern bzw. Dämonen auch mir sehr fern. Dennoch übten gerade die grausamen und stellenweise auch obszönen Erzählungen von Adriana eine große Faszination auf mich aus.
Einen Gegensatz dazu stellt Tomás Geschichte dar, die den jungen Polizisten als naiven Schwärmer und Romantiker zeigt. In seiner bedingungslosen Liebe wirkt er realitätsfern, und wenn Lituma sich die meiste Zeit nur dafür interessiert, ob er denn Mercedes endlich flachgelegt hat, während Tomás seine Mercedes beinahe unerreichbar auf ein Podest stellt, hat das etwas Amüsantes, zugleich aber auch etwas Rührendes.
Die Erzählungen rund um die Terroristen schließlich sind schonungslos und brutal. Mitzuerleben, wie unschuldige Zivilisten für falsche Ideale ermordet werden, hat mich beim Lesen sehr beklommen zurückgelassen. Oft musste ich innehalten und erst einmal tief durchatmen, ehe ich wieder weiterlesen konnte.

Alle diese Handlungsstränge fügen sich zu einem sehr empfehlenswerten Roman zusammen. Einige Schilderungen (vor allem das tatsächliche Schicksal der Verschwundenen) mögen übertrieben sein, aber dennoch erhält man interessante und auch schockierende Einblicke in eine (zumindest mir bislang) unbekannte Kultur und Lebenswelt.
Der Roman liest sich sehr flüssig, wenngleich den Lesern einiges an Konzentration abverlangt wird. Die Sprache ist nüchtern, schlicht und sehr direkt - blumige Formulierungen wird man hier vergeblich suchen. Aber der fast karge Stil passt sehr gut zu dem Roman und der kargen, einsamen Bergwelt.
Ein Roman, der sicher keine leichte Kost ist, trotzdem aber sehr empfehlenswert!

Kommentare:

  1. Achsoooo, und ich hab die ganze Zeit gedacht das ist diese Geschichte mit dem Fußballteam, das in den Anden mit dem Flugzeug abstürzt und sich dann aus der Not heraus gegenseitig essen muss. Hieß das nicht "Tod in den Anden"? Hm, offenbar nicht.

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  2. Nein, da gibts nur einen Roman bzw. eher einen Tatsachenbericht von Piers Paul Read mit dem Titel "Überleben" (und einen gleichnamigen Film). Den haben wir zuhause - ist auch ein sehr interessantes Buch.

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