Samstag, 21. Januar 2012

Juli Zeh - Corpus Delicti


Genre: Dystopie/Gegenwartsliteratur
Verlag: DAV
ISBN: 978-3898138772
Dauer: 4 h 34 min (ungekürzte Lesung)
gelesen von: Helene Grass
meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Themen-Challenge (Utopie/Dystopie)


Nach dem Selbstmord ihres Bruders möchte Mia Holl nur in Ruhe gelassen werden und sich für eine Weile von allen zurückziehen - doch in einer Gesellschaft, in der die Sorge um den Körper zum höchsten Anliegen des Staates gehört, ist ihr genau das nicht möglich. Die "Methode" kontrolliert die Gesundheit jedes einzelnen Menschen und wer keine genauen Sport-, Schlaf- und Ernährungsberichte abliefert, macht sich strafbar.
So findet Mia Holl sich bald vor Gericht wieder - und im Zuge der Verhandlung wird auch der Prozess gegen ihren Bruder, der wegen Vergewaltigung verurteilt wurde, neu aufgerollt. Aber was geschieht, wenn in einem System, das angeblich unfehlbar ist, Fehler festgestellt werden?

Seit Juli Zeh mit "Adler und Engel" bekannt wurde, habe ich alle ihre Romane gelesen - und genossen, auch wenn mich ihre etwas bemüht gekünstelte Sprache mit einem Übermaß an Metaphern manchmal ein wenig gestört hat.
Bei diesem Roman nun ist die Sprache nüchterner, oft schon von einer kühlen Distanziertheit. Das passt nicht nur zum Thema, sondern hat mir auch besser gefallen als die sonst oft so überladene Sprache der Autorin.

"Corpus Delicti" zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die auf den äußeren Blick perfekt wirkt - es gibt kaum noch Krankheiten und das körperliche Wohl eines jeden Menschen liegt der "Methode" am Herzen. Doch damit gehen nicht nur Überwachung und der Verlust jeglicher Individulität einher, sondern auch eine völlige Konzentration auf den Körper und seine Gesundheit. Ein Wald wird in dieser Welt zu einer Bedrohung, da es keine keimfreie Umgebung ist; Querdenker gelten als Feinde der allmächtigen "Methode". Als augenscheinlich utopische Gesellschaft, deren Zwänge und Probleme sich erst unter der Oberfläche zeigen, ist Juli Zehs Roman eine wirklich "klassische" Dystopie, die sich meiner Meinung nach wohltuend aus dem Dschungel der zahlreichen Jugend-Dystopien heraushebt. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich die Jugend-Dystopien nicht mag, aber was mich an "Corpus Delicti" wirklich gefesselt hat, das sind gerade die negativen Aspekte und die Gnadenlosigkeit, mit der das Thema behandelt wird.
Es ist ein durch und durch schonungsloser Roman - keine Liebesgeschichte hebt die Protagonistin aus der Hoffnungslosigkeit heraus und im Kampf gegen die "Methode" hat ein einzelner Mensch kaum Chancen. Das ist frustrierend zu lesen und hat mich am Ende auch mit einem Gefühl der Ohnmacht zurückgelassen. Es ist unmöglich, den Roman gleich wieder aus dem Kopf zu bekommen, und das spricht auf alle Fälle für ihn. Als gemütliche Unterhaltung zwischendurch ist er hingegen nicht sehr geeignet.

Mein einziger Kritikpunkt an dem Roman ist die Tatsache, dass es eigentlich kein Roman ist bzw. war. "Corpus Delicti" war nämlich zunächst ein Theaterstück, und das merkt man doch sehr deutlich. Die Szenen bestehen zu großen Teilen aus Dialogen, eine Innensicht der Figuren ist kaum gegeben. Das hat mich nicht direkt gestört, aber die Strukturen eines Dramas sind so stark erkennbar, dass ich mich ab und zu gefragt habe, ob es wirklich sinnvoll war, daraus einen Roman zu machen.

"Corpus Delicti" ist eine wirklich eindringliche Dystopie mit einer fesselnden Handlung, starken Dialogen und auch einigen wunderschön zarten Szenen zwischen Mia und ihrem Bruder. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es notwendig gewesen wäre, ihn in eine Romanform zu pressen - vielleicht hätte man es beim Theaterstück belassen sollen. Denn als solches würde ich es wirklich gern auf der Bühne sehen; nein, mehr noch: Am liebsten würde ich es sofort selbst inszenieren. ;-)

4 Sternchen für eine wirklich empfehlenswerte Geschichte, die vielleicht nicht in der für sie perfekten Form erzählt wird.

Kommentare:

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