Montag, 23. April 2012

Gail Jones - Sechzig Lichter


Genre: Historischer Roman, Gegenwartsliteratur
Seiten: 221
Verlag: Edition Nautilus
ISBN: 978-3894015626
Meine Bewertung: 3,5 von 5 Sternchen




Australien im 19. Jahrhundert: Nach dem Tod ihrer Eltern werden die Geschwister Lucy und Tom von ihrem Onkel Neville nach England geholt. Als Arbeiterin in einer Albumen-Fabrik, wo lichtempfindliches Papier hergestellt wird, kommt Lucy erstmals mit der Fotografie in Berührung. Als ihr Weg sie schließlich nach Indien führt, erhält sie Unterricht bei einem Fotografen und verschreibt sich fortan ganz dieser Kunst.

"Sechzig Lichter" ist ein faszinierender, aber sperriger Roman. Zu Beginn fiel es mir nicht ganz leicht, in ihn hineinzufinden, da er abrupt zwischen Lucys Kindheit und der Geschichte ihrer Eltern hin- und herspringt. Doch mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt und war fast enttäuscht, als die Erzählung dann doch linear wurde und sich ganz auf Lucy konzentrierte.
Gail Jones erzeugt in ihrem Roman sehr starke Bilder. Mit einer großartigen Beobachtungsgabe beschreibt sie kleine Momente, Details, mitunter ganz alltägliche Szenen. Diese Momente versucht Lucy festzuhalten, und die Fotografie bietet ihr dazu die Gelegenheit.

Neben diesen Momentaufnahmen tritt die Handlung manchmal fast in den Hintergrund, aber sie wird doch auch dazwischen immer wieder flott vorangetrieben. Es ist schon ein großer Lebensweg, den die Autorin da auf so wenigen Seiten einfängt. Manchmal hätte ich mir dann auch gewünscht, an manchen Stellen länger verweilen zu können, nicht so rasch wieder fortgetrieben zu werden.
Denn die Themen, die angeschnitten werden, sind interessant und hätten durchaus mehr Raum verdient: die Anfänge der Fotografie, Toms Arbeit in einer Laterna-Magic-Schau, Lucys Seereise nach Indien, Australien im 19. Jahrhundert und die Gegensätze zu London, ... 
Besonders Lucys Zeit in Indien hätte gerne noch ausführlicher sein dürfen, da Gail Jones hier mit einer unglaublichen Liebe und Wärme von dem Land schreibt. Zu sehen, wie Lucy sich hier auf ihre ganz eigene Art eingliedert und nahezu aufblüht, war einfach schön.

Überhaupt ist Lucy eine interessante Protagonistin: eine junge Frau mit einem unglaublichen Lebenshunger und einem ganz eigenen Blick auf die Dinge. Anders als andere Fotografen ihrer Zeit strebt sie keine Perfektion an, sondern sucht ganz im Gegenteil eher nach Fehlern auf ihren Bildern, nach Besonderheiten, die andere mit Geringschätzung betrachten und sie doch erst richtig zum Leben erwecken.

"Sechzig Lichter" ist ein ganz besonderer, kleiner Roman, den ich trotz seiner Schwächen wärmstens weiterempfehlen kann. Sprachlich ist er nahezu herausragend. Schade nur, dass er über manche Stellen zu schnell hinwegzufliegen scheint und die Geschichte von Lucys Eltern am Anfang fast wie losgelöst vom restlichen Roman wirkt.
Im Bereich der historischen Romane über das 19. Jahrhundert ist er auf alle Fälle etwas ganz eigenständiges und bietet Abwechslung von vielen sonst immer gleichen Büchern.

Kommentare:

  1. Ich fand gerade die Großbuchstaben super, hab mich immer gefreut möglichst viele davon auf einer Seite zu haben (Der Tod scheint mein heimlicher Schwarm zu sein.):p

    Das Buch hört sich gut an, hast du das in der Originalfassung gelesen? Sprachlich herausragend ist immer gut!

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  2. Nein, im Original ist es auf Englisch (mit dem selben Titel, also "Sixty Lights"), aber ich hatte es aus der Bücherei, da gabs das nur in der Übersetzung.

    An die Großbuchstaben muss man sich vielleicht gewöhnen. Vielleicht würden sie mich jetzt auch nicht mehr so stören, aber damals haben sie mich genervt.

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