Sonntag, 19. August 2012

Titus Müller - Tanz unter Sternen



Genre: (Historischer) Roman
Seiten: 400
Verlag: Blessing
ISBN: 978-3896674562
Meine Bewertung: 2,5 von 5 Sternchen



Die Tänzerin Nele Stern findet in Europa kein Engagement und beschließt, in Amerika ihr Glück zu versuchen. An Bord der Titanic trifft sie auf den Pastor Matheus, der mit seiner Frau Cäcilie und seinem Sohn ebenfalls in Amerika neu beginnen möchte. Doch anstatt seine Ehe zu retten, scheint es, als würde Matheus sie mit der Überfahrt eher zerstören, denn mit dabei ist auch ein reicher Brite, der sich ungeniert an Cäcilie heranmacht. Der Untergang der Titanic wirbelt schließlich ihrer aller Schicksal wieder gehörig durcheinander.

"Tanz unter Sternen" beginnt sehr vielversprechend mit spannenden Figuren, aber leider kam für mich bald die Ernüchterung. Das Hauptproblem an dem Roman bestand für mich darin, dass die Figuren oft ohne erkennbare Motivation handeln und ansonsten allgemein sehr blass wirken. Die Liebesgeschichte zwischen Matheus und Nele kommt aus dem Nichts und wirkt für mich besonders aus seiner Sicht völlig unmotiviert, wie vom Plot, aber nicht aus den Charakteren heraus vorgegeben. Überhaupt hatte ich das Gefühl als hätte Titus Müller bei Matheus sehr viel Potenzial verschenkt. Der Mann, der anfangs selbst an Land Albträume von einem Schiffsunglück aus seiner Vergangenheit hat, steckt schließlich nicht nur die Fahrt auf der Titanic an sich, sondern selbst den Untergang beinahe problemlos weg. Ich hätte hier wirklich eine intensive Auseinandersetzung mit seinem Trauma erwartet - und letztendlich vielleicht auch eine Überwindung desselben, aber stattdessen findet hier eine Entwicklung statt, die man nicht einmal als eine solche bezeichnen kann: Vielmehr ist es eine sprunghafte Veränderung von einem Moment auf den anderen, und dasselbe Problem ist mir auch bei den anderen Figuren aufgefallen. Sie haben zwar alle ihre Stärken und Schwächen, bleiben aber dennoch sehr oberflächlich und entwickeln sich nicht allmählich, sondern stets in großen Sprüngen.

Sehr seltsam fand ich die Tatsache, dass sich die wenigen Protagonisten an Bord des Schiffes ständig entweder zufällig über den Weg laufen oder aber sich immer gleich mühelos finden (außer, der Plot verlangt gerade eine lange Suche). Es wirkt ein wenig als wäre die Titanic ein kleines Fährschiff und kein riesiger Dampfer. Wenn ich mir da nur vorstelle, wie unüberschaubar und labyrinthartig selbst mittelgroße Schiffe (wie etwa jene der Hurtigruten) sind! Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich da ständig über den Weg läuft oder ohne vereinbarten Treffpunkt ohne Probleme findet, ist eher gering. Auch ein simples Eindringen in die Kesselräume, ohne dort von jemandem bemerkt zu werden, halte ich für eher unwahrscheinlich (aber in dem Punkt mag ich mich täuschen).
Insgesamt wollte aus diesen Gründen für mich keine rechte Atmosphäre aufkommen, als die Handlung erst einmal zur Titanic wechselt. Das wurde noch dadurch verstärkt, dass Titus Müller beim Untergang schließlich ausgerechnet auf jene klischeehaften Details zurückgreift, die man schon zur Genüge kennt: die Musikkapelle, die Nearer, My God, to Thee spielt; der Mann, der sich als Frau verkleidet, um einen Platz im Rettungsboot zu ergattern; die Halbwüchsigen, die mit den Eisbrocken spielen. Die Titanic hat doch eine solche Fülle an Einzelschicksalen und auch Raum für neue Geschichten zu bieten, dass ich es schade fand, hier ausgerechnet diese ausgetretenen Elemente erneut präsentiert zu bekommen.

Der letzte Drittel schließlich, also die Zeit nach dem Untergang, konnte für mich die Kastanien auch nicht mehr aus dem Feuer holen. Die Verknüpfungen mit den Auslösern für den 1. Weltkrieg und auch die zeitrafferartige Nacherzählung dieser Zeit kamen mir ein wenig fehlplatziert vor. Gerade hier zeigt sich sehr deutlich, dass der Roman vielleicht ein bisschen zu viel auf einmal sein will: Liebesgeschichte (mit Verwicklungen, die einer Seifenoper alle Ehre machen), Spionageroman, Kriminalgeschichte, Gesellschaftsroman, literarische Aufarbeitung des Titanic-Unglückes. Diese Elemente fügen sich nur stellenweise ineinander und wirken sonst in ihrer Verbindung eher erzwungen.

Sprachlich ist der Roman durchaus schön zu lesen, da gibt es nicht großartig etwas auszusetzen. Die Szenen (bzw. Perspektivenwechsel) sind zwar teilweise arg kurz, aber sonst liest sich "Tanz unter Sternen" recht flüssig.
Gut gelungen ist vor allem der Anfang, der mit großartigen Details zum Berlin des frühen 20. Jahrhunderts und allgemein einer sehr dichten Atmosphäre aufwartet. Mit dem Wechsel des Schauplatzes auf die Titanic lässt der Roman leider stark nach und die recht platten Figuren tragen ihr übriges dazu bei.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich vielleicht mit der falschen Erwartungshaltung an den Roman herangegangen bin. Vermarktet wird er eher in die "literarische" Richtung, daher habe ich etwas im Stil eines "Nachtzug nach Lissabon" oder "Die Vermessung der Welt" erwartet. Bekommen habe ich eher anspruchslose Unterhaltungsliteratur, was per se überhaupt nichts schlechtes ist, aber es war eben nicht das, was ich erwartet hatte. Das hat sicher zu meinem eher negativen Leseeindruck beigetragen.

Kommentare:

  1. Echt, der wird als "literarisch" vermarktet? Auf die Idee wäre ich jetzt gar nicht gekommen, Titus Müller schreibt sonst ja auch historische Unterhaltung ...

    Na, auf jeden Fall bin ich nach deiner Rezension jetzt doch ganz froh, dass mir meine Eltern von den beiden Wunschbüchern den Harold Fry geschenkt haben - das hier leihe ich dann besser mal aus oder kaufe es wenigstens erst, wenn es als Taschenbuch rauskommt.

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    1. Also ich hatte vorher noch nie von Titus Müller gehört, insofern hab ich den Autor für mich noch nirgends eingeordnet. Aber ich hatte eine Besprechung im Feuilleton einer Tageszeitung gelesen, die eindeutig in die literarische Richtung deutete und hab den Roman in einer Buchhandlung auch auf einem Tisch im Kreise entsprechender anderer Romane gesehen.
      Daher der Trugschluss - hätte mir Titus Müller als Autor bereits etwas gesagt, hätte ich vielleicht andere Schlüsse gezogen.

      Sonst kommt der Roman auf alle Fälle sehr gut an. Scheint, als wäre ich die einzige, die so viel daran zu benörgeln hat. ;-)

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    2. Naja, du hast vielleicht was dran zu benörgeln, aber dafür tust du das ziemlich gut und vor allem mit entsprechender Argumentation und Begründung. Die Rezension hat mir wirklich gut gefallen und vorerst dazu geführt, dass ich jetzt selbst ein wenig Abstand von dem Buch nehmen würde. Ich fand, es klang so interessant und aufregend... Aber jetzt werde ich - wenn überhaupt - wohl auch eher auf das Taschenbuch warten.

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    3. Ich muss sagen, dass dieser Roman es mir auch recht leicht gemacht hat, eine Rezension zu schreiben. Oft lese ich ein Buch und finde es nicht so toll, kann aber gar nicht genau sagen weshalb. Hier konnte ich aber zum Glück sehr genau den Finger darauf legen, was mich gestört hat.

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