Samstag, 23. März 2013

Jane Austen - Überredung


Genre: Liebesroman, Klassiker
Seiten: 320
Verlag: Anaconda
ISBN: 978-3866475540
Meine Bewertung: 3,5 von 5 Sternchen

"Bücher, die man gelesen haben muss"-Challenge


Als junge Frau verliebt Anne Elliot sich in Frederick Wentworth, lehnt aber auf Anraten ihrer mütterlichen Freundin Lady Russell seinen Antrag ab. Acht Jahre später trifft sie ihn wieder: Während Captain Wentworth es zu Geld und Ansehen gebracht hat, mussten die Elliots aus Geldgründen ihr Herrenhaus vermieten und Anne hat nun mit Ende 20 ihre jugendliche Schönheit verloren. Sie muss sich schnell eingestehen, dass sie ihren einstigen Verehrer noch immer liebt, aber er scheint ihr die damalige Abfuhr nicht verziehen zu haben.

Ich habe "Überredung" vor Jahren bereits einmal gelesen, aber der Roman konnte mich nicht so begeistern wie andere Bücher von Jane Austen. Nun wollte ich ihm noch einmal eine Chance geben und musste feststellen, dass es mir beim Lesen wieder so ging wie damals.
Dabei hat der Roman recht interessante Ansätze zu bieten, mit einer Hauptperson, die die Blüte ihrer Jugend schon hinter sich hat und nicht als große Schönheit umschwärmt wird. Aber das Problem ist, dass ich mich mit Anne Elliot einfach nicht so recht anfreunden kann. Anders als meine Austen-"Lieblinge", die recht offensichtliche Fehler und Schwächen haben, ist Anne nahezu ein Engel: herzensgut, geduldig, hilfsbereit, verständnisvoll, bescheiden, vernünftig, ... Ankreiden kann man ihr höchstens, dass sie sich damals von Lady Russell allzu leicht überreden ließ, aber auch das wird zum Ende des Romans hin relativiert und als keine wirkliche Fehlentscheidung dargestellt.
Kurz und gut: Anne wird so positiv dargestellt, dass ich sie schlichtweg langweilig fand.

Wie um ein Gegengewicht zu bieten, sind die restlichen Familienmitglieder keineswegs mit allzu vielen positiven Eigenschaften gesegnet. Die ältere Schwester oberflächlich, der Vater eitel und selbstgefällig, die jüngere Schwester egozentrisch und weinerlich und alle ohne jegliche Menschenkenntnis. Niemand von ihnen hat auch nur das geringste ehrliche Interesse an Anne - sie, dieses Goldstück der Familie, wirkt wie ein unliebsames Anhängsel.
Nun ist Jane Austen ja durchaus für ihre bissigen Charakterisierungen bekannt, aber in "Überredung" geht es ein wenig darüber hinaus. Sonst haben die Figuren, die bei ihr nicht so gut wegkommen, meist doch immer noch ein paar positive Eigenschaften oder aber es macht wenigstens Spaß, sie zu hassen (ich sag nur: Mr. Collins). Aber Sir Walter Elliot und Elisabeth sind durch und durch unsympathisch und Mary so nervtötend, dass man es kaum erträgt über sie zu lesen.

Abseits der Elliots finden sich aber erfreulicherweise doch vielschichtigere Figuren, so etwa Wentworths Freunde, die Crofts, sowie die Familie von Marys Ehemann. Auch Lady Russell, die man anfangs wegen ihres schlechten Einflusses auf Anne mit Vorbehalten betrachtet, entpuppt sich als recht sympathische und vernünftige Person.

Die wiederaufkeimende Liebe zwischen Anne und Wentworth ist schließlich wirklich herzerwärmend beschrieben und auch gut nachvollziehbar (wobei es für mich ja schon der größte Liebesbeweis ist, dass Anne sich in den acht Jahren nicht dem erstbesten Mann an den Hals geworfen hat, nur um dieser schrecklichen Familie zu entkommen). Außerdem liest sich "Überredung" wie alle Austen-Romane sehr flüssig und ohne großartige Längen, selbst wenn stellenweise nicht unbedingt viel geschieht.

Alles in allem ist "Überredung" ein schön geschriebener Roman, der einmal eine etwas andere Liebesgeschichte zu bieten hat, dessen Heldin aber meiner Meinung nach allzu einseitig gut gezeichnet ist - und ihre Familie im Gegenzug allzu einseitig "schlecht".
Ich brauche einfach so fehlerbehaftete und doch liebenswerte Heldinnen wie Lizzie Bennet, Emma Woodhouse oder Catherine Morland, die ein Potenzial zu einer wirklichen Weiterentwicklung haben (auch das fehlt Anne Elliot).
Letztendlich war das also eine kurzweilige Lektüre, aber keine, die mich tatsächlich begeistert hat.
Warum es der Roman (neben "Stolz und Vorurteil" sowie "Emma") auf die BBC-Liste geschafft hat, ist mir eher ein Rätsel. Anscheinend können andere Leser mehr mit der duldsamen Anne Elliot anfangen als ich.

Kommentare:

  1. Dann geht es dir ja ähnlich wie mir - ich werde mit dem Roman auch nicht warm. Die Verfilmung mit Amanda Root mag ich sehr gerne, aber das Buch... Anne ist wirklich langweilig und die Familie unerträglich. Mir ist das zu sehr Aschenputtel ;)

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    1. Ja, die Verfilmung ist sehr schön. Aber bei dem Buch war ich wirklich überrascht ist, dass es beliebt genug ist, um es auf die BBC-Liste zu schaffen. Die Familie hält man ja wirklich nicht aus und Anne ist nicht unbedingt eine Heldin, die einem im Gedächtnis bleibt.

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