Mittwoch, 31. Juli 2013

Koushun Takami - Battle Royale


Genre: Science Fiction?
Seiten: 624
Verlag: VIZ Media
ISBN: 9781421527727
Meine Bewertung: 2,5 von 5 Sternchen



In einer nicht näher festgelegten Zeit werden in dem fiktiven totalitären Staat "Republic of Greater East Asia" jedes Jahr mehrere Schulklassen ausgewählt, um an dem Programm "Battle Royale" teilzunehmen. Das bedeutet, dass sich die Schüler auf einer Insel oder einem anderen abgeschlossenen Gebiet so lange zu bekämpfen haben, bis nur noch eine(r) überlebt.
Der 15jährige Shuya gehört in diesem Jahr einem der 42 Schüler der Klasse 3B der Shiroiwa-Mittelschule, die für dieses Programm ausgewählt wurde. Er sucht nach Verbündeten - und muss feststellen, dass manche seiner Klassenkameraden sofort bereit sind, das grausame Spiel mitzuspielen.

"Battle Royale" wird gern mit den "Hunger Games" verglichen (oder eher umgekehrt, da "Battle Royale" deutlich älter ist), was nur zum Teil verständlich ist. Es gibt einige Gemeinsamkeiten, gleichzeitig aber auch so viele Unterschiede, dass es etwas gewagt ist, Suzanne Collins vorzuwerfen, sie hätte sich an dem japanischen Roman bedient. Dennoch konnte natürlich auch ich gewisse Vergleiche beim Lesen nicht ganz ausblenden und muss zugeben, dass aus meiner Sicht die "Hunger Games" in vielerlei Hinsicht deutlich besser funktionieren. Man hat eine Protagonistin, mit der man mitfiebert eine Hintergrund-Gesellschaft, die zwar nicht gänzlich logisch ist, aber doch sehr greifbar wird und durch die Anklänge an Reality-TV eine Nähe zu unserer Gegenwart, die einem beim Lesen ordentlich etwas zu denken gibt.

"Battle Royale" hat auf diesen Ebenen dagegen mit einigen Problemen zu kämpfen, die mir das Lese"vergnügen" doch etwas verleidet haben (nicht, dass man bei diesem Thema überhaupt von Vergnügen sprechen kann). Das Hauptproblem ist, dass mir bis zum Ende nicht klar wurde, was mit diesem Programm bezweckt wird. Es werden mehrere Erklärungen geliefert, die ich aber alle nicht einleuchtend fand. Es scheint mir ein seltsames Machtmittel zu sein, wenn selbst die Kinder von denen, die sich der Regierung fügen oder sogar für sie arbeiten, nicht verschont bleiben. Anders als bei den "Hunger Games", wo das gesamte privilegierte Capitol von den grausamen Spielen verschont bleibt, scheint es hier jeden treffen zu können. Es kann also kein Drohmittel gegen Rebellen sein, wenn auch jene, die das System unterstützen, nicht sicher sind? Letztendlich verdeutlicht es lediglich die Willkür der Regierung, ihre Allmacht, die sie zu solchen Grausamkeiten befähigt. Warum aber sollte überhaupt jemand dieses System unterstützen, wenn man letztendlich nichts davon hat? Warum gibt es keinerlei Widerstand gegen das System?
Das alles bleibt umso mehr unklar, da man über die Gesellschaft, die hinter all dem steckt, kaum etwas erfährt.

Das andere Problem ist zugleich eine Stärke: Takami heftet sich zwar mit Shuya an eine Hauptfigur dran, bringt aber noch zahlreiche weitere Perspektiven ein, da man praktisch allen Schülern beim Töten und Sterben zusieht. Das ist anfangs noch sehr wirkungsvoll, schockierend und vielleicht auch notwendig, um zu zeigen, zu welchen Reaktionen und gruppendynamischen Vorgängen eine solche Extremsitaion führen kann. Mit der Zeit wird es aber ermüdend und wirkt teilweise sinnlos: Ist es wirklich notwendig, den Tod jedes einzelnen in allen Details zu schildern? Ständig noch neue und grausamere Möglichkeiten darzustellen? Und weshalb soll ich mich überhaupt für die gesamte Vergangenheit einer Figur interessieren, wenn ich bereits weiß, dass am Ende des Kapitels ihr Tod stehen wird?
Es ist durchaus interessant, das ganze aus verschiedenen Blickwinkeln zu erleben, aber eine gewisse Einschränkung auf einen Teil der Figuren wäre wünschenswert gewesen, zumal es auch schwer fällt, alle Namen auseinanderzuhalten.

Der Roman hat für mich dadurch einige Längen und wird manchmal trotz des schockierenden Themas ab und zu langweilig oder wirkt wie ein wahres Schwelgen in Gewaltszenen. Brutalität zu Unterhaltungszwecken scheint wichtiger zu sein als der Anstoß zum Denken.
Trotzdem ist "Battle Royale" dazwischen auch wieder sehr spannend und nimmt einen mit, vor allem, wenn manches Mal aufgrund eines kleinen Missverständnisses oder Fehlers auf einmal alles schiefgeht. Es gibt einige recht interessante Figurenkonstellationen, leider aber auch sehr viel schwarz-weiß-Zeichnung und aufgrund der Menge des Personals einige sehr eindimensionale Figuren.
Gerade Shuya gehört leider zu den weniger interessanten Figuren, da er einfach zu gut ist um wahr zu sein: Er ist freundlich und klug, aufopferungsvoll, tötet natürlich nur aus reiner Gegenwehr, wenn er keine andere Wahl hat, ist gutaussehend und ein guter Sportler, ein rebellischer Musiker (also auch noch "cool") und der Schwarm zahlreicher Mädchen. Eins davon ist Noriko, das sich mit ihm zusammenschließt, leider aber den ganzen Roman über außer einer paar Sätzen nur wenig zur Handlung beizutragen hat.

Zum Schreibstil ist zu sagen, dass manchmal gerade einige emotionale Szenen fast schon unbeholfen wirken, da der Tonfall ab und zu arg pathetisch wird. Das mag aber auch an der Übersetzung liegen, zu der ich noch kurz etwas sagen möchte: Ich habe das Buch in der englischen Übersetzung gelesen, da die deutsche wirklich schlecht ist. Sie strotzt vor Fehlern sowohl in der Rechtschreibung als auch der Grammatik und liest sich extrem sperrig - möglicherweise aufgrund des Versuchs, japanische Satzstrukturen einfach ins Deutsche zu übertragen, was so natürlich nicht funktioniert.
Ich würde also allen die englische Version ans Herz legen.

Nach vielen Worten also noch ein abschließendes Fazit: "Battle Royale" bietet eine interessante Idee, die aber meiner Meinung nach nicht immer gelungen umgesetzt ist. Aufgrund des Themas und der zahlreichen ausführlich geschilderten Gewaltszenen, ist der Roman oft sehr harter Tobak, konnte mich aber trotzdem emotional nicht gänzlich mitreißen.
Ich finde vieles im Ansatz sehr interessant und die Handlung über manche Strecken auch spannend, aber wirklich überzeugt hat mich der Roman nicht - und anders als die "Hunger Games" hat er mich nicht zum weiteren Nachdenken gebracht.


(Wenn nicht bald mal wieder ein richtiger "Knüller" kommt, dann bekomm ich echt noch eine Lesekrise ...)

Sonntag, 28. Juli 2013

Sonntagsgeplauder #59

Puh, was ist das nur für eine Hitze! Ich bin ja kein großer Fan vom Sommer in der Großstadt und momentan erfahre ich auch wieder mit aller Deutlichkeit, weshalb nicht.
Draußen unerträglich, drinnen unerträglich und nachts keine Abkühlung ... Da muss ich direkt froh darüber sein, dass mein Wochenende mit Diensten vollgestopft ist, da es zumindest in der Arbeit ein wenig kühler ist.

Nun ja, genug des Jammerns. Erfreulicher als die Hitze ist die Tatsache, dass ich zwei Bücher ausgelesen habe und nun gerade in dieser herrlichen "Was lese ich als nächstes?"-Phase bin, die ich einfach nur liebe. Geht es euch damit auch so?
Ausgelesen habe ich "Das Buch der toten Tage" von Marcus Sedgwick, das mir gut gefallen hat, mich aber doch nicht ganz überzeugen konnte. Und "Battle Royale" von Koushun Takami, das für mich sehr viele Licht-, aber auch Schattenseiten hatte. Noch bin ich etwas unschlüssig, was ich von dem Roman halten soll. Beim Lesen war es ein ständiges Auf und Ab mit einer leichten Aufwärtstendenz zum Ende hin, während es für mich in der Mitte einige Durchhänger gab. Eine ausführliche Rezension wird noch folgen.

Schreibmäßig tut sich noch immer nicht allzu viel. Ein bisschen Überarbeiten hier und da, aber allgemein leide ich an einem kleinen Kreativitätstief und auch zeitlich komme ich gerade nicht zu viel. In erster Linie bin ich daher mit Figurenspielereien beschäftigt, vor allem mit kleinen "Interviews", die meistens viel Spaß machen, für die ich aber meist recht lange brauche. Derzeit habe ich Maldwin in der Mangel, der das natürlich toll findet - diese Rampensau. ;-)

Tja, und jetzt falte ich mich wohl am besten ganz klein zusammen und stelle mich selbst in den Kühlschrank ...

Freitag, 26. Juli 2013

[Wiener Streifzüge] Lobau/Nationalpark Donau-Auen

Beschreibungrundumadum Nr. 14
StartpunktDonaustadtbrücke (U2)
EndpunktLobgrundstraße (91A)
Gehzeit1,5 Stunden

Wieder habe ich in dieser Woche keinen neuen Weg geschafft - bei Temperaturen über 30 Grad bin ich kein Fan großer Spaziergänge, schon gar nicht, wenn man dafür erst eine Weile in heißen Straßenbahnen und Bussen durch die Gegend fahren muss. Deshalb stelle ich euch einen kurzen Weg vor, den ich vor ziemlich genau einem Jahr gegangen bin (letztes Jahr wars um die Zeit etwas kühler).

Es handelt sich dabei um die Etappe Nr. 14 des rundumadum-Weges durch den Wiener Grüngürtel. Eigentlich beginnt der Weg beim Gasthaus "Zum roten Hiasl" (Bus 91A), aber ich habe stattdessen als Startpunkt die U2-Station Donaustadtbrücke gewählt. Dadurch wird der Weg etwas länger, ist (für mich) aber auch praktischer zu erreichen.
Bei meiner Variante führt der Weg also erst einmal ein ganzes Stück an der Neuen Donau entlang:


Bei der Steinsporn-Brücke steigt man dann sozusagen in den tatsächlichen Weg ein, der sogleich in die Lobau (einen Teil des Nationalparks Donau-Auen) führt und zunächst an der Dechantlacke vorbei.

Der kleine See bietet sich bei heißem Wetter für einen Sprung ins kalte Nass ein - sofern man sich nicht daran stört, dass die meisten Badenden hier der Freikörperkultur frönen. ;-)
Danach geht es durch Wald- und Moorgebiet und über Holzstege, die durch Schilf und Auen führen.


Schließlich kommt man an der Panozzalacke, einem weiteren idyllischen See vorbei, der allerdings aufgrund des Schilfgürtels und der zahlreichen Wasserpflanzen nicht zum Baden geeignet ist.


Zuletzt noch ein Stück an überwucherten Bahngleisen entlang und zur Lobgrundstraße, wo sich eine Haltestelle der Buslinie 91A befindet.


Ich finde, dass es sich bei der Lobau um eines der schönsten Grüngebiete in Wien handelt. Es ist dort sehr ruhig und die feuchte Auenlandschaft hat einfach ihren ganz besonderen Reiz (leider auch für Insekten). Man kann für eine Weile sogar ganz vergessen, dass man sich eigentlich noch in der Stadt befindet.
Leider ist die Erreichbarkeit nicht die beste, sofern man nicht ohnehin in der Nähe der Lobau wohnt, aber für diesen Weg lohnt sich auch eine längere Anfahrt (und man kann auch noch ein bis zwei Etappen dranhängen, dann lohnt sie sich umso mehr). 

Dienstag, 23. Juli 2013

Carlos Ruiz Zafón - Der Gefangene des Himmels



Genre: Roman
Seiten: 416
Verlag: S. Fischer
ISBN: 9783100954022
Meine Bewertung: 3,5 von 5 Sternchen



Barcelona 1957. Das Weihnachtsgeschäft in der Buchhandlung Sempere und Söhne läuft nur schleppend, als eines Tages ein Unbekannter eine teure Ausgabe von "Der Graf von Monte Christo" kauft - um sie als Geschenk an Fermín in der Buchhandlung zurückzulassen. Für Fermín ruft dieses eigenartige Geschenk Erinnerungen an Zeiten wach, die er gern vergessen hätte. Als er Daniel aus seiner Vergangenheit erzählt, wird diesem klar, dass die Ereignisse von damals auch mit seinem eigenen Leben verknüpft sind.

Ich kann "Der Gefangene des Himmels" nicht als Roman für sich betrachten, sondern nur im Kontext der Erzählungen um den "Friedhof der Vergessenen Bücher" (der hier übrigens nur eine geringe Rolle spielt). 
"Der Schatten des Windes" hat mich vor Jahren völlig umgeworfen und ist für mich noch immer eins der großen Lese-Highlights aller Zeiten. "Das Spiel des Engels" war nicht mehr und nicht weniger als ein sehr guter Roman. "Der Gefangene des Himmels" schließlich ist nicht einmal mehr das. Ich finde ihn nicht schlecht, aber er ist auch nichts besonderes.
Ich würde sogar sagen, dass sich die Lektüre nur dann lohnt, wenn man die vorigen Romane auch gelesen hat (während diese auch gut für sich alleine stehen). Denn "Der Gefangene des Himmels" lässt so einige Ereignisse der Vorgänger in einem ganz neuen Licht erscheinen und das ist es auch, was den Reiz dieses Romans ausmacht. 
Wenn man all diese intertextuellen Bezüge wegnimmt, bleibt eine durchaus spannende, aber eigentlich recht dünne Geschichte übrig. Es gibt einen sehr geradlinigen Handlungsstrang, der aus Fermíns Vergangenheit erzählt und ein paar (auch emotionale) Verwicklungen in der Gegenwart, aber das wars auch schon.
Stichwort "dünne Geschichte": In dem Roman steckt sehr viel weniger Inhalt als das recht dicke Buch vermuten lässt, da die Schrift äußerst großzügig gesetzt ist und die Seiten ziemlich dick sind. Scheint, als wollte man den Roman zumindest auf den ersten Blick an die Länge der beiden Vorgänger annähern, obwohl darin lediglich eine recht kompakt-kurze Handlung steckt.

Dennoch hat der Roman - abgesehen von den Querverweisen auf die Vorgänger - seine Stärken. Zuallererst ist natürlich der Schreibstil von Zafón zu nennen, der einfach schön zu lesen ist und besonders in den Dialogen von Fermín voller Wortwitz steckt. Die Sprache ist oft auch äußerst direkt und drastisch, denn es gibt im Roman zahlreiche brutale Szenen. Aber sie fügen sich flüssig in den Rest ein und sind auch noch innerhalb der Grenzen des Erträglichen.
Und schließlich wird die Freundschaft zwischen Daniel und Fermín in dem Roman wunderschön geschildert. Beide sind sympathisch, gleichzeitig aber weit davon entfernt perfekt zu sein. In ihrer Freundschaft zueinander aber wachsen sie über sich hinaus und sind fähig, durch den Einfluss des jeweils anderen an den eigenen Fehlern zu arbeiten.
Und nur, weil ich mehr über ihre Freundschaft lesen möchte und neugierig bin, wie sich gewisse Aspekte noch auflösen und verbinden werden, werde ich bestimmt auch den (abschließenden) vierten Roman über den "Friedhof der Vergessenen Bücher" lesen.

Freitag, 19. Juli 2013

[Wiener Streifzüge] Zugberg und Georgenberg

BeschreibungStadtwanderweg Nr. 6
StartpunktRodaun (60, 60A)
Endpunktderselbe wie der Startpunkt
Gehzeitetwa 4 Stunden

Da ich in dieser Woche keine Tour geschafft habe (derzeit bin ich auch nicht in Wien), stelle ich euch meinen ersten Stadtwanderweg vor. Es war auch einer meiner schönsten Wege und einer, der am ehesten einer wirklichen Wanderung gleichkommt.
Wie alle Stadtwanderwege ist er ein Rundweg, er beginnt und endet also in Rodaun und führt von dort zuerst auf die Mizzi Langer Wand:


Danach geht es bergauf und bergab durch Wald und Wiesen zur Wiener Hütte, der Eichwiese und in den Maurer Wald.


Am Ende gibt es schließlich am Georgenberg mit dem Freiluftplanetarium Sterngarten Georgenberg und der eigenwilligen Betonklotz-Kirche von Fritz Wotruba noch ein wenig Kultur. 


Der Stadtwanderweg Nr. 6 ist ein wirklich wunderschöner, waldiger Weg mit viel Natur und Abwechslung, für den man sich allerdings etwas mehr Zeit nehmen muss. Ich möchte ihn irgendwann unbedingt noch einmal gehen, da er mir damals so gefallen und mich dadurch überhaupt erst auf den Geschmack der Stadtwanderwege gebracht hat.

Dienstag, 16. Juli 2013

Amanda Grange - Darcy's Diary


Genre: Romantik
Seiten: 224
Verlag: Robert Hale
ASIN: B0078XFWYG
Meine Bewertung: 3 von 5 Sternchen




Dieser Roman war wieder einmal ein günstiger ebook-Fund, zu dessen Handlung es nicht viel zu sagen gibt: Er erzählt die Ereignisse aus "Pride and Prejudice", die ja vermutlich allen hinlänglich bekannt sind, aus der Sicht von Mr Darcy.

Normalerweise bin ich kein großer Fan davon, wenn ein bekannter Roman von einer anderen Schriftstellerin aus einem neuen Blickwinkel erzählt wird. Aber mir war gerade so nach leicht-flockiger Lektüre, bei der ich weiß, was mich erwartet. 
Und bekommen habe ich dann auch das, was ich erwarte habe, im positiven wie im negativen Sinn. Das Gedankenspiel, wie "Pride and Prejudice" aus Darcys Sicht aussehen könnte, fand ich prinzipiell recht reizvoll, da es zwischen Darcy und Elizabeth ja doch so einige Missverständnisse gibt und sie vieles falsch interpretieren. Es war durchaus amüsant, die ganze Geschichte einmal aus Darcys Blickwinkel zu betrachten und insgesamt hatte ich auch das Gefühl, dass Amanda Grange diesen auch recht überzeugend schildern konnte. Absolut köstlich war der erste missglückte Antrag, bei dem Darcy auch hinterher felsenfest der Überzeugung ist, er hätte sich wie ein wahrer Gentleman verhalten - bis Fitzwilliam ihm ein wenig auf die Sprünge hilft.
Sehr schön war auch das Verhältnis zwischen Georgiana und Darcy geschildert, da spürt man zwischen den Zeilen richtig die geschwisterliche Liebe.

Allerdings gab es auch einige Szenen, vor allem in der zweiten Hälfte, die auf mich sehr "out of character" wirkten. Vor allem, wenn Darcy ständig jede Regung von Elizabeth, jedes Lächeln und jeden Gesichtsausdruck beobachtet und analysiert, wird es etwas zuviel des guten. Jaja, er ist verliebt, aber das fand ich doch übertrieben. Auch die Tagebuchform fand ich nicht immer gelungen umgesetzt. Die Einträge setzen ein mit der Georgiana-Wickham-Sache, sind also ganz klar kein reines Ventil für Darcys unerwartete Gefühle Elizabeth gegenüber. Dennoch geht es ab einem bestimmten Punkt nur noch um sie und es scheint, als hätte Darcy daneben praktisch kein Leben mehr.
Und es stellt sich natürlich die prinzipielle Frage, ob jemand wie Darcy überhaupt ein Tagebuch führen würde. 

Dass man bereits die ganze Handlung des Romans im Vorfeld kennt, ist stellenweise natürlich auch ein wenig problematisch, da man viele Dialoge so eben logischerweise schon kennt. Dennoch hatte das Buch eine gewisse Sogwirkung und ich konnte stellenweise kaum aufhören zu lesen. Oft aus Vorfreude auf bestimmte Szenen oder oft auch aus reiner Neugierde, wie Grange diese oder jene Szene wohl aus Darcys Sicht darstellen würde.

Insgesamt kann ich sagen, dass der Roman sehr nett zu lesen war und es Spaß gemacht hat, mal aus diesem Blickwinkel in die altbekannte Handlung einzusteigen. Leider fühlte sich die Tagebuchform manchmal allzu gezwungen an und auch die Art der Einträge klang für mich einige Male nicht nach Darcy, sondern nach Fangirl.
Dennoch überlege ich jetzt beinahe, ob ich es noch mit einem weiteren Roman dieser Art von Amanda Grange probieren soll - die Autorin hat nämlich noch ein paar weitere Tagebücher aus der Sicht von Austen-Männern geschrieben.

Sonntag, 14. Juli 2013

Sonntagsgeplauder #58

Ich habe gerade ein gemeinsames Wochenende mit Freundinnen verbracht und wir haben allerhand unternommen. Entsprechend wenig bin ich an den letzten Tagen auch zum Lesen gekommen, obwohl ich seit dem 11. 7. frei habe. Da ich die nächste Woche auch noch frei habe, schaffe ich es aber vielleicht doch einmal, mich mit einem Buch in die Sonne zu setzen.
Naja, vielleicht nicht in die Sonne ... ich habe mir leider als Andenken an das sonnige Wochenende eine leichte Sonnenallergie mitgenommen. Die hatte ich schon ein paarmal, aber bisher nur in Verbindung mit Salzwasser (also nach dem Baden im Meer). Ich bin nun also einigermaßen genervt, dass ich sie jetzt auch hierzulande bekommen habe, obwohl ich mich eingecremt habe, es auch gar nicht so brütend heiß war und ich mir keinerlei Sonnenbrand geholt habe. Nun ja, hoffentlich verschwindet sie bald wieder ohne großes Nachhelfen. %-)

Ich lese derzeit "Battle Royale" von Koushun Takami (in der englischen Übersetzung, da die deutsche eine Katastrophe ist) und "Das Buch der toten Tage" von Marcus Sedgwick, das ich mir neulich aus der Bücherei mitgenommen habe, nachdem ich es nun schon seit Jahren auf meiner Liste hatte.
Beide Bücher gefallen mir gut, können mich bisher aber nicht ganz überzeugen. Mal sehen, wie sie noch werden.
Außerdem habe ich gleich nach den drei Musketieren auch noch "Die Schatten Hölderlins" von Jürgen Kaizik abgebrochen. Es handelt sich dabei um einen historischen Krimi, den ich mehr als verwirrend und anstrengend zu lesen fand. Ich würde ihn als ein literarisches Experiment bezeichnen - und zwar eins, das nicht wirklich mein Fall war. Da ich den Roman um einen Euro beim Bücherflohmarkt gekauft habe, ist aber wenigstens nicht viel verloren.

Apropos Bücherflohmarkt: Neulich hätte ich beinahe bei zwei Mängelexemplaren zugegriffen, und zwar sind mir sowohl "Das Mädchen mit den gläsernen Füßen" als auch "Catch-22" zum halben Preis untergekommen. Ersteres hätte ich mir fast allein deshalb gekauft, weil es so schön aufgemacht ist, aber ich weiß, dass es den Roman in der Bücherei gibt, also habe ich mich doch zurückgehalten. Und "Catch-22" möchte ich ohnehin für die 100 books-Challenge lesen, aber es war mal wieder ein Fall von schlecht lesbarem englischen Taschenbuch (zu dünne Seiten und die winzige Schrift bis ganz an den inneren Rand) - da werde ich wohl eher beim ebook zuschlagen, das auch nicht teuer ist.

Stichwort Challenge: Da wäre ohnehin längst mal wieder ein weiteres Buch fällig, zumal "Große Erwartungen" ja bereits auf meinem SuB liegt. Das wird also vermutlich mein nächster Lesestoff.

Ich wünsche euch noch einen schönen Sonntagabend und sonnige Tage ohne lästige Nebenwirkungen!

Freitag, 12. Juli 2013

[Wiener Streifzüge] Gloriette, Küniglberg und Roter Berg

LiteraturWien geht track 23
StartpunktMeidling Hauptstraße (U4, 9A, 10A, 15A, 63A) oder
Bahnhof Meidling (U6, zahlreiche weitere Linien)
EndpunktOber St. Veit (U4, 47A, 54B, 55B)
Gehzeitetwa 2 Stunden

Mein zweiter Streifzug war ein etwas längerer Spaziergang mit ein paar nicht nennenswerten Steigungen. Man kann den Weg entweder von der Station Meidling Hauptstraße aus beginnen oder vom Bahnhof Wien Meidling und dann die Meidlinger Hauptstraße also entweder hinauf oder hinunter zur Tivoligasse gehen. Diese entlang geht es dann bis zu dem Park und Spielplatz "Marillenalm".

Schönes altes Wohnhaus in der Tivoligasse
Quer durch den Park geht es weiter zum oberen Eingang zum Schönbrunner Schlosspark. Man betritt ihn also auf Höhe der Gloriette und kann hier ein wenig durch den waldigen (und meist sehr ruhigen) Teil des Schlossparks schlendern.


Neben Eichhörnchen sieht man hier auch zahlreiche Krähen - und Jogger, die tapfer die ansteigenden Waldwege rauf und runter laufen.


Es geht an der Gloriette vorbei und durchs "Tiroler Tor" hinaus. Hier habe ich einen kleinen Abstecher in den Maxingpark gemacht, der sich mal wieder perfekt für Lesepausen anbietet. Er ist kaum besucht und durch die Lage zwischen Schönbrunner Schlossparkt und Hietzinger Friedhof einigermaßen vom Straßenlärm abgeschottet. Neben vielen Bänkchen und Liegewiesen gibt es auch nette kleine Teiche:


Wieder aus dem Park raus und am Hietzinger Friedhof entlang zur Elisabethallee, die direkt auf den Küniglberg führt. Es geht vorbei am ORF-Zentrum ...


... und an efeuverwachsenen Häusern. In der Gegend wohnt es sich bestimmt gut, aber wohl nicht ganz billig.


Vom Küniglberg hinunter auf die Veitingergasse, wo ich auf dieses aufgegebene Geschäft für Büroartikel gestoßen bin:


Zugegeben, es ist nicht gerade ein schönes Fotomotiv, aber den Namen "Pucki-Papier" fand ich einfach zu herrlich!


Zuletzt geht es auf den Roten Berg hinauf, von dem aus man einen schönen Blick über den nordwestlichen Teil von Wien hat.
Nun wieder von dort hinunter, die Hietzinger Hauptstraße queren und zur U-Bahnstation Ober St. Veit.

Fazit: Es gibt auf diesem Weg einige sehr schöne Fleckchen und man kann ihn auch prima mit einem Einkaufsbummel auf der Meidlinger Hauptstraße oder einem Besuch der Bücherei Philadelphiabrücke (meine Lieblings-Zweigstelle der Städtischen Büchereien) verbinden. Man sollte aber nicht so dämlich wie ich sein, diesen Weg ausgerechnet bei Juli-Mittagshitze zu unternehmen, sonst können sich nämlich manche Wegstücke in der Sonne gewaltig ziehen ...

Dienstag, 9. Juli 2013

[Abgebrochen] Alexandre Dumas - Die drei Musketiere

Auf Seite 385 von 786 habe ich nun aufgegeben. Ich muss allerdings vorweg gleich sagen, dass ich nie großes Interesse an diesem Roman hatte und allgemein mit dem ganzen "Mantel&Degen"-Genre nicht viel anfangen kann. Aber nachdem mir Der Graf von Monte Christo so gut gefallen hat, wollte ich auch dem Erstling von Dumas eine Chance geben.
Nun ja, leider ist "Die drei Musktiere" aus meiner Sicht deutlich schwächer als "Der Graf von Monte Christo" und meine Vorurteile dem Genre gegenüber haben sich bestätigt. Achtung, die folgenden Erläuterungen, was mir an dem Roman nicht gefallen hat, sind voller Spoiler!

Mein Hauptproblem waren ohne Zweifel die Figuren und d'Artagnan macht da gleich einen guten Anfang. Eingeführt wird er als aufbrausender und unglaublich eitler junger Mann, der ganz und gar von sich überzeugt ist und sich ständig von allem und allen in seinem Stolz angegriffen fühlt. Ich hatte das Gefühl, ihn nicht wirklich für voll nehmen zu können - und war umso überraschter, als er sich in kurzer Zeit zum Wortführer der drei (älteren und erfahreneren) Musketiere mausert, bei allen hoch im Ansehen steht, überall respektiert und ob seiner Klugheit gerühmt wird. Tatsächlich macht er eine sprunghafte und allzu extreme Entwicklung durch - und so ist der Junge vom Anfang kaum noch wiederzuerkennen. Ich kann aber nicht behaupten, dass mir der "neue" d'Artagnan sympathischer gewesen wäre.

Denn nach einigen Wochen in Paris wendet sich sein Wirt Bonacieux mit Bitte um Hilfe an ihn, aber als er festgenommen wird, muss d'Artagnan es geschehen lassen, um nicht selbst verdächtigt zu werden und will ihn später aus dem Gefängnis holen. So weit noch nicht verwerflich, aber dann vergisst d'Artagnan völlig auf den armen Bonacieux in der Bastille und bandelt stattdessen mit seiner Ehefrau an ohne einen Funken von schlechtem Gewissen!
Was aber war mit Monsieur Bonacieux, den d'Artagnan in die Fänge der Häscher getrieben, den er lauthals verleugnet und dem er ganz leise Rettung versprochen hatte? Wir müssen unseren Lesern gestehen, dass d'Artagnan in keiner Weise daran dachte oder dass er, wenn er auch daran dachte, sich höchstens sagte, der Mann sei ganz gut da, wo er sich befinde, wo immer dies auch sein mochte.
(weil das unserem reizenden Helden nämlich erstmal den Weg zu der schönen Madame Bonacieux freiräumt ...)
Wie schön, dass der Wirt sich als ziemlich dämlicher Opportunist entuppt - dann ist es ja in Ordnung, ihn zu hintergehen. Tja, ganz ehrlich: Unter diesen Umständen kann man es dem Wirt doch gar nicht verübeln, dass er sich von Richelieu einwickeln lässt.

Auch sonst ist d'Artagnan recht schnell damit, seine Freunde in Notlagen zu vergessen. Er muss Porthos, Athos und Aramis der Reihe nach bei der Erfüllung eines wichtigen Auftrages zurücklassen - soweit ebenfalls wieder nicht verwerflich, aber nach dem Auftrag denkt er erst dann wieder an seine Freunde, als er ihre Hilfe braucht. Es ist zu dem Zeitpunkt durchaus denkbar, dass alle drei tot sind, aber dennoch verschwendet d'Artagnan zunächst keinen weiteren Gedanken an sich.

Tja, und die drei Musketiere selbst erweisen sich im Zusammenhang mit diesem Auftrag sehr schnell als totale Pfeifen. Statt sich ruhig zu verhalten und Streit aus dem Weg zu gehen, um den Auftrag nicht zu gefährden, lassen sie sich natürlich auf jede kleine Provokation ein und sind dann dank diverser Gefechte/Duelle erst einmal aus dem Weg geräumt.
Schlimmer wird es noch, als d'Artagnan sich aufmacht, um sie sozusagen wieder aufzusammeln. Denn nun verhält sich wirklich einer dümmer und rüpelhafter als der andere, am meisten sogar Athos, der anfangs seiner Umsicht und Vernunft wegen gerühmt wurde. Ja, es ist ungemein vernünftig (und freundschaftlich), vor einer wichtigen Reise um die Pferde und sogar einen wertvollen Diamantring von d'Artagnan zu spielen - ohne dessen Wissen natürlich. Porthos und Aramis waren auch nicht viel klüger, weshalb die vier erstmal wieder etwas dumm dastehen.
Das war der Punkt, an dem ich den Roman dann abgebrochen habe.

Dass die ach so edlen Musketiere die meisten, die niedrigeren Standes sind als sie (vornehmlich Wirtsleute), ohne jeglichen Respekt behandeln und der Meinung sind, dass denen eine Bezahlung ihrer Dienste kaum zusteht, hat sie mir nicht gerade sympathischer gemacht. Dafür, dass sie ständig von Ehre faseln, verhalten sie sich oftmals recht ehrlos.
Nun könnte man behaupten, dass das "damals eben so war", aber Dumas schreibt ja doch über eine Zeit, die für ihn über 200 Jahre zurückliegt, daher erlebt man wohl kaum das 17. Jahrhundert in dem Roman, sondern lediglich das, was Dumas sich unter dem 17. Jahrhundert vorstellte. Das ist natürlich bei modernen historischen Romanen nicht anders, da wir nun mal alle nur in unserer eigenen Zeit gelebt haben, aber als Zeugnis der Gesinnung um 1625 kann man "Die drei Musketiere" daher auch nicht lesen.

Die Handlung fand ich bis zur Hälfte durchaus interessant, wenn auch nicht besonders spannend. Es gibt zahlreiche Intrigen, verbotene Liebe und politische Machtkämpfe im Königshaus, alles eher behäbig geschildert, trotzdem aber unterhaltsam zu lesen.
Letztendlich hat die Handlung aber nicht gereicht, um mich bei der Stange zu halten. Mir ist natürlich klar, dass "Die drei Musketiere" in erster Linie leichte Unterhaltung sein soll - und es gibt auch so einige witzige Szenen. Aber das ändert nichts daran, dass ich es nicht ertragen hätte, noch viel länger über d'Artagnan und die drei Musketiere zu lesen.

In "Der Graf von Monte Christo" beweist Dumas übrigens, dass er durchaus faszinierende Figuren entwerfen kann, mit denen man atemlos mitfiebert. Lieber lese ich diesen Roman noch einmal und stelle "Die drei Musketiere" also zur Hälfte ungelesen in mein Regal zurück.

Freitag, 5. Juli 2013

[Wiener Streifzüge] Augarten

LiteraturWien für kluge Leute Nr. 29+30
Wien geht track 14
StartpunktGaußplatz (31, 5A)
EndpunktSchottenring (U2, U4, 1, 31, 3A)
Gehzeiteine knappe Stunde

Ich eröffne diese Kategorie mit einem kleinen Parkspaziergang, der sich prima mit gemütlichen Lesepausen verbinden lässt. Der Weg beginnt am Gaußplatz, wo man gleich durch ein Tor den Augarten betritt. Anna Ehrlich bezeichnet den Augarten etwas abfällig als "uneinheitliches Gemisch von Beton, Schotter und Grün", aber mir ist gerade deshalb der Park irgendwie sympathisch. Er wirkt chaotisch, aber man findet (anders als etwa im schönen Stadtpark) zig Liegemöglichkeiten in den Wiesen, die sich etwa auch prima für ein Picknick eignen und durch die Weitläufigkeit ist man in seinem Zentrum dem Straßenlärm recht fern.
Fast schon wildnisartige Wäldchen wechseln mit kleineren und größeren Wiesen, die teilweise von breiten Wegen umgeben sind.


Oft grenzen auch hohe Hecken und Bäume einzelne kleine Bereiche voneinander ab, sodass man mit etwas Glück auch gänzlich ungestörte Fleckchen finden kann.


Kennengelernt habe ich den Augarten übrigens in meiner Anfangszeit in Wien durch Wolf Haas' Krimi "Wie die Tiere". Darin spielt nicht nur der Augarten, sondern auch einer der beiden Flaktürme eine handlungsrelevante Rolle, weshalb eine Freundin und ich einmal eine "Expedition" in den Park unternommen haben. Seither war ich schon öfter dort, aber dennoch bleibt der Augarten für mich immer untrennbar mit den Brenner-Krimis von Wolf Haas verbunden.


Nach einer ausgedehnten Streiftour durch den Park geht es vorbei an der Augartener Porzellanmanufaktur und durch das Haupttor hinaus.


Der Spaziergang führt weiter in die Große Sperlgasse, vorbei am Café Sperlhof, wo man überall Bücher findet, sogar vor den Fenstern.


Schräg gegenüber befindet sich das Wiener Kriminalmuseum, das ein sehr faszinierendes Museum wäre, wäre es nicht sträflich vernachlässigt. Es ist schon einige Jahre her, seit ich dort war, aber ich befürchte, dass sich seither nichts geändert hat. Die Texte sind viel zu lang und so sehr voller Fehler in Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion, dass ich am liebsten zum Rotstift gegriffen hätte; die Zusammenstellung der Exponate wirkt eintöniger als bei dieser Thematik zu erwarten.
Nichtsdestotrotz sind die dokumentierten Kriminalfälle spannend und ein Besuch lohnt sich - auch wenn man für manche der Tatortfotos und grausigen Exponate sehr starke Nerven braucht.


Weiter geht es über den Karmelitermarkt zum Donaukanal und an diesem ein Stück entlang zur U-Bahnstation "Schottenring", die in meinem Fall den Endpunkt darstellte (der track 14 von "Wien geht" führt am Ende in die entgegengesetzte Richtung zum Schwedenplatz).


Fazit: Ein netter, wenn auch unspektakulärer Spaziergang, der viel Park und auch etwas Stadt beinhaltet. Der Augarten lädt zu ausgedehnten Lesepausen ein, weshalb man den Weg unbedingt bei warmem Wetter unternehmen sollte.

Donnerstag, 4. Juli 2013

Marc Elsberg - Blackout


Genre: Thriller
Seiten: 800
Verlag: Blanvalet
ISBN: 9783764504458
Meine Bewertung: 3 von 5 Sternchen




Ausgehend von Italien und Schweden bricht in ganz Europa das Stromnetz zusammen. Während bald allerortens das Chaos ausbricht, sind die Strombetreiber ratlos, was die Ursachen sind und weshalb alle Versuche, die Stromversorgung wiederherzustellen, scheitern.
Der ehemalige Hacker Manzano findet schließlich heraus, dass die Smart Meter, die intelligenten Stromzähler, manipuliert wurden, was einer der Auslöser für die Katastrophe war. Zunächst will ihm niemand Glauben schenken und als er endlich bei dem Europol- Mitarbeiter Bollard Gehör findet, steht er selbst auf der Liste der Verdächtigen ganz oben.

"Blackout" ist ein Thriller mit einem ebenso faszinierenden wie erschreckenden Gedankenspiel: Wie würde unser Leben ohne Strom aussehen? Viel katastrophaler als man vielleicht spontan denken würde. Keine Heizung, keine Wasserversorgung, massive Probleme in Krankenhäusern und Kernkraftwerken, sobald die Notstromaggregate ihre Reserven aufgebraucht haben, fürchterliche Zustände in Betrieben mit Massentierhaltung, die auf Melkmaschinen oder etwa Wärmelampen von Küken angewiesen sind, keine Kühlmöglichkeiten für Lebensmittel und noch vieles mehr.
Marc Elsberg versteht es, die Zustände so glaubhaft und eindringlich zu schildern, dass man unweigerlich darüber nachdenkt, was es eigentlich bedeutet, so völlig vom Strom abhängig zu sein. Im Zusammenhang mit diesen Fragen ist der Roman auch unglaublich spannend: Was sind die kurz- und auch langfristigen Folgen? Wie gehen die Menschen mit dieser Situation um?

Leider hat der Roman meiner Meinung nach aber auch mit vielen Schwächen zu kämpfen. Massiver Infodump ist eine davon. Natürlich ist es notwendig, einige technische Details zu erläutern, damit man dem Roman folgen kann, aber Elsberg schießt oft über das Ziel hinaus und schafft es außerdem nicht, all die Informationen flüssig in den Text einzustreuen. Stattdessen bekommt man die zahlreichen Informationen (von denen nicht alle notwendig sind) einfach hingeknallt, was mehr als ermüdend ist und manches Mal auch allzu belehrend wirkt.

Zugleich Stärke und Schwäche sind die vielen handelnden Figuren: Im Grunde kann der Roman erst seine ganze Wirkung entfalten, indem er die Katastrophe aus zahlreichen Blickwinkeln betrachtet. Gleichzeitig führt das aber gerade anfangs zu einer Vielzahl an Namen, die durch die extrem kurzen Kapiteln umso mehr zu einer gesichtslosen Masse verschwimmen. Was fehlt, das sind Einzelschicksale, die einen berühren, Figuren, an die man sich für längere Zeit heften kann. Zwar sollen wohl Manzano und die Journalistin Shannon als Identifikationsfiguren dienen, aber das funktioniert nur bedingt, umso mehr, da der Autor alle Figuren stets nur mit ihrem Nachnamen nennt und ihrer Ausgestaltung offensichtlich nicht so viel Zeit gewidmet hat wie der Hintergrundrecherche. Ein paar markante Eigenschaften sollen wohl reichen, aber selbst das wirklich spannende Thema kann platte und eindimensionale Figuren nicht ausgleichen.
Zudem sind fast alle handelnden Figuren hohe Tiere entweder in der Regierung oder im Bereich der Stromanbieter und können so zwar interessante Einblicke in die technischen und organisatorischen Probleme liefern, aber es fehlt das Einzelschicksal des "kleinen Mannes". Alle diese hohen Tiere sind lediglich Mittel zum Zweck, werden kaum charakterisiert und sind zudem in der privilegierten Lage, auf eine Notstromversorgung zurückgreifen zu können. 
Abgesehen von einigen Szenen auf der Flucht mit Manzano fehlt also der Blick auf die alltäglichen Probleme, mit denen die meisten Menschen wohl zu kämpfen haben. Und es fehlt auch gewissermaßen eine emotionale Verankerung.

Letztendlich war "Blackout" zwar ein spannender Roman, aber er schaffte es weder mich emotional zu berühren noch mich wirklich mitfiebern zu lassen. Und obwohl er an einigen Stellen durchaus zum Nachdenken anregt, konnte er doch nach dem Lesen nicht in mir nachhallen. Ich würde ihn daher als einen fesselnden, aber leider seelenlosen Thriller bezeichnen. Keine verschwendete Lesezeit zwar, aber auch kein Roman, der mich wirklich überzeugen konnte.

Montag, 1. Juli 2013

"Endlos ist das Meer der Zeit" - das etwas andere Buch

Ich habe ja schon erwähnt, dass meine Schreibgruppe mir ein absolut geniales Geburtstagsgeschenk gemacht hat: Sie haben mir einen kurzen Roman geschrieben. Vor ein paar Monaten haben wir nämlich einmal ein Gespräch über Zeitreise-Roman geführt und darüber, weshalb eigentlich immer Frauen diejenigen sind, die in der Vergangenheit landen. Einige Spekulationen darüber, wie es denn wäre, wenn ein nicht ganz so kerniger Kerl in der Vergangenheit landen und sich dort um gewaltfreie Konfliktlösungen bemühen würde, führten zu der Feststellung, dass man so etwas eigentlich schreiben müsste und meinem folgenreichen Ausspruch: "Den Roman wünsche ich mir dann von euch zum Geburtstag!"
Ich hatte seither völlig darauf vergessen und dementsprechend erst einmal einen Lachanfall bekommen, als ich das Geschenk geöffnet habe, denn das Cover ... na, seht selbst:

Das Bild ist ein wenig abgeschnitten, da ich die Namen oben weggelassen habe und das Cover verspricht mehr pikante Details als der Roman letztendlich hat. ;-) Aber da wir schon öfter über die fürchterlichen Cover von Nackenbeißern diskutiert haben und dabei die eine oder andere Theorie über den Zusammenhang zwischen Pferden und/oder Wikingerschiffen sowie dem Detailgrad der Sexszenen aufgestellt haben (fragt nicht ...), waren einige Motive natürlich ein absolutes Muss. *g*
Der Titel ist übrigens ein Zitat aus einem Lied aus dem Musical "Tanz der Vampire", das ich einmal sehr mochte, ehe ich es bei einem Nebenjob im Theater zwangsläufig unzählige Male gesehen habe ...

So, und worum geht es nun in dem Roman?
Psychologie-Student und Vegetarier Hannes lebt als Langzeit-Student in einer WG, schlägt sich mit Gelegenheitjobs durchs Leben und ist allgemein nicht so der Mann, von dem alle Frauen träumen. Umso glücklicher ist er mit seiner Freundin Luisa - bis sie ihn abserviert und er feststellen muss, dass sie im Grunde ihres Herzens von einem braungebrannten Muskeltypen wie auf den Cover der Nackenbeißer träumt. Frustriert und ziemlich alkoholisiert äußert Hannes daraufhin folgende Worte:
"Ich schwöre dir, ich bin so ein ganzer Kerl! Ich schwöre, ich werde meine Muskeln einsetzen, nicht mein Hirn. Ich schwöre, ich werde meinen Gegner den Schädel einschlagen. Und die Frauen werde ich in mein Bett zerren. Das schwöre ich!"

Nach diesen Worten schlägt es Mitternacht (in der Halloween-Nacht) und Hannes verliert das Bewusststein. Als er wieder zu sich kommt, findet er sich in der Wildnis, umgeben von einer Gruppe schottenberockter Krieger, wieder. Einer davon, ein rotgelockter Mann mit beachtlichem Bauchumfang, hat frappierende Ähnlichkeit mit Hannes' Mitbewohner Bertl, der stets begeistert an Reenactments teilnimmt. Es dauert eine Weile, ehe Hannes begreift, dass es sich nicht um Bertl, sondern um einen Schotten namens Jamie Fraser (hehehe) handelt und er auch nicht in einem Reenactment, sondern im Schottland eines früheren Jahrhunderts gelandet ist.
Und als wäre das noch nicht genug, begegnen die Schotten und Hannes auch noch dem Ungeheuer von Loch Ness und drei Hexen, die geradewegs aus Macbeth stammen könnten. Dummerweise spricht Hannes den Namens des Ungeheuers, dessen Name nicht genannt werden darf, laut aus und macht somit alle Bemühungen der Hexen, das Monster wieder zurück in seinen See zu bannen, zunichte.
Das wiederum finden die Hexen nicht so lustig, und so verbannen sie Hannes mitsamt Jamie und dessen Onkel Randolph nach Island. 

Dort stolpert das ungleiche Trio mitten in einen Elfenhügel, wo sie nicht nur auf tolkieneske Elben, sondern auch auf Robin Goodfellow höchstselbst treffen. Dieser eskortiert sie zur Königin der Anderwelt, die für Hannes' Misere verantwortlich ist, da sie seinen folgenreichen Schwur vernommen hat und ihn nun für den geeigneten Helden hält, um das Seeungeheuer zu töten.
In einem seltenen mutigen Moment beschließt Hannes, sich seinem Schicksal zu stellen und so geht es nach einem Crashkurs in Kriegskunst zurück zum Loch Ness. Doch anstatt das Ungeheuer zu töten, erinnert Hannes sich an sein Seminar über "Gewaltlose Interaktion in Krisensituationen" und beschließt, mit Nessie zu reden.
Und tatsächlich führen die beiden ein äußerst ergiebiges Gespräch, bis der nicht ganz so friedfertige Jamie seine Waffe zückt und das Ungeheuer niederstreckt.
Somit ist die Sache erledigt und Hannes freut sich darauf, wieder nach Hause zu kommen - aber war da nicht noch etwas? Ja, genau, der zweite Teil seines Schwurs. Und so findet Hannes sich nicht in seine WG wieder, sondern inmitten von haschischrauchenden Kurtisanen ...

Ja, das war er also, der schrägste Roman, der jemals den Weg zu mir gefunden hat. Leider ist es unmöglich, in einer Zusammenfassung all die witzigen Details, Insider und Querverweise zu anderen Werken wiederzugeben, die sich in der Geschichte finden. 
Ich kann nur sagen, dass ich mich prächtig amüsiert habe und dieses ganz besondere Geschenk wohl noch öfter zur Hand nehmen werde. Das muss ich auch, da ich bei der Geburtstagsfeier volltönend versprochen habe, die Figuren zu "casten" (wie ich es auch bei meinen Romanfiguren immer mache). Solltet ihr also einen beleibten Schauspieler mit roten Locken kennen, der als schottischer Krieger durchgehen könnte, dann immer her mit den Vorschlägen ....