Montag, 30. Dezember 2013

Evelyn Waugh - Wiedersehen mit Brideshead

Genre: Gesellschaftsroman, Klassiker
Verlag: Diogenes
Dauer: 12 Stunden 49 Minuten (ungekürzte Lesung)
gelesen von: Sylvester Groth
ISBN: 978-3257801385
Meine Bewertung: 3,5 von 5 Sternchen

"Bücher, die man gelesen haben muss"-Challenge


In den 20er Jahren freundet sich Charles Ryder in Oxford mit dem aus vornehmen Verhältnissen stammenden Sebastian Flyte an. Er ist sowohl fasziniert von Brideshead, dem prächtigen Zuhause von Sebastian, als auch von der exzentrischen Familie, die ihn mit vermeintlich offenen Armen empfängt. Dennoch bleibt Charles stets ein Außenseiter - in der Familie Flyte ebenso wie auch sonst überall in seinem Leben.

Die erste Hälfte von "Wiedersehen mit Brideshead" hat mich begeistert. Wie Waugh hier das letzte Aufblühen einer schon fast vergangenen Welt beschreibt und oft mit nur wenigen Worten Schauplätze und Figuren zum Leben erweckt, ist wirklich beeindruckend. Die Freundschaft zwischen Charles und Sebastian fand ich sehr schön geschildert - umso schmerzhafter ist es mitzuerleben, wie Sebastian mehr und mehr an der Welt und der Gesellschaft zerbricht. Wie Charles ist er ein Außenseiter, aber anders als sein Freund schafft er es nicht, sich anzupassen und einzufügen, sondern scheint wirklich außerhalb des Lebens zu stehen.
Vor allem Sebastian ist es zu verdanken, dass die erste Hälfte mir eine emotionale Achterbahnfahrt beschert hat: von Humor und Nostalgie über Melancholie bis hin zu Wut und Verzweiflung.

Leider habe ich mir etwa ab der Hälfte immer schwerer mit dem Roman getan. Mir kam die Handlung immer zerfaserter vor - ich wusste nicht, worauf Waugh eigentlich hinaus will oder ob er überhaupt auf etwas hinaus will. Die anfangs noch recht interessanten religiösen Diskussionen wurden mir nun etwas zu gehäuft und anstrengend. Allgemein nimmt Religion einen recht großen Raum ein, denn nicht Charles' niedrigere Stellung verhindert, dass er jemals richtig zu den Flytes gehören wird, sondern eher die Tatsache, dass er Agnostiker ist und mit den katholischen Werten der Familie nur wenig anfangen kann. Leider konnte auch ich nur wenig damit anfangen, da es mir zum Ende hin zunehmen so vorkam als wollte mich der Autor bekehren.
Ich fand es außerdem schade, dass die Freundschaft zu Sebastian immer mehr in den Hintergrund tritt und ich schließlich das Gefühl hatte, als würde Charles in Wahrheit gar nichts an seinem Freund liegen. Allerdings stellt sich irgenwann die Frage, ob Charles überhaupt an jemandem etwas liegt. Er macht teilweise einen seltsam gleichgültigen und fast kaltherzigen Eindruck, beinahe als stünde er auch außerhalb zwischenmenschlicher Bindungen.

Alles in allem konnte "Wiedersehen mit Brideshead" mich nicht überzeugen. So sehr mir die erste Hälfte auch gefallen hat, so wenig konnte ich mit der zweiten anfangen. Waugh hat einen sehr angenehmen Schreibstil und schafft wunderbar atmosphärische Szenen, aber die Handlung kam mir seltsam zerfasert vor, als handele es sich eigentlich um zwei Romane. Die religiösen Debatten fand ich außerdem zunehmend ermüdend.
Ich bereue es nicht, den Roman gelesen zu haben und könnte auch nicht behaupten, dass er mir nicht gefallen hat, aber leider hat er mich nach einem grandiosen Beginn zum Ende hin wirklich enttäuscht.

1 Kommentar:

  1. Bis Morgen Nacht um 12 hast du ja noch für die 12. Rezension. Und Silvester feiern wird ja eh überbewertet :p

    Ich kann dich sehr gut verstehen. Hab heute wie im Fieber "The God of Small Things" zu Ende gelesen, damit ich bloß noch heute die Rezension schreiben kann. Jetzt sitze ich seit zwei Stunden hier und merke dass ich definitv das falsche Buch für "mal eben eine Rezension schreiben" gewählt habe. Ich werd da mal ne Nacht drüber schlafen - und hoffen, dass Morgen das Internet nicht ausfällt :D

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