Sonntag, 16. Februar 2014

[Wiener Streifzüge] Steinhofgründe

Letzte Woche habe ich einen freien Nachmittag und das schöne Wetter zu einem sehr spontanen Spaziergang genutzt, bei dem ich einen Multicache (diesen hier) suchen wollte. (kleine Anmerkung an meine Schreibgruppe: Tut mir leid, dass ich euch nicht Bescheid gesagt habe, aber das war eine ziemliche "von jetzt auf gleich"-Aktion von mir)
Der Cache führt über die Steinhofgründe mit dem Otto-Wagner-Spital, dem ich ohnehin schon längst einmal einen Besuch abstatten wollte, um mir die Ausstellung Der Krieg gegen die "Minderwertigen" anzusehen.

Beim Otto-Wagner-Spital handelt es sich um eine ursprünglich psychiatrische Anstalt sowie Lungenheilstätte von 1907, die in der NS-Zeit zu einer Institution der Politik gegen "lebensunwertes" Leben wurde. Unzählige Kinder, Jugendliche und Erwachsene kamen dort ums Leben oder wurden von dort in die Tötungsanstalt Hartheim transportiert.
Nach dem Krieg enstanden unterschiedliche Krankhäuser und Pflegeheime, die dann im Jahr 2000 zum Otto-Wagner-Spital zusammengefasst wurden. 

Das ganze Gelände ist eine riesige Anlage, die also eine sehr traurige Geschichte hinter sich hat, was die Schönheit der Jugendstilbauten gewaltig trübt.
Dabei war mein Start zunächst noch sehr fröhlich - zumal ich bei strahlendem Sonnenschein auch gleich das erste Rätsel des Multicaches lösen konnte.

Der Eingang des Sozialpädagogischen Zentrums
Aber schon die nächste Station führte mich dann zum Jugendstiltheater, vor dem 772 Lichtstelen an die Kinder und Jugendlichen erinnern, die hier in der Euthanasie-Anstalt "Am Spiegelgrund" ermordet wurden.


War es das Wissen um die dunkle Vergangenheit der Anstalt, die die Gebäude für mich sehr düster wirken ließen oder haben sie auch ganz unabhängig davon eine äußerst düstere Atmosphäre? Ich weiß es nicht, aber auf jeden Fall fand ich den Gedanken daran, hier als Patientin untergebracht zu sein (viele der Gebäude sind ja noch in Verwendung), trotz der schönen, grünen Lage sehr unangenehm.


Die Stationen des Geocaches führten mich kreuz und quer über das gesamte Gelände und schließlich auch zu diesem hübschen Pavillon, der sich für ein Lesepäuschen angeboten hätte, wäre es nicht trotz Sonnenschein sehr kalt gewesen:


Schließlich führte mich mein Weg zum Pavillon V, in dem die erwähnte Ausstellung untergebracht ist.


Die Ausstellung ist mit zahlreichen abgebildeten Originaldokumenten (Fotos, Briefe, Patientenberichte, etc.) sehr interessant und sehenswert, aber natürlich auch sehr harter Tobak. Auf der Webseite der Gedenkstätte gibt es übrigens auch sehr viele Informationen und Video-Interviews.
Nach dem Besuch der Ausstellung fiel es mir ziemlich schwer, die Jagd nach dem Cache fortzusetzen, da mir das, was ich alles gelesen und gesehen hatte, sehr schwer im Magen lag. Egal, wie viel man auch bereits über Verbrechen der NS-Zeit erfahren hat, man ist immer wieder fassungslos über so viel Grausamkeit. Und über die Ungerechtigkeit, dass einige der Ärzte, die maßgeblich mitverantwortlich an dem Tod vieler Patienten waren, später noch weiter praktizieren durften, sogar Professuren an Universitäten bekamen oder Gerichtsmediziner wurden (siehe etwa der Fall Dr. Gross), will ich gar nicht genauer nachdenken.

Mein letzter Halt vor dem Heben des Caches war schließlich die von Otto Wagner entworfene Kirche am Steinhof, die ich leider nur von außen besichtigen konnte, da sie nicht geöffnet hatte.


Das war also mal ein Streifzug der etwas anderen Art. Zwar ist das Gelände sehenswert und der Multicache war wirklich rundum gelungen, aber davon abgesehen war der Spaziergang eher beklemmend als schön.
Dennoch sind die Steinhofgründe (die mit der Buslinie 48A gut erreichbar sind) auf jeden Fall einen Besuch wert. Alleine die Kirche ist wirklich atemberaubend und die Ausstellung sehr informativ. Und wenn man mehr Zeit hat, kann man auch dem nahegelegenen Dehnepark (den ich demnächst vorstellen werde) noch einen Besuch abstatten.

Kommentare:

  1. Warum wohnst du nur so weit weg??? Wandern? Cachen? Hach, das könnte man so schön gemeinsam machen.
    Ich wollte eigentlich in den Weihnachtsferien in der Heimat (Norddeutschland) wieder cachen. Das große Problem war aber, das super viele Caches durch den Sturm verloren gegangen sind. Die meisten Wälder existieren nicht mehr... Das ist irgendwie alles doppelt und dreifach traurig.

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    1. Es sollte halt endlich mal jemand das Beamen erfinden!
      Das mit den Wäldern ist wirklich traurig. Mir war gar nicht bewusst, dass der Sturm so schlimm war.

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  2. Eigentlich eine schöne Umgebung für ein Spaziergang und den Pavillon kannst du ja im Sommer vielleicht noch einmal als Leseort antesten. :)

    Ich glaube, dass letztendlich fast jedes Gebäude schlimme und schöne Geschichten erlebt hat. Dieses Gelände mehr und schrecklicheres als andere und es ist gut, dass daran erinnert wird - manche Aspekte der Nachkriegszeit fallen bei all den vielen Verbrechen doch viel zu schnell unter den Tisch.

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