Mittwoch, 30. Juli 2014

[Ankündigung] Lesetag am 2. August

Wie am Sonntag schon halb angekündigt, plane ich am Samstag, den 2. August, einen kleinen Lesetag. Ich habe keinen großartigen Marathon vor, einfach nur einige gemütliche Lesestündchen, die natürlich gleich doppelt so schön sind, wenn andere auch noch mitlesen. Vielleicht überlege ich mir auch wieder ein paar Zwischendurch-Fragen wie voriges Jahr im Oktober.

Ein paar haben schon ihr Interesse bekundet - meldet euch doch bitte noch einmal hier, wenn ihr dabeisein möchtet, dann erstelle ich eine Liste, damit man sieht, wer sonst noch mit dabei ist.
Wer sich einfach spontan anschließen möchte, kann mir natürlich auch am Samstag noch Bescheid geben.


Wer liest mit?
cat
Winterkatze
Natira
Hermia
Ariana

Montag, 28. Juli 2014

Neil Gaiman - The Ocean at the End of the Lane


Genre: Phantastik
Verlag: Harper Audio
Dauer: 5 h 48 min (ungekürzte Lesung)
gelesen von: Neil Gaiman
ISBN: 9780062263032
meine Bewertung: 4,5 von 5 Sternchen



Ein namenloser Ich-Erzähler kehrt im mittleren Alter für ein Begräbnis in seine alte Heimat Sussex zurück. Dort wird er von Erinnerungen an seine Kindheit eingeholt und er denkt zurück an die Zeit, als er sieben Jahre alt war. Als er die eigenartigen Hempstock-Frauen kennenlernte und ein Mann am Ende der Straße Selbstmord beging. Und als die furchteinflößende Ursula Monkton sein vertrautes Leben durcheinander wirbelte.
 
"The Ocean at the End of the Lane" ist ein kleines Juwel, das in eine magische Welt der Kindheit entführt. Mit einfühlsamen Worten schildert Neil Gaiman die Geschichte eines Jungen, dessen Leben auf einmal völlig aus den Fugen gerät. Ihm eröffnet sich eine surrealistisch-phantastische Welt, in der Monster kleine Schlupflöcher als Tore nutzen, um sich bei uns einzunisten. Doch in seiner Familie möchte dem Jungen niemand Glauben schenken. Ein Glück, dass es noch die elfjährige Lettie Hempstock gibt, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter dem Jungen beisteht.
 
Der Roman ist nicht nur magisch-phantastisch, sondern stellenweise auch sehr düster und verstörend. Die albtraumartigen Szenen, als der Junge feststellt, dass niemand ihm Glauben schenken will und er Ursula scheinbar hilflos ausgeliefert ist, sind furchteinflößend - umso mehr, weil sie so realistisch geschildert sind. Wenn man einmal den magischen Aspekt wegnimmt, bleibt ein Kind, das seine Eltern auf einmal als Bedrohung erlebt und alleine nichts gegen sie auszurichten weiß. Ich hatte beim Lesen dieser Szenen ein sehr beklemmendes Gefühl und selbst beinahe Angst vor Ursula.
Den Hempstock-Frauen ist es zu verdanken, dass der Roman nicht nur düster, sondern auch freundlich und behaglich wie eine kuschelige Decke im Winter ist. Die junge Lettie, ihre Mutter und Großmutter sind weise Frauen, die wissen, wie man mit der magischen Welt umzugehen hat. Ihre Fähigkeiten sind subtil und zugleich bodenständig und können etwa auch bedeuten, dass man mit Nadel und Faden ein Loch in der Zeit wieder zunäht.
Abgesehen von ihrer Weisheit sind sie aber auch ungemein warmherzig und verströmen einen beruhigenden und vertrauensvollen Eindruck. Sie sind sozusagen das Herzstück des Romans und bringen dem Jungen auch ohne moralischen Zeigefinger so einiges über das Leben bei.
 
Der Ich-Erzähler selbst ist ebenfalls eine äußerst liebenswerte Figur mit einer bemerkenswerten Charakterstärke. Er ist nicht furchtlos und auch kein makelloser Held, aber er hält an seinen Überzeugungen fest und lässt sich nicht von Äußerlichkeiten verführen.
 
"The Ocean at the End of the Lane" ist ein wunderschönes, poetisch erzähltes Märchen, das sich allerdings aufgrund seiner düsteren Szenen eher an Erwachsene und vielleicht ältere Kinder richtet. Die phantastischen Elemente darin wirken vertraut, enthalten aber auch ganz neue und originelle Ideen und Bilder.
Es gibt von meiner Seite nur zwei kleine Kritikpunkte: Die ständige Verwendung der vollständigen Namen bei Lettie Hempstock und Ursula Monkton hat mich teilweise ein wenig genervt, zumal sie auch nicht recht zur kindlichen Perspektive passen will. Und schließlich war mir auch das Ende, so gut es auch zum Roman passt, in mancherlei Hinsicht ein bisschen zu rätselhaft.
Das ändert aber nichts daran, dass ich den Roman allen nur wärmstens empfehlen kann.
 
Empfehlenswert ist auch die englische Hörbuchversion, die von Neil Gaiman wunderbar gelesen wird. Es ist selten, dass ein Autor auch ein guter Sprecher ist, aber hier ist das ausnahmsweise der Fall.

Sonntag, 27. Juli 2014

Buchstabengeplauder #13

Lese- und Rezensionsgeplauder
 
In letzter Zeit habe ich ständig das Gefühl, dass mir die ungeschriebenen Rezensionen im Nacken sitzen. Dabei macht mir das Schreiben von Rezensionen fast immer Spaß (außer, mir fällt zu einem Buch gar nicht recht was ein), wenn ich erst einmal damit beginne. Es fällt mir nur oft so schwer, mich dazu aufzuraffen. Kennt ihr das?
Und umso länger ich eine Rezension vor mir herschiebe, umso schwieriger wird es, weil natürlich die unmittelbaren Leseeindrücke dann nicht mehr so frisch sind. Wie so oft fasse ich also mal wieder den Vorsatz, meine gelesenen Bücher zeitnah zu rezensieren (was prinzipiell in diesem Jahr eh ganz gut funktioniert).

Aktuell warten The Ocean at the End of the Lane und das Sachbuch Hab ich selbst gemacht darauf rezensiert zu werden. Dazu wird sich außerdem bald Jenseits von Eden gesellen, bei dem ich mich dem Ende nähere. Sofern Steinbeck mich nicht mit dem Ende noch enttäuscht, kann ich übrigens schon mal sagen, dass das eines meiner Lesehighlights dieses Jahres ist. Wenn ich mir vorstelle, dass ich dieses Buch schon seit Jahren direkt vor der Nase hatte (es stand bei meiner Mutter im Wohnzimmer) und nie auf die Idee gekommen bin, es endlich einmal zu lesen! Und ohne die Nobelpreis-Challenge hätte ich es vielleicht auch nie getan. Was wäre mir da entgangen!
Dagegen kann Verdammnis mich bisher nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Ich bin noch nicht einmal bei der Hälfte, aber bisher finde ich es doch deutlich schwächer als Verblendung.

Ein Lesetag?

Ich überlege schon die ganze Zeit, ob ich mir demnächst mal wieder den Luxus eines Lesetages gönnen will und kann. Nun ist so etwas natürlich lustiger, wenn man es nicht alleine macht, aber da ich so oft am Wochenende arbeite, ist das immer etwas schwierig. Nächste Woche hätte ich allerdings einen freien Samstag. Wie ist es also bei euch? Wäre am 2. August noch jemand mit dabei?

Dienstag, 22. Juli 2014

Julie Campbell - The Red Trailer Mystery (Trixie Belden 2)


Genre: Kinder-/Jugendbuch, Abenteuer
Verlag: Random House Books for Young Readers
Seiten: 269
ASIN: B005U3Z4F8
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

"Zurück in die Vergangenheit"-Challenge 


Nach Jim Fraynes Verschwinden machen Trixie und Honey sich gemeinsam mit der Erzieherin Miss Trask in einem Wohnwagen auf den Weg, um den Freund zu suchen. Dabei begegnen sie einer Familie in einem roten Wohnwagen, die den Mädchen Rätsel aufgibt. Wieso sind sie ihnen gegenüber so abweisend und weshalb ziehen sie sich trotz der Hitze so völlig in den Wagen zurück? Und welche Geheimnisse verbirgt der große Wald, der den Trailerpark umgibt? Trixie und Honey haben bald einiges mehr zu tun als nur Jim zu finden.

Vor zwei Jahren habe ich den 1. Band der Trixie Belden-Reihe auf Englisch gelesen und dabei erstaunt festgestellt, was in der deutschen Übersetzung alles geändert und gekürzt wurde. Beim 2. Band kann ich nicht so genau sagen, was in der Übersetzung alles rausgestrichen wurde, da ich mich nicht mehr ganz so gut daran erinnern kann. Obwohl ich die gesamte Serie mehr als einmal gelesen habe, gab es doch bestimmte Bände, die ich öfter zur Hand genommen habe als andere und der 2. gehörte nicht dazu.
Eines aber kann ich mit Sicherheit sagen: "The Red Trailer Mystery" steckt voller wunderbarer, kleiner Details, die es bei weitem nicht alle in die deutsche Version geschafft haben. Ich habe die Serie als sehr unterhaltsam, aber auch als recht knapp gefasst und schnell im Tempo in Erinnerung.
Nun ist mir aufgefallen, dass sich im 2. Band zwar so einiges tut, das Tempo aber dennoch eher ruhig ist. Und das meine ich keineswegs negativ, denn die Beschreibung des waldigen, ländlichen Amerika in den 50er Jahren ist ungemein stimmungsvoll. Indem man in der deutschen Übersetzung die Romane aus ihrer eigentlichen Umgebung herausgerissen und sehr viel von dem "Rundherum" gekürzt hat, hat man ihnen einiges von ihrer Stimmung geraubt.

Wie auch im 1. Band geht es hier nicht nur um die kleinen Kriminalfälle, sondern auch um die Freundschaft zwischen Trixie und Honey und ihre Charakterentwicklung, die sich daraus ergibt. Dazu ist "The Red Trailer Mystery" auch ein richtiges Sommerbuch, voller Hitze und Sonne, Abenteuern, Ausritten durch weitläufige Wälder und auch voller moralische Konflikte.
Ja, der 2. Band stellt vor allem Trixie häufig vor die Frage, wie sie mit bestimmten Informationen und Situationen umgehen soll und so wird der ungestümen, jungen Detektivin hier einiges zum Nachdenken gegeben.
Die Rätsel selbst sind zwar spaßig zu lesen und lassen dank einiger Verwicklungen auch manchmal Spannung aufkommen, aber insgesamt sind sie doch für erwachsene Leser zu rasch zu durchschauen. Ich bin mir nicht sicher, wie weit es beabsichtigt ist, dass man Trixie und Honey einen Schritt voraus ist, da sie sich am Ende selbst über ihre Begriffstutzigkeit ärgern, aber allgemein war mir die Handlung doch zu vorhersehbar.
Durch all die schönen Beschreibungen und die liebenswerten Figuren kommt das aber glücklicherweise nicht so stark zum Tragen. Sehr erfrischend ist übrigens auch das erstaunlich fortschrittliche Frauenbild dieser Serie. Kaum zu glauben, dass sie fast aus derselben Zeit stammt wie die "Fünf Freunde", die ich zwar auch gern gelesen habe, die aber eine deutlich traditionellere Rollenverteilung zeigen.

"The Red Trailer Mystery" ist ein schönes Abenteuer mit Wohlfühlfaktor, das mir auch als Erwachsene wieder viel Freude gemacht hat. Ich bin mir sicher, dass ich mit meinem englischen Reread von Trixie Belden fortfahren werde und freue mich schon, wenn es mit dem "Rotkehlchen-Club" so richtig losgeht.

Sonntag, 20. Juli 2014

Vom Streben nach Glück: Farn

Farn Lendech ist eine Figur aus meinem Roman "Die Göttersteine", die eine deutlich "dunklere" Entwicklung genommen hat als ursprünglich geplant.

Farn ist Mitte zwanzig und der Sohn eines skonländischen Fürsten. Er geht mit Königin Bergund eine politische Ehe ein, wobei von Farns Seite ehrliche Gefühle mit im Spiel sind, die von Bergund nicht erwidert werden. Damit hat er schwer zu kämpfen - er ist ein warmherziger, offener und mitfühlender Mann, der keine Ehe ohne gegenseitige Zuneigung führen möchte. Lange versucht er sich deshalb einzureden, dass Bergund einfach noch etwas mehr Zeit braucht, aber die Situation frustriert ihn zunehmend.
Zusammen mit verletztem Stolz, wachsender Ungeduld und einer Verkettung unglücklicher Umstände ergibt das schließlich eine explosive Mischung, die ihn einiges tun lässt, was er später bereut.

Dabei bekommt Farn von anderer Seite durchaus Rückendeckung. Seine freundliche, aufgeschlossene Art macht ihn vor allem beim einfachen Volk sehr beliebt und auch mit Bergunds Geschwistern versteht er sich gut. Er hat aber immer ein wenig damit zu kämpfen, dass er in seiner Familie nie die Anerkennung bekam, die er sich gewünscht hätte und sich nun auch Bergund stets unterlegen fühlt. Noch dazu bringen ihn seine Neugierde und Unvorsichtigkeit in gewaltige Schwierigkeiten und setzen einige Ereignisse in Gang, die die Handlung erst so richtig in Fahrt bringen.

Farn ist eine Figur, die recht einfach zu schreiben ist. Anfangs hatte ich noch ein wenig damit zu kämpfen, dass er mir "zu gut, um wahr zu sein" vorkam, aber das Problem hat sich im Laufe des Romans praktisch von selbst gelöst. Eher muss ich inzwischen des Gegenteil befürchten: nämlich, dass Farn im Laufe der Zeit alle Lesersympathien einbüßen könnte.
Es tut mir leid, dass ich als Autorin ganz und gar nicht nett zu ihm bin und ihn somit auch in eine Abwärtsspirale aus Gewalt und Schuld treibe. Dabei würde er noch nicht einmal so große Forderungen an das Leben stellen: Eine Ehefrau, die ihn liebt, Kinder und ganz allgemein ein harmonisches Familienleben würden ihm schon reichen. Würde ich ihm diese Wünsche erfüllen, hätte ich eine glückliche, äußerst liebenswerte Figur - aber leider keinen interessanten Roman. ;-)

Die folgende Szene zeigt Farn bei einem Gespräch mit Bergunds jüngstem Bruder Rungar. Sie stammt ziemlich vom Anfang des Romans, als Farn und Bergund noch in der Phase ihres vorehelichen Zusammenlebens (eine skonländische Tradition) sind:

Rungar sah verlegen zu Boden. “Ich war noch nie bei einem Essen außerhalb des Familienkreises dabei. Was, wenn ich mich blamiere?”
“Wieso solltest du dich blamieren?”
“Ich weiß es nicht. Vielleicht mache ich ja irgendetwas falsch und dann …” Rungar brach ab und sah vorsichtig zu Farn.
Er hatte plötzlich Mitleid mit dem Jungen, zumal er sich auch selbst nicht unbedingt auf das Bankett heute Abend freute. Und wie sollte er Rungar sagen, dass er nicht fehlerlos sein musste, wenn er doch eine Schwester hatte, die weder sich noch anderen Fehler verzieh?
“Es wird alles gutgehen”, versuchte Farn ihn dennoch zu beruhigen. “Bergund weiß, dass es dein erstes Abendessen in größerer Gesellschaft ist, und selbst wenn du etwas falsch machen solltest, ist das nicht so schlimm. Ich mache auch ständig Fehler und noch wurde ich nicht aus dem Palast geschmissen.”
Rungar lachte nervös auf, flüsterte ein rasches “Danke” und lief mit raschen Schritten den Gang hinunter.
Nachdem er verschwunden war, schien sich ein Knoten in Farns Magen zu legen. Der Junge hatte seine Worte für einen Scherz gehalten und das hatten sie auch sein sollen, aber ihm wurde bewusst, dass sie eine beängstigende Wahrheit enthielten. Manchmal hatte er tatsächlich das Gefühl, dass Bergund ihn lieber aus dem Palast schmeißen würde als ihn zu heiraten. 
Dass sie sich in letzter Zeit immer mehr von ihm zurückzog, war ihm nicht entgangen. Aber wie wenig sie sich auf die Hochzeit freute, war ihm erst bei dem Gespräch gestern klar geworden. Es tat immer noch weh und es kratzte auch an seinem Stolz, wie er sich eingestehen musste. Hatte er sich immer nur etwas vorgemacht, wenn er früher das Gefühl gehabt hatte, dass Bergund ihn mochte? Oder hatte sie sich verändert, seitdem ihr so unerwartet früh die Bürde des Regierens aufgelegt worden war?
Es würde besser werden, sagte Farn sich. Sie würden mit der Zeit enger zusammenwachsen und Bergund würde ihre Verbissenheit verlieren, wenn sie sich erst einmal an ihre Stellung als Königin gewöhnt hätte. Und er würde sich nicht anmerken lassen, wie unsicher er sich mit einemmal in ihrer Gegenwart fühlte.

Als er in sein Zimmer trat, trug er seinem Leibdiener auf, ihm Wein zu holen. Er brauchte ein paar Schlucke zum Trinken, um sich den Staub von dem Übungsplatz aus der Kehle zu spülen.
Nun ... um den Abend heute zu überstehen, wäre wohl mehr notwendig als nur ein paar Schlucke.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Rudyard Kipling - Dunkles Indien


Genre: Erzählungen, Klassiker
Seiten: 291
Verlag: edition divibib
ISBN: 978-3956081491
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern


In den 19 Kurzgeschichten dieser Sammlung ist der titelgebende Name Programm: Es handelt sich fast durchwegs um "dunkle" Geschichten, die von Geistererscheinungen berichten, von ruhelosen Toten, Flüchen und rätselhaften Vorgängen. Manche der Erzählungen sind tatsächlich phantastisch-übernatürlich, andere nur mysteriös oder düster.

Ich habe vorher noch nie etwas von Kipling gelesen (das "Dschungelbuch" kenne ich nur in der Version von Disney, die ich noch nie besonders mochte) und war sehr beeindruckt von seinem Sprachstil. Natürlich, er hat den Literatur-Nobelpreis erhalten, aber auf diese Wucht von anschaulichen Beschreibungen und phantasievollen Schilderungen war ich dennoch nicht vorbereitet. Gleich die erste Geschichte sticht hier besonders heraus: Wie Kipling darin die Hitze einer indischen Nacht beschreibt, ist nahezu überwältigend.

Kiplings Erzählungen sind aber nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich sehr interessant. Ich mochte nicht alle gleich gern und fand gerade jene, die tatsächlich von übernatürlichen Vorgängen berichten, am faszinierendsten. Kipling hat wirklich ein Händchen für dunkle Phantastik und sorgt vor allem mit den Geschichten "Das Stigma des Tieres" und "Imrays Rückkehr" für ein wohliges Gruseln.
Manche Erzählungen waren mir allerdings fast ein wenig zu rätselhaft - so hatte ich etwa bei "Morrowbie Jukes' Ritt zu den Toten" das Gefühl, ein wenig auf der Strecke zu bleiben.

Was nun Kiplings Blick auf Indien betrifft - nun ja. Er versteht es durchaus, sich in seinen Geschichten auch in die einheimische, oft arme Bevölkerung einzufühlen und übt manchmal auch eine Kritik an den Sahibs. Dennoch ist sein Standpunkt ganz klar der des britischen Kolonialisten und man spürt schon immer wieder eine leichte Überheblichkeit, mit der er auf die Inder herabblickt.

Die Sammlung "Dunkles Indien" vereint eine ganze Reihe von faszinierenden und geheimnisvollen, manchmal auch skurrilen Geschichten. Einige von ihnen wirken sehr fremdartig, andere wiederum eher vertraut-traditionell. Sie alle bieten einen interessanten Einblick in das Indien der britischen Kolonialzeit, das Kipling auch dank seiner Sprachgewalt sehr anschaulich darstellt.
Manchmal war mir sein Blick aber zu sehr der des überlegenen Kolonialherren und manche der Geschichten konnten mich auch auf der Handlungsebene nicht gänzlich überzeugen. Trotzdem eine sehr lesenswerte Kurzgeschichtensammlung, die einen höheren Bekanntheitsgrad verdient hätte.

Montag, 14. Juli 2014

Jules Verne - Die geheimnisvolle Insel



Genre: Abenteuer
Verlag: Audible
Dauer: 22 h 16 min (ungekürzte Lesung)
gelesen von: Reinhard Kuhnert
meine Bewertung: 3 von 5 Sternchen


 
Während des amerikanischen Bürgerkrieges fliehen der Ingenieur Cyrus Smith und einige seiner Mithäftlinge aus einem Gefangenenlager mit einem Ballon. Doch ihre Flucht führt sie vom Regen in die Traufe: Sie stürzen auf einer einsamen Insel mitten im Pazifik ab und sind nun ohne Nahrung und jegliche Hilfsmittel gestrandet. Mit Geschick und Erfindungsreichtum richten sie sich allmählich auf der Insel ein. Doch auf der Insel scheinen seltsame Mächte zu wirken und immer stärker beschleicht sie das Gefühl, dass sie hier nicht allein sind.

"Die geheimnisvolle Insel" ist einer der weniger bekannten Romane von Jules Verne, der mir selbst in meiner jugendlichen Verne-Phase nie untergekommen ist. Da er außerdem eine lockere Fortsetzung von zwei anderen Romanen des Autors ist, ist es ohnehin empfehlenswert, nicht gleich mit diesem zu beginnen, da man auf jeden Fall davon profitiert, wenn man die Vorgänger bereits kennt (und man sonst für diese gespoilert wird). Leider hat mir das Wissen, um welche zwei Romane es sich dabei handelt, einen großen Teil der Spannung geraubt, da mir so einiges bereits sehr früh klar wurde.

Und ganz ehrlich: Ohne diese Rätsel bleibt nicht mehr sehr viel Spannung übrig. Nicht, dass ich "Die geheimnisvolle Insel" langweilig gefunden hätte, aber die Handlung plätschert eher gemütlich vor sich hin. Man erlebt mit, wie die Gestrandeten die Insel bewohnbar machen, Tiere zähmen, die Erde beackern und allerlei Gerätschaften bauen. Es macht Spaß zu lesen, wie sie sich aus dem Nichts ihr eigenes kleines Paradies erschaffen. 
Das Problem ist nur, dass alles zu glatt verläuft, die Siedler sich zu perfekt ergänzen: Da sind der Tausendsassa Cyrus Smith, der immer eine Lösung findet, der intelligente Reporter Gideon Spilett, der Seeman Pencroff, der einen eher dummen Eindruck macht, dafür aber ordentlich anpacken kann, dessen Schützling Harbert, der ein wandelndes Tier- und Pflanzenlexikon ist und schließlich Nab, der treu ergebene und fleißige Diener von Smith.
Zwischen den Siedlern kommt es zu keinerlei Unfrieden, es herrscht eine perfekte Harmonie. Hier hat Verne meiner Meinung nach einiges an Konfliktpotenzial verschenkt und dass Smith scheinbar alles kann, alles weiß und von Pencroff nahezu verehrt wird, macht die Sache nicht interessanter.

"Die geheimnisvolle Insel" ist dennoch ein unterhaltsamer Abenteuerroman, aber alles in allem fand ich ihn zu langatmig und die Figuren vor allem in ihrer Interaktion zu uninteressant. Da habe ich von Verne schon deutlich besseres gelesen.

Die Hörbuchfassung kann ich auch nur bedingt empfehlen. Die sehr beschauliche und langsame Lesung von Reinhard Kuhnert hat etwas von einer gemütlichen Märchenstunde und sorgt nicht gerade für mehr Spannung. 
Außerdem fand ich die Art und Weise, wie er versucht, den Figuren unterschiedliche Stimmen zu geben, nicht sehr gelungen. So, wie er Pencroff liest, wirkt der Seemann noch dümmlicher als schon im Text angelegt und vor allem bei Nab hat Kuhnert völlig daneben gegriffen: Die abgehackte Sprechweise vermittelt den Eindruck, dass er entweder die Sprache nicht gut beherrscht oder aber etwas langsam im Denken ist - beides Interpretationen, zu denen der Roman an sich keinen Anlass gibt. Wenn man eine solche Sprechweise auch noch dem einzigen Schwarzen, einem ehemaligen Sklaven, verleiht, macht das doch einen mehr als zweifelhaften Eindruck. 

Samstag, 12. Juli 2014

[Wiener Streifzüge] Narrenturm und Altes AKH

BeschreibungWien geht 2: Track 24
StartpunktSchlickgasse (Linie D)
EndpunktSchottentor (U2, 37, 38, 40, 41,
42, 43, 44, 1, 71, D)
Gehzeitetwa 45 Minuten

Eigentlich wollte ich heute eine Wanderung im Grünen machen, aber dann hatte ich keine Lust, lange mit Öffis durch die Gegend zu fahren und so habe ich stattdessen einen städtischen Streifzug gemacht und im Zuge dessen ein Museum angeschaut, das ohnehin schon lange auf meiner Liste stand.
Dieser Weg beginnt bei der Straßenbahnstation Schlickgasse, von wo aus man durch einige Straßen und Gassen des 9. Bezirks geht. Dabei kommt man am Sigmund-Freud-Museum vorbei, dem man natürlich auch einen Besuch abstatten könnte.

Typische Gasse der Wiener Innenstadt
Fries an einer Häuserwand

Fassadenschmuck an einem Altbau
Über die Van-Swieten-Gasse kommt man dann zum "Marpe Lanefesch"-Denkmal, das anstelle des ehemaligen jüdischen Bethauses errichtet wurde.


Fast unmittelbar daneben befindet sich der Narrenturm, einst die erste "Psychiatrie" der Welt und nun Sitz der Anatomisch-pathologischen Sammlung.


Das unterste Stockwerk ist als Museum öffentlich zugänglich; den Rest des Gebäudes kann man nur im Rahmen von Führungen besichtigen. Das Museum beschäftigt sich mit der Geschichte der Medizin im 18. Jahrhundert, der Alchemie, der Geschichte des Gebäudes und stellt eine ganze Reihe von menschlichen Präparaten aus. Da man darin nicht fotografieren darf, bleiben euch hier unappetitliche Bilder erspart. ;-)
Die Ausstellung ist sehenswert und informativ, aber nichts für schwache Nerven. Zufällig bin ich darin auch auf eine Art Schnitzeljagd gestoßen und so habe ich Gewichte auf einer historischen Apothekerwaage ins Gleichgewicht gebracht, nach einem lockeren Mauerstein gesucht und mich von Hinweis zu Hinweis gehangelt. Als ich dann mit des Rätsels Lösung zur Kassa marschiert bin, wurde mir gesagt, dass das eigentlich nur für Kinder wäre, aber ich durfte mir dann doch auch einen Radiergummi aussuchen. *g*


Der Streifzug geht medizinisch weiter, denn er führt über das Gelände des Neuen Wiener AKHs, wobei ich diesen Teil des Weges ein wenig abgekürzt habe. Als nächstes geht es in den kleinen Viktor-Frankl-Park, der im Innenhof zwischen mehreren Wohnbauten angelegt wurde. Das besondere an dem Park ist das Baumhaus, das man über eine kleine Wendeltreppe ersteigen kann.

Blick auf den Park durch die Ritzen des Baumhauses
Weiter geht es zum Alten AKH, heute Campus der Universität Wien. Es handelt sich hier um einen großen Gebäudekomplex aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit zahlreichen kleinen Höfen, Anbauten, Durchgängen und Grünflächen.


Auf dem Campus befindet sich außerdem eine Filiale der Buchhandlung Kuppitsch, eine der ältesten noch bestehenden Wiener Buchhandlungen. Die Zentrale in der Schottengasse ist riesig und mehr als gut bestückt, während die deutlich kleinere Filiale auf dem Campus vor allem eine große Auswahl an günstigen Mängelexemplaren zu bieten hat.


Obwohl ich ja in der nächsten Zeit möglichst keine Bücher kaufen wollte, habe ich die Buchhandlung dann natürlich doch nicht mit leeren Händen verlassen. Es gab nämlich eine ganze Reihe von Agatha Christie-Romanen in der Mini-Hardcover-Ausgabe von Fischer, die ich einfach nur entzückend finde. Bei knapp 3 Euro pro Buch konnte ich gar nicht anders als doch zwei Krimis, die ich noch nicht kenne, mitzunehmen ...


Nachdem man das Alte AKH verlassen hat, geht der Weg weiter durch den Votivpark zum Hauptgebäude der Universität, das ich euch ja hier schon mal ein wenig gezeigt habe.

Eine Wanderung war das nun nicht unbedingt, aber doch ein lohnenswerter Streifzug. Der Narrenturm ist auf jeden Fall einmal einen Besuch wert und auch sonst hat dieser kleine Spaziergang ein paar nette Fleckchen zu bieten. Das Alte AKH kannte ich natürlich bereits, bisher aber vor allem den Hof 1, wo sich die Buchhandlung und das Philologisch-Historische Studienservicecenter befinden. Heute habe ich auch mal die anderen Höfe ein wenig durchstreift und nebenbei auch noch einen kleinen Multicache gesucht (nachdem ich durch die Schnitzeljagd im Narrenturm schon so in Fahrt war).

Freitag, 11. Juli 2014

Buchstabengeplauder #12

Derzeit habe ich einige Tage frei und den heutigen Tag wollte ich nutzen, um mal wieder eine kleine Wanderung zu machen. Allerdings hat mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Seit dem Morgen ist es stürmisch, verregnet, kalt - kurz gesagt: ein echtes Mistwetter. Daher habe ich es mir mit Häkelkram, einer Knüpferei, meinen Büchern und Kaffee auf dem Sofa gemütlich gemacht. 

 
Ich glaube, so einen faulen Tag wie heute hatte ich schon ewig nicht mehr. Noch nicht einmal eine der ausstehenden Rezensionen habe ich geschrieben. Dafür habe ich zwischendurch auch noch ein Armband und eine Perlenkette (die ich noch nicht fotografiert habe) gebastelt.


Ich hatte ja gehofft, dass ich an meinen freien Tagen zum Baden an die Donau fahren könnte, aber sich auf dem Sofa einzumümmeln, während draußen der Regen auf die Scheiben prasselt, hat auch etwas für sich. Und ich habe auch schon viel zu lange nicht mehr gemütlich auf dem Sofa gelesen, sondern immer nur zwischendurch in der Straßenbahn oder im Zug.
Dementsprechend bin ich auch bei Jenseits von Eden noch nicht sehr weit gekommen, aber dafür bin ich mit The Red Trailer Mystery bald fertig. Mit Hab ich selbst gemacht habe ich außerdem ein weiteres Sachbuch für die Challenge beendet. Und als Hörbuch habe ich mir endlich mal The Ocean at the End of the Lane geschnappt, das schon seit einer Weile bei mir wartet. Als ich nämlich gehört hatte, dass der Roman ein wenig gruselig ist, war ich gleich wieder skeptisch. Bislang kann ich aber erleichtert sagen, dass er ziemlich skurril und ein kleines bisschen schaurig ist, ich mich aber nicht dabei grusle. Hoffentlich bleibt das so.

Sobald der Regen nachlässt, muss ich noch einkaufen gehen, aber ansonsten werde ich wohl meinen Faulenzertag heute auch am Abend noch fortsetzen. Manchmal braucht man so etwas einmal und wenn ich schon nicht in den Urlaub fahre, muss ich eben zuhause mal für Erholung sorgen. :-)
Auch das Wochenende steht noch im Zeichen der Entspannung. Wenn das Wetter es zulässt, hole ich morgen oder übermorgen noch meine geplante Wanderung nach und am Sonntagabend werde ich gemeinsam mit zwei Freundinnen das WM-Finale schauen. Ich bin zwar kein großer Fußball-Fan und es ist mir auch relativ egal, wer gewinnt, aber wir drei haben schon mal zusammen ein Finale geguckt, als wir noch zusammen in einer WG gewohnt haben und somit wird das am Sonntag quasi ein Revival, auf das ich mich schon sehr freue.
Ein kleines Urlaubswochenende also zum Luftholen vor dem restlichen Sommer, der dann wieder mit Diensten vollgepackt weitergeht.
Und was habt ihr in den nächsten Tagen so geplant?

Dienstag, 8. Juli 2014

[Kurzrezensionen] Vom Schmetterlingseffekt, dem Stillstand und der bösen Königin

Die folgenden drei Bücher habe ich bereits im Jänner und Februar dieses Jahres gelesen, daher sind sie für mich nicht mehr so leicht zu rezensieren (schon allein deshalb nicht, weil ich sie alle so mittelprächtig fand). Aber ich wollte zu diesen Büchern schon längst noch ein paar Worte schreiben und ehe es gar nichts mehr wird, hole ich das endlich mal nach.

Matt Dickinson - Die Macht des Schmetterlings

Ein kleiner Schmetterling führt in diesem Roman zu einer Kettenreaktion ungeahnten Ausmaßes und beeinflusst unter anderem den Ausgang eines Pferderennens und den Absturz eines Flugzeugs.
Der übergeordnete Plot, der diesem Roman zugrunde liegt, ist genial und führt zu einem wahren Leserausch: Ausgehend von der Theorie des Schmetterlingseffekts (auch wenn es sich in dem Buch eher um den Dominoeffekt handelt) verknüpft Dickinson mehrere zunächst voneinander getrennte Handlungen auf verschiedenen Kontinenten. Da die einzelnen Kapitel sehr kurz sind und stets rasch von einem Strang zum nächsten gesprungen wird, entsteht ein beinahe atemloses Lesen. Ich wollte immer wissen, wie denn nun alles zusammenhängt, was im jeweiligen Handlungsstrang als nächstes passieren wird und wie sich die (häufig eingesetzten) Cliffhanger auflösen. Daher habe ich den Roman beinahe in einem Rutsch durchgelesen.
Als gesamtes betrachtet, funktioniert der Roman also sehr gut, aber die einzelnen Handlungen und Figuren fand ich teilweise sehr schwach umgesetzt. Natürlich bleibt bei einem so weit gestreuten Plot keine Zeit, um alle Figuren sorgfältig auszuarbeiten, aber ein wenig mehr Tiefe hätte ich mir bei manchen davon schon gewünscht. Noch dazu klaffen teilweise große Logiklücken und Recherchefehler in den einzelnen Handlungssträngen. So gibt es etwa grobe Schnitzer rund um das Pferderennen bzw. Pferde allgemein und eine Ersteigung des Mount Everests liest sich hier teilweise wie ein simples Bergsteigen auf höchstens 3000 Metern Höhe. Ähnliche Probleme finden sich fast bei jeder der einzelnen Handlungen.
So faszinierend und fesselnd der Roman also zu lesen ist, konnte er mich doch in den Details nicht überzeugen.
3 Sternchen


Antje Wagner - Vakuum

Fünf Jugendliche erleben unabhängig voneinander an einem Nachmittag im August das Stehenbleiben der Zeit. Noch dazu scheint alles Leben rings um sie verschwunden zu sein und es außer ihnen keine anderen Menschen mehr zu geben. Rätselhafte Botschaften führen die fünf zusammen und sie versuchen, all die offenen Fragen zu lösen: Was ist mit der Zeit passiert? Wohin sind alle anderen verschwunden? Von wem stammen die Botschaften? Und was ist das für ein grauenhafter Nebel, der Jagd auf sie zu machen scheint?
Wie "Die Macht des Schmetterlings" ist auch "Vakuum" ein Jugendbuch mit einer interessanten Idee, das fesselnd zu lesen ist. Dennoch konnte mich auch dieser Roman nicht ganz überzeugen. Das liegt vor allem am Ende, das ich leider sehr krampfhaft konstruiert fand und das auch viele der Fragen nicht logisch beantworten kann. Leider kann eine misslungene Lösung gerade bei einem Buch, das so sehr auf einem Rätsel aufgebaut ist, stark den guten Gesamteindruck zerstören.
Abgesehen davon hat mir der Roman gut gefallen. Ab und zu gleiten die Hintergrundgeschichten der Jugendlichen zwar ein wenig in Klischees ab, aber trotzdem hat Antje Wagner hier durchwegs interessante Figuren geschaffen.
Wegen der schwachen Auflösung und weil das Buch bei mir auch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, gibt das von mir 3,5 Sternchen.


Gregory Maguire - Mirror, Mirror

Huh, was war das denn? Die Idee dieses Romans ist prinzipiell sehr reizvoll: Gregory Maguire versetzt die Geschichte von Schnewittchen in ein historisch-phantastisches Setting mit Lucrezia Borgia als böse Königin und den Zwergen als skurrile Steinwesen.
So faszinierend diese Verknüpfung mit den Borgias aber so klingt, so wenig konnte mich dann die Umsetzung überzeugen. Ich fand sowohl Lucrezia als auch Cesare seltsam hilflos und schwach dargestellt und konnte nicht ganz nachvollziehen, wie sie überhaupt zu ihrem gefährlichen Ruf in dem Roman kommen konnten. Noch nicht einmal die Dienstboten lassen sich etwas von ihnen sagen. Auch Bianca - Schneewittchen - bleibt gänzlich blass.
Trotzdem fand ich den Roman nicht ganz uninteressant. Er steckt voller Rätsel, seltsamer Symbolik und einer eher dunklen Phantastik und die Art und Weise, wie das altbekannte Märchen umgesetzt wird, hat durchaus etwas für sich. 
Leider tat ich mir bei "Mirror, Mirror" aber auch mit dem Englisch so schwer wie schon lange bei keinem Roman mehr, was mit ein Grund dafür sein könnte, dass ich beim Lesen manchmal wie ein einziges Fragezeichen dasaß.
Alles in allem ein sehr eigenartiger Roman, der zwar eine interessante Grundidee enthält, bei mir aber nicht den richtigen Nerv getroffen hat.
2,5 Sternchen

Samstag, 5. Juli 2014

Challenge-Überblick zur Jahreshälfte

Schon wieder ist die Hälfte des Jahres vorbei und das ist ein guter Zeitpunkt, um einmal meinen Stand der Dinge bei den Challenges zu betrachten:


Wenn man bedenkt, dass diese Challenge bereits im August des vergangenen Jahres begonnen hat, habe ich dafür wirklich schändlich wenig gelesen. Zu Beginn war ich Feuer und Flamme und hatte Lust, alle möglichen geliebten Kinderbücher wieder einmal zu lesen. Letztendich wurden es dann nur Aufregung im Ponyclub und Ahornstraße 5.
Bei Das Wetter vor 15 Jahren bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob es überhaupt zur Challenge passt (eher handelt es sich um einen "normalen" Reread). Dabei ist es gar nicht so, dass ich keine Lust auf meine alten Bücher hätte, aber ich habe sie alle nicht in Wien, sondern bei meiner Familie. Wann immer ich also in Wien gern zu einem meiner alten Kinderbücher greifen würde, habe ich keine Gelegenheit dazu. Und wenn ich dann bei meiner Familie war (ohnehin immer nur kurz und selten in den letzten Monaten), war ich gerade mitten in einem anderen Buch. Vielleicht sollte ich mal einen Schwung meiner Kinderbücher nach Wien mitnehmen, aber dafür fehlt mir hier schlichtweg der Platz.
Es wäre schön, wenn ich in den nächsten Monaten trotzdem noch zu dem einen oder anderen Buch finden würde. Denn kaum schreibe ich hier über die Challenge, juckt es mich schon wieder in den Fingern ...



Auch bei meiner eigenen Challenge hinke ich ein wenig hinterher. Irgendwie hat mich Die Liebe in den Zeiten der Cholera ausgebremst. Diesen Roman fand ich stellenweise so zäh, dass ich danach wirklich länger keine Lust auf anspruchsvollere Bücher hatte. Erst mit Lessings Afrikanischer Tragödie konnte ich diese Krise wieder überwinden, aber kaum wieder in Fahrt gekommen, machten mir meine Dienste einen Strich durch die Rechnung.
Das Problem ist, dass ich mich manchmal sehr überwinden muss, um zu einem Nobelpreisträger zu greifen. Manchmal bin ich so furchtbar bequem und mag nur leichte Lektüre lesen, wenn ich endlich frei habe. Dabei kann ich nicht einmal behaupten, dass mir diese leichtere Lektüre durchwegs besser gefallen würde. Ganz im Gegenteil - ich bin meistens sehr angetan von anspruchsvollerer Literatur, wenn ich erst einmal damit begonnen habe. Ich muss eben nur den inneren Schweinehund überwinden - und dafür ist die Challenge ein sehr guter Ansporn. 
Mittlerweile bin ich mit den Büchern auch endlich bei der Halbzeit (wobei ich Dunkles Indien noch nicht rezensiert habe) und hoffe, dass ich die Challenge noch schaffe. Zumindest mein aktuelles Buch Jenseits von Eden gefällt mir sehr gut. Da frage ich mich wirklich, weshalb ich diesen Roman, der bei meiner Mutter im Bücherregal stand, nicht früher schon längst gelesen habe.



Wie geschmiert läuft es hingegen mit den Sachbüchern, was mich selbst am meisten erstaunt. In den letzten Jahren habe ich so gut wie nie in der Freizeit Sachbücher gelesen, da mir meine Unilektüre eigentlich gereicht hat. Aber nun habe ich in diesem Jahr schon 7 Sachbücher gelesen (wovon ich allerdings eines nicht rezensiert habe; daher scheint es bei meiner Challengeübersicht nicht auf) und habe bei fast allen die Lektüre sehr genossen. Ich habe sogar die Erfahrung gemacht, dass ich ab und zu in kleinen Leseflauten besser mit einem Sachbuch klarkomme als mit einem Roman - warum auch immer.
Ich bin daher wirklich froh über diese Challenge, die mir sozusagen für ein ganz neues Genre die Augen geöffnet hat. Und die Liste an Sachbüchern, die ich nun gern noch lesen würde, reicht auch gleich locker noch für das nächste Jahr ...

 

Eher nebenbei läuft das Lese-Bingo, bei dem ich immer wieder mal eine Kategorie ankreuzen kann, ohne dafür gesondert ein Buch ausgewählt zu haben. Dadurch war es für mich bisher keine "richtige" Challenge.
Anders ist es nun mit einigen der noch verbleibenden Kategorien. "A book published this year", "A book written by someone under thirty" oder "A book based on a true story" werde ich wohl doch bewusst aussuchen müssen. Und auch "a forgotten classic" bereitet mir noch ein wenig Kopfzerbrechen, da ich nicht recht weiß, wie ich definieren soll, wann denn ein Klassiker "vergessen" ist. Ich glaube, hier bricht mir mein Studium ein wenig das Genick, da ich bei der Recherche schon auf eine ganze Reihe von angeblich vergessenen Klassikern gestoßen bin, die mir einfach vom Studium zu präsent sind, als dass ich sie für mich als solche bezeichnen könnte. Eventuell habe ich aber nun mit Klabund den passenden Autor für mich gefunden.
Trotz dieser Problemkategorien (nicht zu vergessen auch "a book that scares you") denke ich aber doch, dass ich am Ende des Jahres BINGO rufen kann.


Alles in allem sieht es also mit meinen Challenges nicht so schlecht aus. Es laufen nicht alle gleich gut, aber hoffnungslos ist die Lage bei keiner. Ich bin also zuversichtlich, dass ich die Challenges alle noch zu einem guten Ende bringen werde.

Freitag, 4. Juli 2014

Liz Jensen - Mein kleines schmutziges Buch von der gestohlenen Zeit



Genre: Phantastik, Gegenwartsliteratur
Verlag: Bloomsbury Berlin
Seiten: 316
ISBN: 978-3827006745
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen



Charlotte schlägt sich am Ende des 19. Jahrhunderts in Kopenhagen als Dirne durch und muss sich noch dazu um die nichtsnutzige Fru Schleswig kümmern. Da kommt es ihr gerade recht, als eine reiche Witwe nach Dienstleuten sucht, die ihr Haus auf Vordermann bringen. Was sich für Charlotte und Fru Schleswig zunächst als Glücksgriff erweist, wird schnell zum Albtraum: Im Keller des Hauses gibt es einen verschlossenen Raum, in dem offenbar grausige Dinge geschehen. Und als wäre das nicht genug, wird auch der verstorbene Hausherr immer wieder gesichtet.

Jensens Roman ist eine wirklich aberwitzige Geschichte, die sich in keine Schublade einordnen lässt. Es gibt Zeitreisen, aber es ist kein eigentlicher Zeitreiseroman; es gibt eine Liebesgeschichte, aber es ist kein Liebesroman; es gibt sehr anschaulische Beschreibungen über Kopenhagen kurz vor der Jahrhundertwende, aber es ist kein historischer Roman. Man bekommt hier also eine recht ungewöhnliche, schräge Mischung, die in sich aber sehr harmonisch ist.
Mitunter trägt Jensen sehr dick auf, aber der ironische Tonfall führt dazu, dass die Kitschfalle (meistens) problemlos umschifft wird.

Unverblümt und in schnoddrigem Tonfall erzählt Charlotte aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte, die sie durch verschiedene Zeiten und Orte führt. Sie ist nicht immer eine sympathische, immer aber eine amüsante Erzählerin. Ihre Ironie und die pragmatische Art machen auch die schlimmsten Erlebnisse zu einer leichtfüßigen Unterhaltung.
Jensen hat mit Charlotte eine keineswegs fehlerlose Heldin geschaffen, hinter der aber auch die anderen Figuren nicht zurückstehen. Viele wirken zwar ein wenig überzeichnet (ich musste hier an Dickens denken), aber das passt zum Erzählton und sie verlieren dadurch auch nicht ihre Glaubwürdigkeit. Einzig Charlottes Liebe Fergus ist vielleicht ein bisschen zu "gut" und entsprechend eindimensional geraten, wobei das auch an der Perspektive liegen kann (sie selbst findet ihn nun einmal perfekt ;-)).

Gestört haben mich allerdings ein paar kleinere Logiklücken. Diese betreffen einerseits die Zeitreisen selbst, andererseits aber auch den "realistischen" Teil der Handlung. Manchmal fehlen einfach die Konsequenzen für bestimmte Aktionen der Figuren und da helfen auch Zeitsprünge nichts, da diese in mir eher den Eindruck hinterlassen haben, Jensen wollte es sich auf diese Weise einfach machen und das Problem einfach überspringen.

Ansonsten ist "Mein kleines schmutziges Buch von der gestohlenen Zeit" ein sehr kurzweiliger Roman mit liebenswert-schrägen Figuren und einer rasanten Handlung. Ich kann ihn allen empfehlen, die sich gern auch mal außerhalb von Genregrenzen bewegen.
Für mich war das Buch ja ein absoluter Zufallsfund (mehr dazu hier), der sich auf jeden Fall gelohnt hat. Von dieser Autorin würde ich gern noch mehr lesen.