Sonntag, 17. Mai 2015

Antonia S. Byatt - Besessen


Genre: Roman, Gegenwartsliteratur
Seiten: 631
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3518388761
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternchen
Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz



Der Literaturwissenschaftler Roland Mitchell stößt in einem Buch, das der Bibliothek des Lyrikers Randolph Henry Ash angehörte, auf Notizen des Dichters. Darunter befindet sich auch der Entwurf eines Briefes an eine unbekannte Dame, die Roland als die Schriftstellerin Christabel La Motte identifiziert. Er wendet sich daraufhin an Maud Bailey, eine Expertin für La Motte, die zunächst an einer Bekanntschaft zwischen den beiden Schriftstellern zweifelt. Nach und nach finden die beiden aber immer mehr heraus - und erregen damit auch die Aufmerksamkeit anderer Wissenschaftler, die selbst den Ruhm der sensationellen Entdeckung ernten möchten.
 
Als Jugendliche bin ich durch Zufall in der Bücherei über diesen Roman gestolpert, den ich daraufhin fast atemlos verschlungen habe. Seither ist er immer bei mir im Hinterkopf geblieben und ich wollte ihn gern noch einmal lesen. Wie das aber manchmal so ist mit Werken, die einen begeistert haben, konnte der Roman dieses Mal meine hohen Erwartungen nicht mehr ganz erfüllen. Er hat sich für mich nach dem tollen Einstieg ein wenig gezogen und es hat gedauert, bis ich wieder so richtig hineingefunden habe.
 
Dabei leistet Byatt hier etwas ganz großes: Sie erweckt zwei fiktive, viktorianische Schriftsteller so überzeugend zum Leben, dass man fast zum nächsten Nachschlagewerk greifen und sich genauer über Ash und La Motte informieren möchte. Sie flicht nicht nur Briefe der beiden ein, sondern auch Gedichte, Erzählungen und schließlich sogar Sekundärliteratur über sie.
Byatt hat in ihrem Roman ein ganzes Forschungsnetzwerk aufgebaut. So finden sich neben Roland und Maud auch Rolands Professor Blackadder, der mit einem weiteren Ash-Forscher aus Amerika konkurriert und eine Professorin, die sich auf Ashs Frau spezialisiert hat. Zu La Motte gibt es dagegen eine ganze, eigene Forschungsrichtung am Institut für Frauenliteratur, die sich der Dichterin von einer sexualpsychologischen Seite nähert.
Es ist faszinierend, wie Byatt hier eine ganze literaturwissenschaftliche Welt erschafft. Ein gewisses Interesse an diesen Themen ist also Voraussetzung, damit man die Lektüre genießen kann. Sehr schön ist auch das Augenzwinkern, das man manchmal dahinter spürt, denn diese Neigung zur Über-Interpretation oder eben auch diese Besessenheit mit bestimmten Schriftstellern kenne ich selbst von meinem Studium nur zu gut.
 
Doch "Besessen" ist noch deutlich mehr - es ist eine Liebesgeschichte auf zwei zeitlichen Ebenen und eine Charakterstudie nicht nur der Schriftsteller, sondern auch der Figuren in der Gegenwart. Schließlich ist es auch ein Krimi, wenn Roland und Maud sich von einem Hinweis zum nächsten hangeln und schließlich einen Wettlauf gegen die Zeit antreten müssen, als immer mehr auf ihre Forschungen aufmerksam werden.
 
Byatt hat hier wirklich ein Meisterwerk geschaffen, das zugleich anspruchsvoll und unterhaltsam ist. Weshalb mich "Besessen" nicht mehr so begeistert hat wie vor Jahren noch, kann ich allerdings nur schwer in Worte fassen. Vermutlich ist die traurige, aber simple Wahrheit, dass ich inzwischen eine ungeduldigere Leserin geworden bin und es mir schwerer fällt, mich auf solche Romane einzulassen. Glücklicherweise konnte mich das Buch dann doch wieder in seinen Bann ziehen und ich habe es nicht bereut, es noch einmal gelesen zu haben.

Kommentare:

  1. Das klingt ja faszinierend - ein Roman, der Literaturwissenschaft fiktionalisiert. Den muss ich auch mal lesen!

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    1. Ja, mach das mal. :-)
      Der Roman ist ja schon etwas älter und das spiegelt sich teilweise auch in den literaturwissenschaftlichen Ansätzen wieder, aber das macht die Sache fast noch interessanter.

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  2. Salut, Neyasha.
    Ich kann mir durchaus den Reiz vorstellen, den ein solches fiktiv-literarisches Universum aufzubauen versteht. Zumal Literaturwissenschaftler auch nicht viel anders agieren, als Detektive.
    Wurde 2002 auch ganz manierlich Verfilmt.

    bonté

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    1. Der Vergleich zwischen Literaturwissenschaftlern und Detektiven ist bei diesem Roman wirklich naheliegend (und sonst auch oft).
      Den Film habe ich vor ein paar Jahren einmal gesehen. Als Film für sich ganz gut gelungen, auch wenn darin vom Buch nicht sehr viel übrig geblieben ist. Ich fand es vor allem schade, dass Roland zu einem Amerikaner und sein Charakter mal eben um 180 Grad gewendet wurde.

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  3. Immer noch schlummert Besessen auf meiner Wunschliste; die Geschichte klingt genau nach meinem Ding, aber immer schieben sich andere Bücher davor. Trotz deiner nicht perfekten Wiederleseerfahrung ist das Buch aber jetzt ein gutes Stück weiter nach oben gerutscht, du hast mir richtig Lust gemacht, dieses Buch doch einmal wirklich in Angriff zu nehmen.

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    1. Das freut mich, wenn ich dir wieder Lust auf das Buch machen konnte. Ich hoffe, dass es bald etwas mit dem Lesen wird und es dir gefällt!
      Mir tut es ja selbst richtig leid, dass ich das Buch nicht mehr so mochte wie früher, aber vielleicht war es auch einfach gerade nicht der richtige Zeitpunkt.

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  4. Während des Studiums - vor allem während der Auslandssemester in England - ist mir das Buch immer wieder untergekommen, aber gelesen habe ich es nicht. Sollte ich vielleicht doch mal angehen, obwohl ich bei mir auch festgestellt habe, dass ich im Vergleich zu meiner Jugend eher ungeduldig lese. Früher habe ich mich einfach stunden- oder gar tagelang in einem Buch verkrochen, heute habe ich so viel um die Ohren, dass ich die Zeit dazu gar nicht finden würde. Schade eigentlich. :-(

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    1. Ja, das ist wirklich schade. Vor allem merke ich bei mir, dass ich auch dann, wenn ich mal Zeit habe, nicht die Ruhe finde, um einfach mal ein paar Stunden lang entspannt ein Buch zu lesen. Ich hab dann immer schon wieder hundert andere Dinge im Kopf.

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