Mittwoch, 3. Juni 2015

Matthew Goodman - In 72 Tagen um die Welt


Genre: Sachbuch
Seiten: 721
Verlag: btb Verlag
ISBN: 978-3442753994
Meine Bewertung: 5 von 5 Sternchen

Sachbuch-Challenge


In 80 Tagen um die Welt - was Vernes Held Phileas Fogg geschafft hat, ist in der Realität noch niemandem gelungen, als sich im November 1889 die Enthüllungsjournalistin Nellie Bly aufmacht, um diesen Rekord zu schlagen. Noch am selben Tag macht sich mit Elizabeth Bisland eine weitere Reporterin in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg. Und so beginnt ein Wettlauf zwischen zwei Frauen, den nicht nur die Presse, sondern ganz Amerika begeistert verfolgt.

Matthew Goodman schildert in diesem "erzählten Sachbuch" nicht nur die Reise, sondern auch das Leben zweier Frauen, die viele Gemeinsamkeiten aufweisen und doch unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite steht Nellie Bly, die aus ärmlichen Verhältnissen stammte und sich als Reporterin nach oben arbeitete, bis sie schließlich für die "New York World" Enthüllungsreportagen schrieb, etwa von den Zuständen in einem Irrenhaus. Die Idee von einer Reise um die Erde hatte sie schon vor längerem Joseph Pulitzer vorgeschlagen, der sie schließlich aufgriff, um den sinkenden Verkaufszahlen der World etwas entgegenzusetzen.
Elizabeth Bisland hingegen stammte aus einer angesehenen Südstaaten-Familie, die durch den Krieg verarmt war, und veröffentlichte zunächst Gedichte und Artikel bei kleineren Zeitungen, ehe sie bei der "Cosmopolitan", damals eine Familienzeitschrift, als Literaturkritikerin angestellt wurde. Sie galt als gefeierte Schönheit und lud in ihrer Wohnung regelmäßig zu einem literarischen Salon ein. Als John Brisbane Walker, der Herausgeber der Cosmopolitan, ihr eröffnete, sie sollte noch am selben Abend eine Reise um die Welt antreten, war sie nicht gerade begeistert. Dabei war es nicht nur die Reise selbst, die sie abschreckte, sondern auch die damit verbundene Aufmerksamkeit. Aber ihr wurde keine Wahl gelassen und so stieg sie nur wenige Stunden später in den Zug.

Beide Frauen mussten sich also aus ärmlichen Verhältnissen hocharbeiten und schafften es, sich in einer Männerwelt gegen alle möglichen Widerstände durchzusetzen. Doch während Nellie Bly sich durch wagemutige Aktionen, bei denen sie sich inkognito einschleuste, einen Namen machte, war Elizabeth Bisland im literarischen Bereich unterwegs und verabscheute einen zu großen Rummel um ihre Person. Und während die Reise um die Welt Blys langgehegter Wunsch war, machte Bisland sich nur sehr widerwillig und zudem gänzlich unvorbereitet auf den Weg.
Goodman gelingt es sehr gut, die unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden Frauen herauszuarbeiten und die Schilderung ihres Lebens schafft eine gute Grundlage für das eigentliche Herzstück des Buches - die Reise. Der Autor geht hier immer abwechselnd auf ihre Etappen ein und streut auch alle möglichen Informationen zu den Reisemöglichkeiten der damaligen Zeit ein. 

Es ist faszinierend, wie unterschiedlich die beiden Reporterinnen sich auch während der Reise verhalten. Obwohl Bisland mit Schwierigkeiten am Anfang und Ende der Reise zu kämpfen hat, hat man das Gefühl, dass sie sie ansonsten durchaus genießt: Sie nutzt jede Pause zu Besichtigungen, interessiert sich für die fremden Kulturen und ist ganz begeistert von Asien (wohin sie auch später noch einmal zurückkehrte).
Bly dagegen ist so sehr darauf konzentriert, ihre Reise schnell voranzutreiben, dass sie sozusagen kaum noch nach links und rechts schaut. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie unterwegs alles eher negativ und verächtlich kommentiert und am Ende vor allem den Eindruck mit zurück nach New York bringt, dass in Amerika alles besser ist.
Von beiden werden die Wege sehr fesselnd geschildert, wobei die Konzentration eher auf Nellie Bly liegt. Die Abstecher, die Goodman zu verwandten Themen wie dem Eisenbahnbau, chinesischen Einwanderern und der schwierigen Arbeit der Heizer auf einem Hochseedampfer macht, fand ich sehr interessant. Man erfährt auch einiges zum Zeitungswesen der damaligen Zeit und zu den kleinen Kniffen, die die New York World anwendet, um das Interesse der Leser an dem Wettlauf noch zu erhöhen.

Was Nellie Bly schließlich zurück in Amerika erwartete, war ein beispielloser Rummel - sie war gewissermaßen zu einem Superstar geworden und zehrte auch noch eine Weile an dem Ruhm, etwa bei Vortragsreisen oder den Verkauf von "Marketing"-Artikeln. Elizabeth Bisland hingegen, die erst einige Tage später in New York ankam, fand kaum Beachtung, was ihr selbst wohl entgegenkam. Sie nahm auch bald wieder die schreiberischen Tätigkeiten auf und ihre Reise geriet schnell in Vergessenheit, während Nellie Bly bis in die heutige Zeit dafür bekannt blieb.

Matthew Goodman hat hier ein hervorragend recherchiertes und flüssig zu lesendes Sachbuch geschrieben, das trotz seiner stattlichen Länge sehr kurzweilig zu lesen ist. Es ist sogar eher erstaunlich, was er auf den gut 700 Seiten (inklusive Quellenangaben) alles unterbringt: die Biographie zweier Reporterinnen, zwei ereignisreiche Reisen und dazu noch allerlei Informationen zum Hintergrund der damaligen Zeit. Von mir aus hätte das Buch auch noch länger sein dürfen, da ich über einige Themen auch gern noch mehr erfahren hätte. Aber es ist klar, dass der Autor auch irgendwo einen Schlussstrich ziehen musste, um nicht den Fokus auf das Hauptthema aus den Augen zu verlieren. Und es ist ja auch schön, wenn man ein Buch mit dem Gedanken zuklappt, dass man sich nun über einiges gern noch weiter informieren möchte.

"In 72 Tagen um die Welt" ist ein wirklich empfehlenswertes Buch, das sich flott liest und einem zwei sehr interessante Persönlichkeiten nahebringt, die beide eine schwierige Reise bravourös gemeistert haben, auch wenn es am Ende nur eine "Siegerin" gab.
Ich bin sehr froh, dass ich durch Hermia auf dieses tolle Sachbuch aufmerksam wurde, das zu meinen bisherigen Jahreshighlights gehört.

Kommentare:

  1. Es ist wirklich sehr erstaunlich, was die zwei Frauen da gemeistert haben! Vermutlich hätte ich nichtmal heutzutage den Mumm, meine Koffer zu packen und einmal die Welt zu umrunden.
    Deine Rezension klingt wirklich sehr begeistert und vor allem begeisternd. Vielleicht läuft mir das Buch auch irgendwann einmal über den Weg.

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    1. Also ich hätte nicht den Mumm - erst recht nicht so unvorbereitet. Deshalb finde ich das auch wirklich bewundernswert und das ist sicher auch mit ein Grund, weshalb mich das Buch so begeistert hat.
      Dass ich es dann auch so spontan ausleihen konnte, war natürlich super, sonst wäre es vielleicht noch eine Weile auf meiner Leseliste herumgedümpelt. Ich drücke daher die Daumen, dass es dir auch mal über den Weg läuft.

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  2. Das klingt wirklich gut. Hermia hatte mich ja schon neugierig gemacht und nun ist das Buch noch einmal ein Stückchen weiter nach oben auf dem Wunschzettel gerückt. :)

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  3. Mir ist das Buch gestern tatsächlich über den Weg gelaufen; leider im Schaufenster eines geschlossenen Buchladens. Sonst hätte ich es mitgenommen, da es mich im Netz schon seit Monaten heimsucht.

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    1. Schade, dass du gestern keine Gelegenheit hattest, es gleich zu kaufen. Aber vielleicht ergibt es sich ja ein anderes Mal.

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  4. Wie schön, das es dir auch so gut gefallen hat! Was die kleinen Abstecher angeht, die fand ich auch sehr faszinierend. Da gibt es einige Gebiete, über die ich gerne mehr lesen möchte...

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    1. Ich bin sehr froh, dass ich durch dich auf das Buch aufmerksam geworden bin. :-) Ich bin bei den Abstechern auch auf einiges gekommen, worüber ich gern mehr lesen möchte - auch zu Themen, bei denen ich vorher gar nicht gedacht hätte, dass die mich interessieren.

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    2. Mich würde ja etwas über die chinesischen Arbeiter beim Bau der Eisenbahn reizen. Bisher bin ich da aber noch nicht fündig geworden...

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