Sonntag, 8. November 2015

Kenzaburō Ōe - Reißt die Knospen ab


erschienen bei Fischer
(mittlerweile nur noch als Taschenbuchausgabe)

woher: Städtische Büchereien
entdeckt bei Ariana

Nobelpreis-Challenge


Während des Zweiten Weltkriegs wird eine Gruppe japanischer Jungen aus einer Erziehungsanstalt evakuiert und in ein entlegenes Bergdorf gebracht. Als dort zunächst einige Tiere und dann auch Menschen an einer Seuche sterben, fliehen die Dorfbewohner und versperren den Jugendlichen den einzigen Fluchtweg. Diese müssen nun auf sich allein gestellt in dem Dorf zurechtkommen.

"Reißt die Knospen ab" war einer der ersten Romane von Kenzaburō Ōe. Er erschien 1958, wurde aber erst 1997 ins Deutsche übersetzt - nachdem Ōe drei Jahre zuvor den Nobelpreis erhalten hatte. Der Roman wird gern mit Goldings "Herr der Fliegen" verglichen und tatsächlich gibt es insofern Parallelen in der Grundsituation, da in beiden Büchern Kinder und Jugendliche für einen kurzen Zeitraum alleine zurechtkommen müssen, ehe dann von den Erwachsenen die Ordnung wieder hergestellt wird. Darüber hinaus sind die Romane aber kaum miteinander zu vergleichen.

Bei "Reißt die Knospen ab" liegt das Hauptaugenmerk vor allem auf den Konflikten zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen. Die Dorfbewohner wollen die Jungen von Anfang an nicht bei sich haben und lassen sie letztendlich auch gezielt zurück. Als sie dann schließlich zurückkehren, um die Ordnung wiederherzustellen, gehen sie mit Ungerechtigkeit und Härte vor und die Situation wird für die Jungen im Grunde noch schlimmer als zuvor.

Die Grundstimmung des Romans ist also sehr düster und bedrückend. Die Gesellschaft, die sich die Jugendlichen aufbauen, ist recht grausam, aber nicht, weil die Situation auf eine solche Weise eskaliert wie in "Herr der Fliegen", sondern weil sie selbst offensichtlich nie etwas anderes kennengelernt haben. Und im Vergleich zur Herrschaft der Erwachsenen erscheint ihre Gemeinschaft selbst in all ihrer Brutalität beinahe noch paradiesisch, zumal ich zwischendurch das Gefühl hatte, sie wären durchaus imstande, es mit der Zeit besser zu machen.
 
Ariana erwähnt in ihrer Rezension die etwas irritierende "Penis-Fixierung des Autors/Ich-Erzählers" und das ist mir auch beim Lesen aufgefallen. Allgemein herrscht oft eine sehr sexuell aufgeladene Stimmung, was vielleicht bei einer Gruppe pubertierender Jungs verständlich ist, angesichts der Situation aber doch manchmal fehl am Platz wirkt. Vor allem die Fixierung der Jugendlichen auf Soldaten und eine Szene, die zumindest ich eindeutig als Vergewaltigung gelesen habe, fand ich eher befremdlich.
 
Sprachlich liest sich der Roman sehr flüssig, stellenweise auch fast poetisch, wobei insgesamt ein schlichter Stil vorherrscht. Man kann daher "Reißt die Knospen ab" durchaus flott lesen, auch wenn ich aufgrund des Inhalts und der Stimmung nie sehr lange am Stück gelesen habe.
 
Alles in allem handelt es sich bei Ōes Roman um ein interessantes und stellenweise sehr spannendes, aber auch recht verstörendes Werk. Das Ende hat mich zugegebenermaßen sehr ratlos zurückgelassen und ich weiß noch immer nicht, wie ich es einordnen soll.
Von mir gibt es daher nur eine vorsichtige Leseempfehlung - vor allem die trostlose Stimmung ist vermutlich nicht jedermanns Sache.

Kommentare:

  1. Deine Ratlosigkeit (und auch vieles andere in deiner Rezension) kommt mir irgendwie bekannt vor. ;-)

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  2. Konban wa, Neyasha san.
    In den Jahrzehnten später etablierten sich erzählte Szenarien, in denen Gruppen Jugendlicher - in der Regel Schulklassen - sich an einem kasernierten Ort gegenseitig massakrierten. Filme & Comics zeigen sich hier in Japan sehr nachgefragt. Warum auch immer.

    Was das Weltbild der Roman-Jugendlichen angeht, so sind sie das Resultat eines Faschismus, der durch die Militärs, über lange Jahre hinweg, gedrillt wurde. Japans Kaiserreich als Nonplusultra - alle anderen Asiaten waren bestenfalls als Sklavenvölker zu betrachten. Eine gleichgeschaltete Gesellschaft, die auf absoluten Gehorsam zu drillen war.
    So betrachtet war (und ist) das Buch Kenzaburōs ein notwendiges Antidot. Zudem mutig, für das Veröffentlichungsjahr 1957.

    bonté

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    1. Es ist auf jeden Fall ein mutiges und ein kritisches Buch - und so etwas ist eben mitunter schmerzhaft zu lesen.

      Was die von dir erwähnten Szenarien betrifft, habe ich vor zwei Jahren "Battle Royale" gelesen. Ich wusste gar nicht, dass es von der Sorte mehr gibt, habe aber auch nicht unbedingt ein Bedürfnis, noch weitere Bücher dieser Art zu lesen.

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  3. Ich war schon nach Arianas Rezension zu der Ansicht gekommen, dass das kein Buch für mich wäre. Du bestärkst mich mit deiner Meinung darin, ich glaube, für mich wäre die Geschichte zu belastend.

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    1. Ja, ich kann mir vorstellen, dass das Buch nicht unbedingt jedermanns Fall ist.

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  4. Interessanter Autorenname. :D

    Deine Rezension macht mich einerseits neugierig auf das Buch, andererseits stößt sie mich ab (jetzt nicht negativ verstehen!). Vermutlich sollte man sich dem Werk widmen, wenn man etwas Tragik verkraften kann...
    Was bei mir gerade nicht der Fall ist, aber irgendwann kommt der Zeitpunkt. :)

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    1. Man muss vermutlich wirklich in der richtigen Stimmung für dieses Buch sein. Es hat mir - anders als einige andere Nobelpreisträger in diesem Jahr - auch nicht wirklich Freude beim Lesen gemacht, aber ich habe es dennoch als lohnenswerte Lektüre empfunden.

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  5. Das scheint mir kein gutes Buch für die düsteren Wintermonate zu sein, aber ich muss auch sagen, dass mich deine Rezension neugierig macht. Oe ist einer von den Autoren, die ich nicht direkt auf meine Wunschliste setzen würde, aber mitnähme, wenn ich mal ein Buch im Tauschregal fände; ich müsste ihn erst mal ausprobieren.

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  6. Hm, okay. Jetzt bin ich irgendwie neugierig geworden. Mal sehn, ob ich das nicht demnäxt mal lese.

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