Samstag, 30. April 2016

[Kurzrezensionen] Von Lunariern, Listen und Lauten

Marissa Meyer - Wie Blut so rot
ungekürztes Hörbuch, gelesen von Vanida Karun

"Wie Blut so rot" ist der zweite Band der Luna-Chroniken, in denen Grimms Märchen in ein Science-Fiction-Umfeld transportiert werden. In diesem Band kommt nun neben Cinder mit Scarlet eine neue Hauptfigur und mit ihr auch das Märchen Rotkäppchen hinzu: Nachdem Scarlets Großmutter verschwunden ist, macht Scarlet sich auf die Suche nach ihr und trifft dabei auf den mysteriösen Straßenkämpfer Wolf.
Leider konnte mich dieser Band wie auch schon der Auftakt "Wie Monde so silbern" nicht ganz überzeugen. Zwar hat mir Scarlet als neue Figur ganz gut gefallen und die Adaption von Rotkäppchen konnte mich großteils überzeugen, aber dafür hat mich Cinders Handlungsstrang zunächst sehr gelangweilt. Besser wurde es dann meiner Meinung nach, als ihre und Scarlets Wege sich kreuzen, aber dennoch habe ich mich mehrmals dabei ertappt, wie meine Gedanken während des Hörens abgeschweift sind. 
Ich fand außerdem erneut den Plot nicht immer ganz logisch und Prinz Kai hat mich schier zur Verzweiflung gebracht. Schon in Band 1 hatte ich nicht das Gefühl, als hätte er das Zeug zum Herrscher und hier wurde alles noch schlimmer. Die politischen Entscheidungen, die er trifft, sind teilweise eine Katastrophe, da er großteils nicht über die eigene Nasenspitze hinaussehen kann und sich oft sehr unreif verhält. Im nächsten Band würde ich auf jeden Fall sehr viel Gegenwind von den anderen Ländern erwarten.
Noch dazu bin ich mit der Hörbuchversion nicht ganz glücklich geworden. Weshalb Vanida Karun in einem französischen Setting, in dem alle Beteiligten miteinander französisch sprechen, ein paar der Figuren mit einem fürchterlichen Akzent spricht, hat sich mir überhaupt nicht erschlossen. Und die durchdringende Fistelstimme, die sie der Androidin Iko verleiht, habe ich als sehr nervtötend empfunden.
Ich denke nicht, dass ich die Serie noch weiterlesen werde.


David Wallechinsky, Amy Wallace - Das große Buch der Listen

Was für ein herrlicher Lesespaß! Wallechinsky und Wallace stellen in diesem Buch ein ganzes Sammelsurium von absurden, spannenden und informativen Listen zusammen. Sortiert nach verschiedenen Themengebieten findet man darin etwa "10 berühmte Nasen", "15 Krawalle in der Kunstwelt", "14 Fälle ungewöhnlicher Diebesbeute" oder "12 Verrisse berühmter Werke". 
Manchmal sind es tatsächlich nur Auflistungen, aber meistens gibt es einiges zu den einzelnen Punkten auf den Listen zu lesen. Vieles davon fällt wohl in die Kategorie unnützes Wissen, ist dafür aber sehr amüsant und/oder skurril. Oft regen die Listen auch dazu an, sich zu einzelnen darin erwähnten Personen oder Ereignissen näher zu informieren.
Mich haben nicht alle Listen im gleichen Maße interessiert, aber dennoch habe ich das Buch sehr flott durchgelesen, da ich es oft nur schwer aus der Hand legen konnte: die Verlockung, nur noch eine weitere Liste (und danach noch eine und noch eine) vor dem Schlafen zu lesen, war einfach zu groß. 
Ein sehr unterhaltsames Sachbuch, das für Listenfans wie mich wie geschaffen ist.


Thomas Raab - Still. Chronik eines Mörders
 
Karl Heidemann ist mit einem besonders empfindlichen Gehör gesegnet oder eher verflucht: Da ihm alle Geräusche Schmerzen bereiten, verbringt er seine Kindheit in einem abgeschirmten Raum im Keller. Als er eines Tages die erlösende Stille des Todes kennenlernt, will er dieses vermeintliche Geschenk nun den Menschen in seiner Umgebung bringen.
Thomas Raabs aktueller Roman erinnert in einigen Punkten an Patrick Süskinds "Das Parfum": ein Protagonist mit besonders feinen Sinnen, der jahrelang isoliert von der Welt lebt und schließlich zum Mörder wird. Und wie "Das Parfum" hat mich auch dieser Roman fasziniert. Karl ist niemand, der einem sympathisch ist, aber ich fand es sehr interessant, in seine Welt einzutauchen und bin oft zwischen Mitleid und Abscheu geschwankt. Faszinierend ist auch der Schreibstil von Thomas Raab, denn der Autor spielt hier mit der Sprache und brilliert mit ungewöhnlichen Formulierungen. Es steckt auch eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe in dem Roman, vor allem, wenn es um das Leben und die Menschen in einem kleinen Dorf geht.
Gestört hat mich nur, dass es mir vorkam, als wäre die Geschichte um mindestens zehn Jahre früher angesiedelt. Durch die Sonnenfinsternis von 1999, die Karl als Jugendlicher erlebt, ist der Roman zeitlich sehr klar eingeordnet. Karl ist etwa gleich alt wie ich selbst, aber seine Umgebung und die herrschenden Moralvorstellungen kamen mir viel altmodischer vor als ich es jemals erlebt habe. Mag sein, dass tatsächlich ein großer Unterschied zwischen österreichischem Winzdorf und österreichischer Kleinstadt besteht, aber es hat mich doch irritiert. Ein paar Szenen habe ich außerdem als etwas übertrieben empfunden. 
Von diesen kleinen Kritikpunkten einmal abgesehen, hat mir der Roman aber sehr gut gefallen.

Mittwoch, 27. April 2016

Blogger schenken Lesefreude - die Gewinnerinnen

Erst einmal herzlichen Dank für eure Teilnahme an meinem Gewinnspiel!

Hier kommt zunächst einmal die Auflösung
1. Internet - E-Mail - Kontaktaufnahme - Anonymität - Liebesbeziehung - Belletristische Darstellung
= "Gut gegen Nordwind" von Daniel Glattauer

2. Franz-Josef-Land - Forschungsreise - Geschichte 1873 - Payer, Julius - Weyprecht, Karl - Belletristische Darstellung
= "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" von Christoph Ransmayr

3. Weibliche Jugend - Krebs, Medizin - Erste Liebe - Krebskranker - Männliche Jugend - Sterben - Jugendbuch
= "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" von John Green

4.  Elisabeth, II., Großbritannien, Königin - Entdeckung - Leseinteresse - Bediensteter - Belletristische Darstellung
= "Die souveräne Leserin" von Alan Bennett

5. Jackson, Mississippi - Rassendiskriminierung - Junge Frau - Emanzipation - Geschichte 1962 - Belletristische Darstellung
= "Gute Geister" von Kathryn Stockett

6. Humboldt, Alexander von - Gauß, Carl Friedrich - Belletristische Darstellung
= "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann

7. Frau - Überleben - Katastrophe - Einsamkeit - Isolation - Belletristische Darstellung
"Die Wand" von Marlen Haushofer

Ihr habt euch ja alle sehr wacker geschlagen und zwei Teilnehmerinnen haben alles richtig erraten: Winterkatze und Sabine. Herzlichen Glückwunsch!
Da es nur zwei mit gänzlich richtigen Ergebnissen sind, habe ich mich dafür entschieden, nicht zu losen und euch beide als Gewinnerinnen zu zählen. Mails sind auch bereits unterwegs. :-)

Eva Jancak und BücherFähe waren sehr knapp dran, haben es aber jeweils um eins verfehlt. Da Schlagwörter natürlich nicht ganz eindeutig sein müssen und es da unter Umständen mehrere Lösungen geben kann, habe ich mich zu den jeweiligen Vorschlägen erst einmal genauer informiert. "Die Farbe Lila" würde auch tatsächlich ganz gut zu Nr. 5 passen, ist aber nicht in Jackson (Mississippi), sondern im ländlichen Georgia angesiedelt. Und "Die österreichisch-ungarische Polarexpedition" von Weyprecht und Payer ist der Forschungsbericht der beiden, also keine belletristische Darstellung über die beiden.
Daher haben eure alternativen Lösungsvorschläge leider doch nicht gepasst.

Herzlichen Dank nochmal fürs Mitmachen und Raten! Sollte ich dieses Jahr nicht wie fast immer meinen Bloggeburtstag versäumen, werde ich da vielleicht auch mal wieder ein Gewinnspiel im Zuge eines Bücherrätsels veranstalten.

Sonntag, 24. April 2016

Lese- und Handarbeitssonntag

Winterkatze und Mila haben heute eine sehr nette Aktion geplant und zwar einen Tag, der ganz im Zeichen der Bücher sowie Handarbeiten stehen soll. 


Da das Handarbeiten bei mir in der letzten Zeit eh immer viel zu kurz gekommen ist, bin ich auf jeden Fall mit dabei. Ich habe mir schon zwei begonnen Projekte zurechtgelegt und zwar eine Knüpferei, mit der ich schon vor langem angefangen habe, und Granny Squares für ein Kissen, das sich meine Nichte von mir wünscht. 


Ich schließe aber nicht aus, dass ich dann doch zu ganz anderen Projekten wechsle. Da ich beim Handarbeiten immer Hörbücher horche, habe ich natürlich auch in der Hinsicht vorgesorgt. Auf meinem Computer tummeln sich zwei noch ganz jungfräuliche Hörbücher: Die Frau mit dem roten Schal von Michel Bussi und Der Schwarm von Frank Schätzing. Zweiteren Roman habe ich vor Jahren schon einmal gelesen und damals sehr spannend gefunden - ich bin jetzt gespannt, ob mir das Hörbuch auch gefällt und ob ich überhaupt noch etwas mit dem Inhalt anfangen kann, da sich mein Lesegeschmack in den letzten Jahren doch ein wenig verändert hat.

Jetzt muss ich aber erst mal in die Arbeit und auf dem Weg dorthin auch gleich noch zur Wahl. Bei mir wird es dann also am Nachmittag erst so richtig losgehen. Bis dahin wünsche ich euch schon mal viel Spaß beim Werkeln und Lesen!


Update um 15:00

Ich bin zurück aus einem recht ruhigen Dienst und habe unterwegs auch schon ein wenig auf meinem Reader gelesen - Tricontium von Maike Claußnitzer.
Jetzt gibt es erst mal ein spätes Mittagessen und danach lege ich los. Inzwischen habe ich meine Pläne auch schon wieder halb über den Haufen geworfen, da ich nämlich gern eine bunte Wimpelgirlande für den Balkon häkeln würde (da sind an einer Wand noch zwei Nägel von meiner Vormieterin eingeschlagen, die ich schon längst für etwas Deko nutzen wollte). Mal sehen, womit ich nun tatsächlich beginne. Vielleicht drehe ich auch erst noch eine kleine Blogrunde und schaue, was ihr bis jetzt schönes gemacht habt. :-)


Update um 19:00

Klar, wenn man sich extra schon Handarbeitskram zurecht legt, dann arbeitet man natürlich nicht an dem weiter ... Ich habe also den Nachmittag über kleine Wimpel gehäkelt.


Jetzt hab ich mir erst mal Tee gemacht und die Decke wieder hervorgeholt, da die Temperaturen heute wirklich sehr frostig sind. Und ich werde mich nun wirklich mal den Granny Squares zuwenden, da ich mir bei den Wimpeln eh noch nicht sicher bin, wie ich weitermache (ein Rand in einer anderen Farbe? oder so lassen?).
Zur Untermalung habe ich mich übrigens zunächst mal für Der Schwarm entschieden, muss aber sagen, dass mir der Infodump jetzt doch etwas störender auffällt als damals beim ersten Mal Lesen.



Update um 20:30

Ich habe inzwischen einen Granny Square gehäkelt und es außerdem endlich gewagt, mir das Wahlergebnis anzusehen, was mir gleich mal ziemlich die Stimmung verhagelt hat. Das ist ja noch viel schlimmer als schon befürchtet. Ich habe jetzt nur die Hoffnung, dass alle, die auch nur annähernd rechts wählen, eh schon für Hofer gewählt haben und sich bei der Stichwahl die Stimmen von so ziemlich allen anderen auf van der Bellen konzentrieren werden. Aber richtig zu hoffen wage ich eigentlich schon nicht mehr.
Ach, das ist alles einfach so frustrierend. Mal sehen, ob ich mich mit etwas Handarbeit und Hörbuch davon ablenken kann, denn aktuell ist meine Stimmung wirklich am Boden. :-(


Update um 23:00

Sehr viel habe ich nun nicht mehr geschafft, da mir noch ein längeres Telefonat mit meiner Mutter dazwischen gekommen ist. Ich habe noch gut eine Stunde an dem Band geknüpft, aber da das ein äußerst verflixtes Muster mit vielen Fäden ist, sieht man nicht so wahnsinnig viel Fortschritt:


Ich schätze also, dass ich damit noch eine ganze Weile beschäftigt sein werde. Für heute Abend lasse ich es aber gut sein, da mein Wecker morgen wieder früh klingeln wird. Vermutlich drehe ich noch eine kleine abschließende Runde bei euch und gehe dann ins Bett.

Es hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht, den Nachmittag und Abend mal ganz ins Zeichen der Handarbeiten zu stellen und ich bin mittlerweile auch in Schätzings Schwarm wieder ganz gut reingekommen. Wenn ich keinen Dienst gehabt hätte, hätte ich vielleicht tatsächlich den ganzen Tag gewerkelt - ich wäre auch jetzt noch richtig schön in Fahrt und würde noch eine Weile weiterknüpfen, wenn ich morgen ausschlafen könnte.
Es war auch sehr spannend zu sehen, was ihr alles so gezaubert und gelesen habt am heutigen Tag.

Danke für diese schöne Idee, Winterkatze und Mila! Das hat heute wirklich viel Spaß gemacht und ich hoffe, dass ihr das irgendwann nochmal wiederholt!  

Samstag, 23. April 2016

Welttag des Buches - Blogger schenken Lesefreude

Heute ist der Welttag des Buches und dieses Jahr denke ich endlich einmal daran, bei Blogger schenken Lesefreude mitzumachen - wenn auch quasi im letzten Moment. 


Damit trotz horrender Versandkosten der Österreichischen Post alle mitmachen können, verlose ich einen Amazon-Gutschein im Wert von 10 Euro nebst einem geknüpften Lesezeichen. Um nicht nur ein schnödes Gewinnspiel zu machen, müsst ihr euch dafür allerdings ein wenig ins Zeug legen und ein paar Bücher erraten.
Die Idee dazu ist mir vorige Woche im Kurs gekommen, als es um die inhaltliche Erschließung ging und eine Vortragende mit uns ein kleines Quiz veranstaltet hat.
Im Folgenden findet ihr also einige Schlagwortfolgen, die im Österreichischen Bibliothekenverbund für belletristische Werke vergeben wurden - und ihr sollt erraten, welcher Roman sich dahinter verbirgt.
Ein Tipp: Es verbergen sich in der Liste auch einige österreichische AutorInnen

1. Internet - E-Mail - Kontaktaufnahme - Anonymität - Liebesbeziehung - Belletristische Darstellung

2. Franz-Josef-Land - Forschungsreise - Geschichte 1873 - Payer, Julius - Weyprecht, Karl - Belletristische Darstellung

3. Weibliche Jugend - Krebs, Medizin - Erste Liebe - Krebskranker - Männliche Jugend - Sterben - Jugendbuch

4.  Elisabeth, II., Großbritannien, Königin - Entdeckung - Leseinteresse - Bediensteter - Belletristische Darstellung

5. Jackson, Mississippi - Rassendiskriminierung - Junge Frau - Emanzipation - Geschichte 1962 - Belletristische Darstellung

6. Humboldt, Alexander von - Gauß, Carl Friedrich - Belletristische Darstellung

7. Frau - Überleben - Katastrophe - Einsamkeit - Isolation - Belletristische Darstellung

Es gewinnt, wer die meisten Bücher errät (bei Gleichstand werde ich auslosen). Um teilzunehmen, tragt einfach bis zum 26.4.2016 euren Namen, Email-Adresse und die Antworten in das folgende Formular ein: 


VIEL ERFOLG!


Ich habe mir heute übrigens anlässlich dieses Tages (und um mich für die überstandenen Prüfungen der vergangenen Woche zu belohnen) ein recht luxuriöses Buch gegönnt:


Atlas der verlorenen Städte ist ein Buch, das schon seit einer Weile auf meiner Wunschliste steht und das von der Aufmachung her ein wenig an den Atlas der abgelegenen Inseln erinnert (auch wenn es sich dabei um unterschiedliche Verlage handelt). Die Gestaltung ist wunderschön und ich freue mich schon darauf, mich in dieses Buch zu vertiefen.


Außerdem habe ich anlässlich des Welttags des Buches noch LiteraTier geschenkt bekommen, ein Buch mit Auszügen aus verschiedenen Werken zu verschiedenen Tieren. Vom Adler in Lagerlöffs Nils Holgersson über den Löwen in Kästners Konferenz der Tiere bis hin zum Zwerflusspferd in Geigers Selbstporträt mit Flusspferd. Diese kleine Anthologie lädt gleich zum Lesen ein und ich habe mich über dieses unerwartete Buchgeschenk sehr gefreut.

Donnerstag, 21. April 2016

Detlef Bluhm (Hrsg.) - Bücherdämmerung: Über die Zukunft der Buchkultur



erschienen bei Lambert Schneider

woher: ausgeliehen (Büchereien Wien)


Neun Autoren haben insgesamt zwölf Beiträge für die Aufsatzsammlung "Bücherdämmerung" geschrieben, in denen sie sich mit der Zukunft der Buchkultur, des gedruckten Buches und Buchhandlungen beschäftigen.


Ich habe mir gedacht, dass dieser Sammelband vielleicht im Hinblick auf meine Ausbildung interessant sein könnte und manche Themen, die in unseren Kursen bereits eine Rolle gespielt haben, von anderen Blickwinkeln beleuchten könnten. Schließlich steht wohl außer Zweifel, dass sich die Buchlandschaft derzeit in einem Wandel befindet mit der wachsenden Beliebtheit von E-Books und einem veränderten Konsumverhalten, das den Kauf von Büchern immer mehr zu den Onlineshops verlagert.

Leider haben mich die Aufsätze aber zu einem großen Teil eher enttäuscht. Es werden diverse Themen wie Social Media, das Urheberrecht, eine mögliche "Buchhandlung der Zukunft" und personalisierte Bücher angesprochen. Dabei beschäftigen sich die Texte aber mehr mit der Vergangenheit und dem Ist-Zustand als den zukünftigen Entwicklungen und bleiben großteils auch sehr vage. Manches wiederholt sich in mehreren Aufsätzen, da diese nicht aufeinander abgestimmt sind.
Auch die Zielgruppe bleibt für mich seltsam vage. Meiner Meinung nach gehen die Überlegungen und Analysen für Fachleute nicht genug in die Tiefe (ich persönlich habe nicht viel neues erfahren bei der Lektüre), setzen für Laien aber möglicherweise doch zuviele Fachbegriffe voraus.

Schließlich habe ich auch das Schriftbild ein wenig zu kritisieren. Abgesehen davon, dass serifenlose
Schriften in einem gedruckten Buch nicht so angenehm zu lesen sind, sind Absätze in dem Buch mitunter ein rares Gut, wodurch auf manchen Seiten eine wahre Textwüste entsteht.

Es sind dennoch einige interessante Denkanstöße zu finden, vor allem zu den Chancen, die sich durch E-Books ergeben und sich auch den Buchhandlungen bieten würden. Manches Mal hätte ich mir etwas kritischere Betrachtungen gewünscht, aber es ist auch eine wohltuende Abwechslung, wenn einmal jemand optimistisch in die Zukunft des Lesens blickt und nicht nur vom Verfall der Kultur wettert.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Aufsätze teilweise ganz interessant zu lesen sind, ich mir aber von dem Buch deutlich mehr erwartet habe.

Sonntag, 17. April 2016

Buchstabengeplauder #52

Positiver und nicht ganz so positiver Stress haben mich die letzte Woche vom Bloggen ab- und mich auch sonst ziemlich auf Trab gehalten.
Auf der positiven Seite stand Lynes Hochzeit gestern, die einfach nur phänomenal und jeden Stress wert war. Ich hoffe, ihr könnt jetzt auch wieder Erholung finden, Lyne, und habt eine wunderschöne Hochzeitsreise!

Auf der eher nicht so positiven Seite stehen zwei Prüfungen - eine morgen und eine am Dienstag. Da ich mit zwei Freundinnen auch noch einiges rund um die Hochzeit zu organisieren hatte, war bisher nicht viel Zeit zum Lernen und heute steht es mit der Konzentration auch nicht zum besten, da ich ziemlich müde bin. Ich hoffe, dass in den nächsten zwei Tagen dennoch alles gut läuft und ich danach auch wieder mehr zum Bloggen komme (bei mir stapeln sich mal wieder die Bücher, die noch rezensiert werden wollen).

Ein Hoch auf die Öffentlichen Verkehrsmittel, kann ich da nur sagen, denn in ebendiesen bin ich dann trotz allem auch zum Lesen gekommen. So habe ich vorige Woche Ysabel von Guy Gavriel Kay ausgelesen und mit Still von Thomas Raab begonnen. Wenn die Prüfungen überstanden sind, werde ich aber hoffentlich auch wieder gemütlich auf dem Sofa oder (so das Wetter mitspielt) auf dem Balkon zum Lesen kommen.

Apropos Balkon ... dort wird es inzwischen schon wieder ein wenig grün und einige Pflanzen vom letzten Jahr sind nun wieder gekommen (teils etwas unkontrolliert wuchernd). Mit zwei Eindrücken vom frühlingshaften Balkon verabschiede ich mich also für heute und wünsche euch noch einen schönen Restsonntag!





Sonntag, 10. April 2016

J.J. Abrams, Doug Dorst - S. Das Schiff des Theseus


erschienen bei Kiepenheuer&Witsch

woher: Weihnachtsgeschenk




Die Studentin Jen findet in der Bibliothek ein Buch, in dem ein anderer Leser zahlreiche Notizen zum Text hinterlassen hat. Als Jen daraufhin eigene Notizen hinterlässt und das Buch wieder an seinen Platz zurücklegt, ergibt sich ein lebhaftes schriftliches Gespräch zwischen Jen und Eric. Sie versuchen herauszufinden, wer V.M. Straka war, der mit "Das Schiff des Theseus" sein letztes, vieldiskutiertes Werk hinterlassen hat. Besonders eigenartig sind die vielen Fußnoten, mit denen der Übersetzer das Buch versehen hat. Verbergen sich darin vielleicht Hinweise, die mehr über die Identität von Straka verraten?

Dieser Roman, der auf Englisch bereits 2013 erschienen ist und sich seither auf meiner Wunschliste tummelte, hat im vorigen Jahr beim Erscheinen der deutschen Übersetzung für viel Aufsehen gesorgt. Es handelt sich dabei um ein ganz besonderes Buch, das jedes bibliophile Herz schneller schlagen lässt: In einem Schuber befindet sich - versiegelt - das vermeintlich alte Bibliotheksexemplar von "Das Schiff des Theseus". Vom Fake-Leineneinband über die vergilbten Seiten bis hin zur Signatur und dem Bibliotheksstempel erweckt es tatsächlich den Eindruck eines schon in die Jahre gekommenen Buches. Und als ich es erst einmal durchblätterte, stieg meine Begeisterung noch. Abgesehen von unzähligen mehrfarbigen Notizen an den Seitenrändern von Jen und Eric findet sich im Buch noch eine Reihe von Zusatzmaterial: Briefe, Postkarten, ein auf eine Serviette gezeichneter Plan, Zeitungsausschnitte und vieles mehr.

Nun stellt sich bei so einem Buch natürlich schnell die Frage, wie man überhaupt mit dem Lesen beginnen soll. Ich habe mich nach einem ersten Anlesen ein wenig dazu informiert und bin für mich zu folgender Reihenfolge gekommen: Zusammen mit dem Haupttext habe ich bereits die ersten Notizen gelesen (blaue Schrift von Jen und schwarze Schrift von Eric) und als ich damit komplett durch war, habe ich mehrmals wieder von vorne begonnen, um die weiteren Notizen in ihrer chronologischen Reihenfolge zu lesen: zuerst orange/grün, dann lila/rot und zuletzt beide in schwarz.
Das hat für mich persönlich gut funktioniert, aber denkbar wäre es auch, zuerst nur den Haupttext komplett zu lesen. Dann kann man vielleicht den ersten Notizen von Jen und Eric besser folgen, die zu dem Zeitpunkt auch beide schon den ganzen Roman kennen und sich dementsprechend immer wieder auf spätere Textstellen beziehen. Oder aber man ignoriert die chronologische Abfolge der Notizen völlig und liest einfach alles auf einmal - das dürfte aber einigermaßen verwirrend sein und führt natürlich auch häufig zu Spoilern.

Wie auch immer man an das Buch herangeht: Es dauert eine ganze Weile und erfordert doch einiges an Konzentration. Man sollte also für diese Lektüre einiges an Zeit mitbringen, zumal es sich auch empfiehlt, keine zu großen Pausen einzulegen, da man sonst vielleicht einiges wieder vergisst.

Nach all diesen Worten zum Äußeren und der Lesereihenfolge komme ich jetzt zum schwierigen Teil der Rezension: zum Inhalt. Leider konnte dieser für mich nämlich nicht mit der Aufmachung mithalten. Ich will jetzt nicht sagen "außen hui, innen pfui", aber es gab doch einiges, das mich gestört hat.

Zunächst mal zum Roman im Buch, also "Das Schiff des Theseus" von V.M. Straka: Darin findet sich ein Mann ohne Erinnerung, der im folgenden nur S. genannt wird, auf einem seltsamen Schiff wieder und erlebt eine ganze Reihe von surrealen Abenteuern.  Was sehr interessant und kafkaesk beginnt, wird zu einer Art konfusem Agententhriller. Offensichtlich will sich der Roman literarisch anspruchsvoll geben, was auch anfangs noch funktioniert, aber bald erweckt er ein wenig den Anschein von "gewollt, aber nicht gekonnt".
Daran würde ich mich nicht stören, wenn er denn spannend und unterhaltsam wäre, aber ich fand ihn zum Ende hin zunehmend langatmig und zäh zu lesen.

Trotzdem hat mir der erste Durchgang Freude beim Lesen bereitet, da es faszinierend ist zu verfolgen, wie Jen und Eric versuchen den Roman zu interpretieren. Man muss hier mit einer ganzen Reihe von Namen zurechtkommen, da es einige mögliche Straka-Anwärter gibt, aber dennoch hatte ich mit dieser Ebene des Buches zunächst sehr viel Spaß. Es wird auf zahlreiche fiktive Werke von Straka und anderen Autoren Bezug genommen, es werden alle möglichen Theorien entworfen und Parallelen zwischen dem Roman sowie dem Leben von Straka und den Menschen in seinem Umfeld gezogen. Das ist stellenweise sehr spannend und stellenweise ziemlich witzig, wenn man sich an übereifrige Literaturwissenschaftler erinnert fühlt, die jedem Punkt eine Bedeutung zumessen wollen.

Leider habe ich im weiteren Verlauf ein wenig das Interesse an der Diskussion zwischen Jen und Eric verloren. Schon zu Beginn erfährt man auch einiges über ihr persönliches Leben, was für mich aber irgendwann überhand genommen hat. Es war durchaus nett zu lesen, wie sie einander besser kennenlernen und sich ihre Beziehung zueinander entwickelt, aber vieles fand ich dann nicht mehr glaubwürdig, zumindest nicht als schriftliche Konversation in einem Buch.
Zudem wurde im Laufe der Diskussion für mich der Verdacht immer stärker (und schließlich auch bestätigt), dass viele Rätsel in dem Buch aufgeworfen, aber nicht beantwortet werden. Möglicherweise habe ich nicht alles aufmerksam genug gelesen, aber das Problem ist, dass man beim Lesen vieles einfach so hinnehmen muss, was Jen und Eric herausfinden, da man schlichtweg nicht auf demselben Wissensstand ist wie sie. Schließlich beziehen sie sich auf weitaus mehr Material als das, was im Buch zu finden ist.
Letztendlich habe ich den Eindruck, dass hier genau das geschieht, was schon bei "Lost" der Fall war (und ein wenig habe ich das bei J.J. Abrams auch schon befürchtet): Es werden viele Rätsel um der Rätsel willen aufgeworfen, aber auf logische Erklärungen oder Zusammenhänge wartet man manches Mal vergeblich. Das ist frustrierend und es ist umso frustrierender, wenn man am Ende nach einigem Knobeln das letzte Rätsel mit der Eötvös-Scheibe löst und feststellt, dass sich dahinter keine allzu spektakuläre Botschaft verbirgt - zumindest nicht, wenn man die Notizen von Jen und Eric bereits gelesen hat.

Es lohnt sich allerdings, während oder nach der Lektüre ein wenig im Internet zu stöbern, wo man teilweise auch Zusatzmaterial findet, etwa ein alternatives Ende und zahlreiche Überlegungen zum Buch ganz allgemein (besonders spannend ist eine Tonbandaufnahme der Summersby Confession). Schließlich gibt es noch eine Seite namens Dossier of V.M. Straka, die etwa Fotos und Material zum im Buch genannten "Santorini-Mann" enthält. Gerade diese Seite kann ich allen ans Herz legen, da sie einiges an Informationen bietet, auf die sich Jen und Eric auch im Buch beziehen.

Was für ein Fazit bleibt nun nach dieser langen Rezension? "Das Schiff des Theseus" ist ein optisches Feuerwerk, das seinen stolzen Preis von 45 Euro (das englische Original ist deutlich günstiger) von der Aufmachung her auf jeden Fall wert ist. Leider bleibt der Inhalt dahinter zurück. Ein wenig stellte sich für mich am Ende ein ernüchterndes Gefühl ein von "und das wars?"
Ich weiß nicht, ob ich den Roman weiterempfehlen kann. Er ist auf jeden Fall einmal etwas anderes, man hält das wunderschöne Buch einfach gern in Händen und es trifft offensichtlich bei vielen auch den richtigen Nerv. Ich persönlich fand es aber insgesamt doch nur mittelmäßig.

Dienstag, 5. April 2016

[Tag] Unpopular Opinion

Dieser Tag ging schon vor einer ganzen Weile durch die Booktube-Welt und seit einer gefühlten Ewigkeit tummelt sich bei mir ein halbfertiger Beitrag dazu. Da ich den Tag aber ganz spannend finde, habe ich nun endlich einmal die Fragen fertig beantwortet:

1. A popular book or series that you didn't like
Da gibt es einige, die mir einfallen würden, aber ein Buch, bei dem ich selbst auch erwartet hätte, dass es mir gefallen würde, ist Tintenherz. Rundherum waren damals alle davon begeistert, aber ich war davon sehr enttäuscht. Dabei war die Grundidee schön, aber mich hat das Buch überhaupt nicht gefesselt und ich hatte auch den Eindruck, dass sich irgendwann alles wiederholt hat. Den zweiten Band habe ich dann gar nicht mehr gelesen.

2. A popular book or series that every one else seems to hate but you love
Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass ich es liebe, aber mir hat Effi Briest wirklich gut gefallen. Aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, scheint es für alle das Schul-Hassbuch sondergleichen zu sein. 

3. A love triangle where the main character ended up with the person you did NOT want them to end up with OR an OTP that you don't like. (OTP = "One True Pairing")
Mal abgesehen davon, dass mich love triangles an sich nerven, wollen mir keine einfallen, wo ich mir eine andere Entscheidung gewünscht hätte. 
Daher greife ich auf eine Serie zurück, bei der ich mit meiner Ansicht, glaube ich, komplett außerhalb der populären Meinung liege. Und zwar finde ich, dass bei Gilmore Girls (Achtung, Spoilergefahr!) Lorelai besser mit Christopher als mit Luke zusammenpassen würde. Gut, beide Männer haben sich in einigen Punkten unmöglich verhalten, aber auch seltsam out of character (vermutlich musste man da Komplikationen reinbringen, um weitere Staffeln zu füllen). Trotzdem habe ich den Eindruck, dass Lorelai und Christopher einander deutlich besser verstehen.

4. A popular book genre that you hardly reach for 
Romantik. Es ist nicht so, dass ich das Genre prinzipiell nicht mag, aber ich lese es nur eher selten und bin dann auch meistens nicht der größte Fan davon. Ich habe Liebesgeschichten gern als Nebenplot verpackt, mag sie aber nicht unbedingt als Hauptplot.

5. A popular or beloved character that you do not like 
Ich hätte hier zunächst fast mit Daenerys Targaryen geantwortet, bis es voriges Jahr mal im Eis-und-Feuer-Forum (wo ich sehr sporadisch mitlese) mal ein großes Charakter-Beliebheits-Turnier gab und Dany abgeschlagen ganz weit hinten landete (noch weit hinter diversen Nebenfiguren). Da scheine ich mit meiner Meinung durchaus im Trend der Buchleser zu liegen; offensichtlich ist sie nur in der TV-Serie so beliebt.
Wer aber anscheinend bei den meisten Harry Potter-Fans gut ankommt, ist Snape. Ich finde ihn furchtbar. Ein erwachsener Mann, der es nach zig Jahren nicht schafft, über eine unerwiderte Liebe hinwegzukommen und seinen Frust mal eben an einem Kind auslässt, das dafür nichts kann. Und das auch noch als Lehrer. Das ist für mich ein dermaßen unreifes und ungerechtes Verhalten, da kann für mich die ganze Tragik am Ende nichts mehr rausreißen.

6. A hated character that you like
Analog zur vorigen Frage hätte ich hier mit Sansa Stark antworten wollen, aber die war bei besagtem Charakter-Turnier ganz weit oben, also offensichtlich kein "hated character". 
Emma Woodhouse vielleicht? Die meisten scheinen sie ja tatsächlich sehr anstrengend und unsympathisch zu finden, aber ich mag sie selbst in ihren nervigsten Phasen. 

7. A popular author that you can't seem to get into
Tad Williams. Ich habe den "Drachenbeinthron" begonnen und abgebrochen, habe "Die Insel des Magiers" ziemlich seltsam gefunden und bei "Otherland" irgendwo im 2. Band aufgegeben.
Terry Pratchtett, Brandon Sanderson und Umberto Eco könnte ich hier aber ebenfalls nennen.

8. A popular book trope that you're tired of seeing 
Ich habe es weiter oben schon erwähnt: love triangles
Allerdings scheinen sich diese weitgehend auf Young Adult zu beschränken (bzw. nerven sie mich nur dort so richtig). Was ich aber in praktisch allen Genres über habe: Figuren, die für tot gehalten werden, es aber nicht sind. Dabei nervt es mich besonders, wenn als Cliffhanger der vermeintliche Tod einer Figur präsentiert wird oder schon jemand weinend über dem leblosen Körper hängt. Besonders anstrengend, wenn es in Genres passiert, wo ohnehin klar ist, dass keine wichtige Figur sterben wird (z.B. gern in Liebesromanen oder auch in Disneyfilmen).
Dieses "vermeintlich tot" hat für mich nur einmal wirklich gut funktioniert und zwar beim "Herr der Ringe". George R.R. Martin dagegen hat das irgendwann dermaßen überstrapaziert, dass ich in Band 5 bei einer wohl schockierend gedachten Sterbeszene nur noch gedacht habe "jaja, wers glaubt ...".

9. A popular series that you have no interest in reading 
"Divergent"

10. The saying goes "The book is always better than the movie", but what movie or T.V. show adaptation do you prefer more than the book? 
Ich fand "Stardust" von Neil Gaiman ganz nett, aber begeistert hat mich das Buch nicht, während ich die Verfilmung liebe.
Außerdem gefällt mir die TV-Serie "Outlander" besser als die Bücher. Ich finde Claire als Ich-Erzählerin sehr anstrengend und konnte Jamie nicht leiden, aber in der Serie mag ich interessanterweise beide ganz gern.


Und wie gehts euch? Bei welchen Büchern oder Figuren habt ihr das Gefühl, dass eure Meinung gegenläufig zu der vorherrschenden ist?

Sonntag, 3. April 2016

E. Lockhart - We Were Liars


erschienen bei Hot Key Books
woher: eLibrary (Büchereien Wien)


Die Sinclairs sind eine reiche und angesehene Familie, die jeden Sommer auf ihrer Privatinsel verbringen. Cadence, die Enkeltochter des Familienoberhaupts Harris Sinclair, erlebt hier unbeschwerte Sommer mit ihren Cousinen und Cousins, bis ein Unfall passiert und sie sich an vieles nicht mehr erinnern kann. Zwei Jahre später versucht sich endlich zu ergründen, was damals geschehen ist.


Zu "We Were Liars" sind mir auf gefühlten hundert Blogs begeisterte Rezensionen untergekommen. Soviel Begeisterung führt bei mir gerne erst einmal zu einer gewissen Skepsis, umso mehr, da mich in letzter Zeit viele Young Adult-Bücher eher enttäuscht haben und ich (wieder einmal) das Gefühl hatte, allmählich doch zu alt für dieses Genre zu sein. 
Aber als ich das ebook in der eLibrary, quasi der englischen Onleihe, der Büchereien Wien entdeckt habe, wollte ich es doch damit probieren. Zum Glück, denn dieser Roman war für eine äußerst positive Überraschung.

"We Were Liars" beginnt damit, dass Cady auch zwei Jahre nach ihrem mysteriösen Unfall Erinnerungslücken hat und immer wieder unter starken Kopfschmerzen leidet, die es ihr kaum noch ermöglichen ein normales Leben zu führen. In Rückblicken wird von ihren früheren idyllischen Sommern erzählt, die sie zusammen mit ihrer Cousine Mirren, ihrem Cousin Johnny und dessen Freund aus armen Verhältnissen, Gat, auf der Insel verbracht hat. Diese unbeschwerten Zeiten werden sehr atmosphärisch beschrieben und haben bei mir sofort sommerliche Gefühle erzeugt.
Zwei Jahre nach dem Unfall ist Cady nun erstmals wieder auf der Insel und sieht dort auch endlich ihre Freunde wieder. Aber mittlerweile ist alles anders und die ganze Familie scheint ein Geflecht aus Lügen sowie eine Mauer aus Schweigen aufgebaut zu haben.

Die Autorin erweckt in diesem Buch sowohl die Sinclair-Familie als auch die magischen Sommer auf der Insel sehr schön zum Leben. Ich fand die Figuren sehr nachvollziehbar beschrieben und gut ausgearbeitet. Man spürt bald, dass es unter der Oberfläche dieser scheinbar so perfekten Familie durchaus brodelt und der Patriarch Harris Sinclair eine ungesunde Macht auszuüben scheint.
Was aber nun genau in jenem Sommer damals geschehen ist, bleibt lange ein Rätsel und ich möchte darüber auch nichts schreiben, um niemandem die Überraschung zu nehmen. Ich war allerdings sehr erstaunt, dass die Auflösung für mich tatsächlich unerwartet kam - meist rieche ich nämlich solche Wendungen sonst meilenweit gegen den Wind. Aber hier habe ich die Antworten tatsächlich erst zusammen mit Cady bekommen und fand sie dann auch sehr stimmig.
Ich habe dann sogar weite Teile des Buches gleich noch einmal mit diesem neuen Wissen gelesen und finde, dass dieser Roman bei einem ReRead sogar noch dazugewinnt.

Auch sprachlich ist "We Were Liars" sehr gelungen. Es gibt oft ungewöhnliche Metaphern, vor allem, wenn Cady ihre Kopfschmerzen beschreibt. Am Anfang kam mir das noch ein wenig zu dick aufgetragen vor, aber letztendlich hat mir der Stil von E. Lockhart doch sehr gut gefallen. Der Roman hebt sich dadurch von der Masse an Jugendbüchern, die ebenfalls in der Ich-Perspektive und im Präsens geschrieben sind, ab. Interessant sind auch Cadys kleine Märchen über einen König und seine drei Töchter, die immer wieder einmal dazwischen gestreut sind.

"We Were Liars" ist ein sehr schöner, ernster Roman über Freundschaft, Liebe, Erinnerungen und eine vermeintlich glückliche Familie mit einer Reihe von offenen Fragen, die erst spät beantwortet und die meisten Leser wohl eher überraschen werden. Ein Jugendbuch, das meiner Meinung nach seinem Hype gerecht wird und sehr empfehlenswert ist.