Dienstag, 29. November 2016

Edith Pattou - East


erschienen bei Houghton Mifflin Harcourt

Märchen-Bingo


Rose, das jüngste Kind einer armen Familie, war schon immer wild und ungestüm und anders als ihre Geschwister. Als ein riesiger Eisbär auftaucht und Reichtum und Gesundheit für ihre Familie verspricht, wenn Rose mit ihm kommt, lässt sie sich von ihm forttragen in ein verzaubertes Schloss. Dort wird sie Nacht für Nacht vor ein Rätsel gestellt, das sie unbedingt ergründen will - und damit löst sie ungewollt einen Fluch aus. Erneut muss Rose sich auf eine Reise begeben.

"East" ist eine Adaption des norwegischen Märchens "Östlich von der Sonne und westlich vom Mond", bei der das Märchen in einen realistischen Hintergrund mit Fantasyelementen eingebettet wird. Die Geschichte wird aus mehreren verschiedenen Perspektiven erzählt: Neben Rose kommen auch ihr Bruder Neddy, ihr Vater, der Eisbär und die Trollkönigin, die für den Fluch verantwortlich ist, zu Wort.
Anfangs fand ich die eher raschen Perspektivenwechsel irritierend, aber als ich mich erst einmal hineingefunden habe, hat es mir ganz gut gefallen, dass die Geschichte aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet wird.

Ich mochte das norwegische Märchen schon immer sehr gern und finde, dass Edith Pattou mit "East" eine sehr gute Umsetzung gelungen ist. Es handelt sich dabei um eine abenteuerliche Geschichte, die zwar relativ nah am Märchen dran bleibt, aber manchmal gewisse Elemente zugunsten der Stimmigkeit der Handlung abändert. Dadurch wirkt der Roman weitgehend "wie aus einem Guss" und in sich geschlossen - etwas, das bei einer weiteren Adaption des Märchens unter dem Titel "Ice. Hüter des Nordens" nicht der Fall war.

Rose ist eine sehr sympathische und energische Heldin, die nicht fehlerfrei ist und dadurch sehr glaubhaft wirkt. Es wird sehr anschaulich beschrieben, wie sie allmählich eine Art Freundschaft mit dem Eisbären schließt und dadurch ist es auch nachvollziehbar, dass sie schließlich alles daran setzt, seinen Fluch zu brechen.
Die anderen Figuren, wie etwa ihr Bruder Neddy, bleiben daneben etwas blass, aber es hat mir dennoch gut gefallen, wie die gesamte Familie von Rose anfangs eine wichtige Rolle spielt. Das erdet die Geschichte gewissermaßen und gibt Rose auch einen Hintergrund, auf dem die Autorin aufbauen kann. 
Später kommen einige Nebenfiguren hinzu, die Rose in typischer Märchenmanier für einen Teil ihrer Reise zur Seite stehen. Besonders gut hat mir die kleine Crew rund um einen grummeligen, betrunkenen Seefahrer gefallen.

Einzig der letzte Teil der Geschichte, der im Reich der Trollkönigin spielt, konnte mich nicht ganz überzeugen, da mir hier manches gar zu phantastisch war.
Es hat mich außerdem irritiert, dass "East" zwar sehr klar in unserer Welt des 16. Jahrhunderts verankert ist - so spielen reale Städte wie Trondheim und La Rochelle eine Rolle, hinter dem Eisbären verbirgt sich eine historische Person und Ländernamen werden in ihrer korrekten norwegischen Form (etwa Tyskland und Fransk) verwendet -, Norwegen aber sehr nebulös als "Njord" und Einwohner sowie Sprache gleichermaßen als "Njorden" bezeichnet werden. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber ich fand es einfach seltsam, dass nur Norwegen hier einen Art "Märchennamen" erhält.

Abgesehen davon ist "East" aber ein sehr schöner Jugendroman, der ein phantastisches Abenteuer mit einer klassischen Coming-of-Age-Geschichte verbindet. Gerade jetzt in den Wintermonaten ist er mit seinen nördlichen und eisigen Schauplätzen eine sehr passende Lektüre.

Donnerstag, 24. November 2016

Buchstabengeplauder #66

Diesen November will ich einfach nicht so recht zum Bloggen kommen. Nachdem wir am Wochenende die Theateraufführungen hatten und somit der Proben- und Premierenstress vorbei ist, habe ich mir einen grippalen Infekt eingefangen mit Halsschmerzen, Fieber, Schnupfen und Husten. Ich habe daher so ziemlich die ganze Woche im Bett verbracht und mir die Zeit mit Schlafen, Gilmore Girls-Gucken und Hörbuch hören vertrieben. Dabei ist der 5. Band von Harry Potter, mein aktuelles Hörbuch, ja gar nicht so als gemütliche Krankenlektüre geeignet, da ich diesen Band in einigen Aspekten sehr ermüdend und frustrierend finde. Aber immerhin ist nun allmählich ein Ende in Sicht.

Wo mir jetzt gerade ein wenig die Zeit davonläuft, das ist das Märchen-Bingo. Zwar habe ich an sich schon genug Bücher gelesen, um eine Reihe voll zu bekommen, aber East wartet noch darauf rezensiert zu werden, ich lese gerade noch ein Buch, das auch zur Challenge passt (The Stepsister Scheme) und habe außerdem auf dem SuB noch Die Warheit über Hänsel und Gretel. Mal sehen, ob ich außer der Rezension noch etwas schaffe bis Ende November. 

Ich kann es außerdem nicht glauben, dass bereits das erste Adventwochenende vor der Tür steht. Ich habe noch keinen Adventkranz bzw. winterliche Dekoration und noch keinerlei Plan, welche Kekse ich dieses Jahr backen werde.

Fühlt ihr euch auch so überrumpelt vom nahenden Adventbeginn oder gehts nur mir so, weil mir durch das Kranksein gerade fast eine Woche "fehlt"?

Montag, 21. November 2016

Noah Hawley - Vor dem Fall


erschienen bei Goldmann
woher: Buchhandlung !Bestseller


An einem nebligen Abend macht sich ein Privatjet von Martha's Vinyard auf den Weg nach New York. Neben zwei reichen Familien ist durch Zufall auch der Maler Scott Burroughs mit an Bord. Als das Flugzeug kurz nach dem Start ins Meer stürzt, gelingt es Scott, sich und einen vierjährigen Jungen ans Ufer zu retten. Er wird zunächst als großer Held gefeiert, aber als die Suche nach der Absturzursache immer mehr Fragen aufwirft, steht Scott bald im Mittelpunkt abstruser Verschwörungstheorien.

"Vor dem Fall" ist ein eher ruhiger Spannungsroman, der kritisch Sensationsjournalismus und die Macht der Medien hinterfragt. Da in dem Flugzeug reiche und einflussreiche Menschen saßen, dauert es nicht lange, ehe von einem geplanten Mord oder gar einem Terroranschlag gemunkelt wird. Während Scott zuerst noch von den Medien verfolgt wird, weil diese ihn zum Helden hochstilisieren wollen, schlägt die Stimmung bald um und er findet sich als Opfer der reinsten Hetzjagd wieder.

Warum hat ausgerechnet Scott überlebt? Und was machte ein mittelloser Maler überhaupt mit an Bord eines Privatjets? Kann es sich bei dem Absturz um einen Unfall gehandelt haben? Und weshalb malte Scott in den letzten Jahren ausgerechnet Bilder von Katastrophen? 
Diesen Fragen geht der Autor in dem Roman auf dem Grund, aber nicht im Stil eines Krimis oder eines Thrillers. "Vor dem Fall" ist eher eine Charakterstudie, in der auch das frühere Leben und die Hintergründe der Verstorbenen geschildert werden. Dabei werden nach und nach Geheimnisse aufgedeckt, bei denen man lange nicht weiß, ob sie im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz stehen. 
Während der Roman in Rückblicken die Vergangenheit mehrerer verschiedene Figuren erzählt, liegt in der Gegenwart der Fokus auf Scott, der gewissermaßen als Identifikationsfigur dient. 

Nach und nach werden manche Zusammenhänge klarer, bis am Ende auch die Absturzursache geklärt wird. Mich hat leider das Ende nicht gänzlich zufriedengestellt, da es mir zu sehr an ein reales Vorbild angelehnt war. Ich will nicht behaupten, dass das Ende nicht stimmig ist, aber es war die erste Erklärung, die mir schon früh in den Sinn gekommen ist und mir hat daher noch eine gewisse Überraschung, eine Wendung gefehlt. 

Abgesehen davon hat mir der Roman aber sehr gut gefallen. Er ist fesselnd geschrieben und enthält interessante, wenn auch mitunter etwas stereotype Charaktere, deren Hintergründe gut ausgearbeitet sind. Der Medienrummel und die Art und Weise, wie vor allem ein Fernsehsender sich seine ganz eigene Wahrheit zurechtlegt, sind erschreckend realistisch geschildert.
Ich kann "Vor dem Fall" allen empfehlen, für die Spannung nicht mit Action einhergehen muss und die eine Geschichte gern von verschiedenen Seiten beleuchtet bekommen.

Sonntag, 13. November 2016

[Buchvorstellung] Marina Boos - Jules Welt. Das Glück der handgemachten Dinge

"Jules Welt. Das Glück der handgemachten Dinge" ist  der Roman einer Tintenzirkel-Kollegin, den ich ursprünglich testlesen wollte. Aufgrund zeitlicher Verstrickungen habe ich dann leider nie mehr als die ersten Kapitel geschafft und so war ich umso erfreuter, als Marina mir dennoch ein Exemplar ihres Buches geschickt hat.


Jule ist mit Anfang 30 an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie ratlos ist, welchen Weg sie zukünftig einschlagen soll. Da ihre Großmutter ihr etwas Geld überlassen hat, will sie als Neustart ein Kreativ-Café in einem kleinen Dort eröffnen. Während ein Teil der Dorfbewohner sie tatkräftig unterstützt, ist ein anderer Teil von ihrem Vorhaben alles andere als begeistert und legt ihr Steine in den Weg, wo es nur geht. Aber Jule lässt sich davon nicht unterkriegen und so renoviert, bastelt, bäckt und werkelt sie, was das Zeug hält.

Man kann es vielleicht schon am Cover erahnen: Es handelt sich hier um ein sehr liebevoll aufgemachtes Buch, das im Inneren auch einiges an Rezepten und Anleitungen zu bieten hat und manchmal sogar Raum für eigene Notizen lässt.


Das macht bereits beim Durchblättern Freude und umso mehr beim Lesen, da Jule nicht die einzige in dem Roman ist, die kreativ tätig ist. Auch andere Dorfbewohner nähen, verarbeiten Wolle, bauen Gemüse an, kochen und tauschen Rezepte sowie Tipps und Tricks aus.
Wer aber nun denkt, dass es sich dabei um einen gemütlichen Wohlfühlroman handelt, irrt sich, denn der Widerstand, auf den Jule mit ihren Plänen stößt, ist beachtlich. Man könnte sagen, dass Marina Boos das beste und das schlechteste vom Leben in einem Dorf in ihrem Roman darstellt. Auf der einen Seite Menschen, die alles neue ablehnen und ihre Nase in Dinge stecken, die sie nicht das geringste angehen und auf der anderen Seite Menschen wie die resolute Gerta, die Jule ohne zu Zögern unter die Arme greift.

"Das Glück der handgemachten Dinge" ist das richtige Buch für alle, die selbst gern kreativ tätig sind. Als ich es zu Ende gelesen hatte, war ich sofort motiviert, etwas zu basteln oder zu häkeln oder handwerklich tätig zu werden (auch wenn mir das Buch nicht gerade Lust aufs Landleben gemacht hat).
Und passend zur Jahreszeit ist inzwischen auch der Folgeband "Vom Glück der winterlichen Dinge" erschienen, in dem es mit den Basteleien und Rezepten weihnachtlich wird. Ich bin schon neugierig, wie es darin mit Jule und ihren Freunden weitergeht.

Samstag, 12. November 2016

Buchstabengeplauder #65

Nach einem sehr lese- und blogreichen Oktober fehlt mir jetzt im November wieder ein wenig die
Zeit zum Lesen und Bloggen. Ich bin derzeit recht eingedeckt mit Theaterproben, dazu kam ein Besuch bei meiner Familie, ein Betriebsausflug zur Zotter-Schokoladenmanufaktur und der Burg Forchtenstein sowie die Buch Wien. 

Deshalb komme ich bei Voyage of the Basilisk von Marie Brennan bisher nur langsam voran. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mich auch Band 3 bislang nicht so sehr fesselt. Ich finde die Serie über Lady Trent wirklich nett, aber die Bücher plätschern für mich so dahin, dass es mir meistens nicht schwerfällt, sie wieder aus der Hand zu legen.
Als Hörbuch lausche ich weiterhin Stephen Fry - aktuell bin ich nun bei Harry Potter and the Order of the Phoenix, der meiner Meinung nach zäheste Band der Reihe. Vermutlich werde ich zwischendurch mal für ein anderes Hörbuch unterbrechen. Ich brauche ein kurzweiliges, das mich für einige Stunden beim Keksebacken unterhält (geplant Ende November) und muss noch schauen, was da passen könnte.

Heute ist noch eine Geburtstagsfeier angesagt und morgen ist Probe, aber ich hoffe, dass ich dennoch Zeit finde, die eine oder andere Rezension zu schreiben. Mittlerweile nervt es mich ziemlich, dass ich hier immer noch so hinterherhinke. Vermutlich werde ich aber ab Ende November wieder mehr zum Lesen und Bloggen kommen - also gerade rechtzeitig für Arianas Vorweihnachts-Lesewochen. Da mich dieses Jahr im Advent keine Prüfungen und keine Wochenenddienste mehr erwarten (und hoffentlich auch kein hartnäckiges Kranksein), hoffe ich auf eine entspanntere Vorweihnachtszeit als in den letzten Jahren.

So, und jetzt muss ich mich allmählich fertig machen für die Feier. Ich wünsche euch noch ein schönes Wochenende!

Samstag, 5. November 2016

Diana Menschig - So finster, so kalt


erschienen bei Knaur
woher: Büchereien Wien

Märchen-Bingo


Nach dem Tod ihrer Großmutter findet die Anwältin Merle Hansen in dem alten Haus der Verstorbenen ein Dokument eines Johannes aus dem 16. Jahrhundert. Darin berichtet dieser von den seltsamen Vorkommnissen rund um seine Adoptivschwester Greta. Merle schenkt der Erzählung zunächst keinen Glauben, aber als Kinder verschwinden und rund um das Haus seltsame Dinge geschehen, geht sie gemeinsam mit dem Märchenforscher Jakob Wolff der Sache auf den Grund.

Eine düstere, unheimliche Umsetzung des Märchens "Hänsel und Gretel" - das hat gleich meine Aufmerksamkeit geweckt. Zunächst hat mir der Roman auch gut gefallen, zumal ich es schön fand, einmal eine Protagonistin in den mittleren Jahren zu haben. Gerade im Bereich Contemporary Fantasy und Märchenadaptionen dominieren ja sonst eher jugendliche Figuren.
Leider hat meine Begeisterung nicht lange angehalten. Diana Menschig erzählt die Geschichte in zwei Zeitebenen - Merle und Johannes - und während mich die Ebene der Gegenwart anfangs noch gefesselt hat, wurde mir die Ebene der Vergangenheit schnell zu abstrus. Der Erzählstrang um Merle bietet zunächst noch Rätsel und unterschwelligen Grusel und ein paar Nachforschungen um Märchen. Dann driftet aber leider auch diese Handlungsebene völlig in Fantasy ab und die düstere Märchenstimmung geht dabei völlig verloren. Vielleicht hatte ich hier schlichtweg falsche Erwartungen an das Buch, aber es bleiben auch sehr viele Fragen offen und die Auflösung ergibt in mancher Hinsicht überhaupt keinen Sinn.
So wird noch nicht einmal die Motivation der Widersacherin richtig klar. So legt sie es zwar darauf an, schwanger zu werden, möchte dann aber ihr Kind töten und verschwindet dann aber einfach und lässt das Kind lebend zurück. Welche Ziele sie hier und auch später verfolgt wird überhaupt nicht klar.

Das Hauptproblem mit "So finster, so kalt" ist, dass zuvieles in das Buch hineingemischt wird, das teilweise nicht zusammenpasst und teilweise auch nirgendwohin führt. Ich hatte manchmal das Gefühl, als würde ich eine Rohfassung lesen, die erst noch gründlich überarbeitet werden muss. Auch das Tempo stimmt nicht und so ziehen sich manche Szenen endlos, während andere sehr hastig abgehandelt werden. So gibt es etwa zum Ende hin auch noch eine persönliche Tragödie in Merles Leben, die die Hauptfigur aber so schnell überwindet und die auch für die weitere Handlung so wenig beiträgt, dass sich mir der Sinn der ganzen Episode nicht erschließt.
Ähnlich ist es auch mit Jakob Wolff, der als mysteriöser Fremder eingeführt wird, aber offensichtlich nur, um hier etliche falsche Fährten zu legen. Rückblickend ergeben viele seiner Handlungen keinen Sinn und bleiben gänzlich unaufgeklärt.

Alles in allem ergibt das Buch für mich keinen runden Eindruck. Die Idee dahinter ist interessant und der Anfang auch gut gelungen, aber im weiteren Handlungsverlauf wirkt die Geschichte sehr unausgegoren und unüberlegt. Auch die anfängliche Spannung löst sich in dem wilden Mischmasch schnell in Nichts auf.
"So finster, so kalt" ist mal eine etwas andere Märchenadaption, die mich aber leider ganz und gar nicht überzeugt hat.