Sonntag, 5. Februar 2017

Jo Cotterill - Eine Geschichte der Zitrone


erschienen bei Königskinder/Carlsen
woher: Büchereien Wien (Onleihe)


Die 11-jährige Calypso hat bereits früh gelernt, für sich alleine zu sorgen. Seit dem Tod ihrer Mutter arbeitet ihr Vater wie besessen an einem Buch über Zitronen und kümmert sich nur wenig um seine Tochter. Da er ihr stets eingeschärft hat, dass es am besten ist, für sich zu bleiben, sind Bücher Calypsos einzige Freunde. Doch dann kommt mit Mae eine neue Schülerin, die Bücher ebenso leidenschaftlich liebt. Als die beiden Mädchen sich anfreunden, beginnt Calypso bewusst zu werden, wie einsam, kalt und seltsam ihr Zuhause - und dass ihr Vater ernsthafte Probleme hat.

 "Eine Geschichte der Zitrone" ist eines der besten und einfühlsamsten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Die Autorin schreibt aus der Perspektive eines Mädchens, das nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihren Vater sorgt und das noch dazu für ganz normal hält. Während sie daheim stets die Erwachsene sein muss, erkennt sie durch Mae und deren Familie, was es bedeutet, Kind sein zu können und sich an andere anlehnen zu dürfen. Dadurch wird ihr allmählich auch bewusst, was bei ihr zuhause alles falsch läuft und von da an beginnt die Fassade zu bröckeln. 
Was mir an dem Roman sehr gut gefällt, ist die Tatsache, dass nun nicht auf einmal alles magisch besser wird, ganz im Gegenteil: Calypsos Welt muss erst ganz in sich zusammenstürzen, damit ihr und ihrem Vater die Probleme tatsächlich bewusst werden. Und genau darin liegt schließlich die Chance auf Veränderung und einer Wendung zum Guten hin. Außerdem ist Calypso nun nicht länger alleine: Sie hat Mae und deren Familie zur Unterstützung und sie bekommt in Gestalt einer Sozialarbeiterin auch Hilfe von außen.
Diese Aspekte führen dazu, dass er Roman nicht nur sehr glaubhaft, sondern trotz der ernsten Thematik auch sehr hoffnungsvoll wirkt. 

Jo Cotterill setzt aber neben dieser Thematik zwei weitere Themen sehr gut um: Freundschaft und die Liebe zum Lesen.
Calypso und Mae entwickeln im Laufe des Romans eine wunderbare Freundschaft, die zwar nicht immer einfach ist, aber bei allen Problemen doch immer stärker und tiefer wird. Es wird schön beschrieben, wie die zwei Mädchen zwar unterschiedlich sind, einander aber doch sehr gut verstehen und ergänzen.
Was sie besonders vereint, ist ihre Liebe zu Büchern. Lesen und Fantasie spielen eine große Rolle in dem Buch und ich fand es wunderschön zu lesen, wie die Kinder ganz in die Geschichten eintauchen und dann auch Szenen etwa aus "Anne of Green Gables" nachspielen. Sie beginnen schließlich auch, eine eigene Geschichte zu schreiben und lernen Fluch und Segen von Online-Veröffentlichungen kennen - was zu einer gleichermaßen urkomischen wie herzzerreißenden Situation führt.

Beide Mädchen werden vielschichtig gezeichnet und entwickeln sich im Laufe des Buches sehr schön weiter. Mae ist ganz herzerwärmend mit ihrer verspielt-fröhlichen Art und ihrer Ansicht, dass ein Buch nur dann perfekt ist, wenn es sie zum Weinen bringt. Calypso ist deutlich durch ihre schwierige Familiengeschichte geprägt und ist um einiges zurückhaltender und verschlossener. Manches Mal wirken ihre Gedankengänge sehr erwachsen, aber angesichts ihrer Situation passt das auch. 
Auch die Nebenfiguren wie Maes Familie und Calypsos Vater sind dreidimensionale und sehr lebendig gezeichnete Charaktere.

Fazit: "Eine Geschichte der Zitrone" ist ein wundervoller, feinfühliger Roman, der ernste Thematiken wie Vernachlässigung und Depression realistisch umsetzt. Er vermittelt Hoffnung, ohne dabei die Situation zu beschönigen und transportiert auch klare Botschaften, ohne jemals den pädagogischen Zeigefinger zu erheben. Mich hat die Geschichte emotional unglaublich berührt und ich habe sie nahezu in einem Rutsch durchgelesen. Trotz der sehr jungen Hauptfigur denke ich, dass das Buch aufgrund der schwierigen Themen eher für ältere Kinder und Jugendliche geeignet ist, aber ich kann es auch allen Erwachsenen nur wärmstens empfehlen!

Kommentare:

  1. Das klingt sehr gut! Ich mag es, wenn solche Bücher realistisch erzählt werden (wobei ich auch mit der einen oder anderen Unglaubwürdigkeit leben kann, wenn der Rest berührend erzählt ist). Zu schade, dass der Roman nicht in der Bibliothek vorhanden ist, aber ich halte ihn auf jeden Fall im Hinterkopf. Die Leseprobe fand ich schon mal gut! :)

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    1. Ich mag es auch immer sehr, wenn Autoren sich so einem Thema realistisch nähern. Ich finde, darin schwingt auch mit, dass man Kinder und Jugendliche als Leser ernst nimmt.
      Vielleicht kommt das Buch ja noch in die Bibliothek.

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  2. Hallo :)

    unter dem Titel "Eine Geschichte der Zitrone" hätte ich jetzt vieles erwartet, aber nicht das, was du beschrieben hast. Die Geschichte klingt wirklich schön und irgendwie auch besonders. Hab mir den Titel gerade mal auf die Merkliste gesetzt.

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Der Titel suggeriert wohl wirklich ein anderes Thema, aber wenn man den Roman liest, merkt man, weshalb er dennoch perfekt dazu passt. Ich habe die Geschichte auch als besonders empfunden - und als sehr schön.

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