Donnerstag, 29. Juni 2017

[Tag] Mid-Year Book Tag

Diesen Tag, der Gelegenheit bietet, einen leserischen Rückblick auf die erste Hälfte des Jahres zu werfen, habe ich mir von Elena mitgenommen.

1. Best book you’ve read so far in 2017

Schwierig. Ich hatte dieses Jahr schon einige sehr gute Bücher, die ich begeistert verschlungen habe, aber es sticht nicht ein einzelnes klar heraus. Am schwersten aus der Hand legen konnte ich aber Der große Trip von Cheryl Strayed. Ich fand diesen Erfahrungsbericht fesselnd, berührend und auch sprachlich sehr gut.

2. Best sequel you’ve read so far in 2017

Das wäre in diesem Fall ein Re-Read und zwar Harry Potter and the Deathly-Hallows. Ich mag den Abschlussband der Harry Potter-Reihe sehr gern und finde ihn auch deutlich stärker als die beiden vorhergehenden Bände.

3. New release you haven’t read yet, but want to

Ihr wisst ja, ich habe manchmal eine etwas andere Definition von "Neuerscheinung". Bei dieser Frage fiel mir nämlich als erstes Children of Earth and Sky von Guy Gavriel Kay ein - das allerdings schon im Mai 2016 erschienen ist. Aber in meinem Kopf ist das immer noch "das neue Buch von Kay, das ich gleich lesen muss". Weshalb ich es bisher noch nicht getan habe? Weil sich darin angeblich Anklänge an "The Sarantine Mosaic" finden und ich daher zuerst das gerne noch einmal lesen möchte.  

4. Most anticipated release for the second half of the year 

Auweh, ich verfolge nur selten mit, was in Zukunft erscheinen wird, wenn ich nicht gerade auf eine Fortsetzung einer Reihe warte. Da wohl weder von George R.R. Martin noch von Patrick Rothfuss dieses Jahr noch etwas zu erwarten ist, muss ich hier passen ...

5. Biggest disappointment

Richtige Flops hatte ich dieses Jahr bislang kaum. Am wenigstens hat mir vielleicht Am Ende der Welt traf ich Noah von Irmgard Kramer gefallen, aber da ich bei diesem Buch keine hohen Erwartungen hatte, war auch die Enttäuschung nicht so groß. Anders bei Eisgesang von Kathleen Winter, das ich zwar nicht direkt schlecht fand, von dem ich aber viel mehr erwartet hätte.

6. Biggest surprise

Das wäre wohl The Rithmatist von Brandon Sanderson. Nachdem ich mit diesem Autor vorher kein Glück hatte, waren meine Erwartungen nicht allzu hoch, aber mir hat dieses Jugendbuch richtig gut gefallen. Sympathische Figuren, ein interessantes Magiesystem und dazu noch ein spannender Kriminalfall!

7. Favourite new author (debut or new to you)

Ich habe in diesem Jahr sehr viel von Autorinnen und Autoren gelesen, die ich bereits kannte. Sehr gefallen hat mir aber das Debüt von Isabel Bogdan: Der Pfau. Ich werde in Zukunft sicher nach weiteren Romanen der Autorin Ausschau halten.

8. Newest fictional crush

In der Hinsicht hatte meine Lektüre dieses Jahr bisher noch nicht viel für mich zu bieten. ;-) Guy Gavriel Kay trifft ja hier gern mal meinen Nerv, aber ausgerechnet bei "Im Schatten des Himmels" war die Hauptfigur nicht so mein Fall. Am ehesten könnte ich hier noch Suhail aus "In the Labyrinth of Drakes" von Marie Brennan nennen. Ich würde zwar nicht direkt von einem "Crush" sprechen und so neu ist er genaugenommen auch nicht mehr, da Suhail bereits im Vorgängerband "Voyage of the Basilisk" eingeführt wurde, aber auf jeden Fall ist er für mich ein sympathischer, interessanter Charakter, bei dem ich gut nachvollziehen kann, weshalb sich die Ich-Erzählerin in ihn verliebt.

9. Newest favourite character

Auch hier ist mir nicht gleich jemand eingefallen. Ganz entzückend und ungemein liebenswert fand ich Mae in Eine Geschichte der Zitrone von Jo Cotterill. Oder in meiner ganz aktuellen Lektüre "The Bell at Sealey Head" von Patricia McKillip mochte ich Gwyneth sehr gern. Ich bin mir bei beiden aber nicht sicher, ob sie für mich zur Lieblingsfigur reichen.

10. Book that made you cry

Hier muss ich wieder auf einen Re-Read zurückgreifen: A Song for Arbonne von Guy Gavriel Kay hat mich - wie auch schon die Male zuvor - zum Weinen gebracht.

11. Book that made you happy

Die Wahrheit über Hänsel und Gretel von Hans Traxler. Was für ein witziges, intelligentes und originelles Buch! Mich hat es beim Lesen einfach glücklich gemacht, dass jemand so kreativ und überzeugend eine Wissenschaftsparodie verfasst und ich musste mir ständig vorstellen, was für einen diebischen Spaß der Autor bei der Sache gehabt haben muss.

12. Favourite book to film adaptation you saw this year

I Capture the Castle nach dem gleichnamigen Roman von Dodie Smith. Die Verfilmung ist wunderbar und auch sehr überzeugend besetzt. Fast genauso gut hat mir aber Die Mitte der Welt nach dem Jugendbuch von Andreas Steinhöfel gefallen. Die Verfilmung kann atmosphärisch für mich nicht mit dem Buch mithalten, aber es ist trotzdem ein sehr sehenswerter Film mit einem äußerst beeindruckenden Louis Hofmann als Phil.

13. Favourite review you’ve written this year

Ach herrje, diese Frage könnt ihr vielleicht besser für mich beantworten. Am leichtesten von der Hand gegangen ist mir vielleicht die Rezension zu Die Wahrheit über Hänsel und Gretel von Hans Traxler.

14. Most beautiful book you’ve bought (or received) so far this year


Ich mag die Aufmachung von Cox oder Der Lauf der Zeit von Christoph Ransmayr sehr gern. Das Cover ist schlicht, aber die schimmernden chinesischen Schriftzeichen und die leicht erhabene Schrift machen sehr viel her. Ich finde auch die Farbkombination sehr edel. 

15. What books do you need to read by the end of the year

Ich würde bis zum Ende des Jahres gern alle Bücher von meinem SuB lesen, die sich dort bereits seit den Vorjahren tummeln. Das wären 10 Stück und somit gut zu schaffen, aber ich mag mich da nun auch nicht unter Druck setzen. 
Was ich aber auf jeden Fall dieses Jahr noch lesen möchte, sind die weiteren Bände der Raven Boys-Reihe von Maggie Stiefvater. Es würde sonst nicht sehr viel bringen, dass ich extra meine Erinnerung an den ersten Band auffrische, wenn ich dann erst recht nicht zeitnah weiterlese.


Und wie sieht eure Bilanz der ersten Jahreshälfte aus? Möchtet ihr euch vielleicht auch den Tag mitnehmen?

Sonntag, 25. Juni 2017

Buchstabengeplauder #79

Die sommerliche Hitze hat Wien gerade ziemlich im Griff (wobei es sich nun zusammenzieht und für heute auch Unwetter angesagt sind) und bei mir leidet die allgemeine Motivation ein wenig darunter. Allerdings muss ich sagen, dass meine Gedanken ohnehin sehr vereinnahmt werden von der Schulung, die ich am Dienstag geben muss und ich mich in dieser Zeit vermutlich so und so nicht gut auf etwas anderes konzentrieren könnte. Ich freue mich also schon darauf, wenn ich das am Dienstag gut überstanden habe.

Immerhin war ich motiviert, dieses Wochenende ein wenig meinen Balkon zu verschönern. Ich möchte schon länger meine eine weiße Wand aufpeppen, war aber lange unsicher, womit. Streichen war mit etwas zuviel Aufwand; Kletterpflanzen sind dort auch nicht so gut geeignet, da drunter meine große Gartentruhe steht und ich da also keine Töpfe/Pflanzenkästen unterbringe.
Nun habe ich vorige Woche ganz billige bunte Bilderrahmen gefunden (noch nicht mal mit Glas, sondern nur einer Art Folie) und einfach mit Edding Silhouetten von Vögeln und Pflanzen gezeichnet. So schaut die Wand jetzt also aus:


Außerdem habe ich die nun schon recht müde aussehenden Frühlingsblumen durch Zwergsonnenblumen ersetzt und erfreue mich an der gut gedeihenden Zucchinipflanze sowie den vielversprechenden heranwachsenden Tomaten. 


Die Pflanze trägt noch eine ganze Reihe von weiteren Tomaten


Was mir am Balkon jetzt noch immer fehlt und was bei diesen Temperaturen wichtiger wäre als Dekoration, ist ein Sonnenschutz. Das ist allerdings nicht so leicht umzusetzen - schon gar nicht bei einer Mietwohnung. Ich habe schon ein paar Ideen, aber ich befürchte, eine Weile werde ich die pralle Sonne auf dem Balkon noch hinnehmen müssen.

Zum Lesen komme ich aufgrund der mangelnden Konzentration gerade nicht so viel, aber ich höre gerade Wen der Rabe ruft als gekürztes Hörbuch. Ich habe den Roman auf Englisch bereits vor drei Jahren gelesen und möchte nun endlich die weiteren Bände lesen. Da ich das Buch nur ausgeliehen hatte und mich an vieles nicht mehr erinnern kann, dachte ich mir, dass so eine verkürzte Lesung in dem Fall vielleicht ganz gut zum Auffrischen der Erinnerung wäre. 
Nachdem ich fast am Ende angekommen bin, kann ich sagen, dass das Hörbuch für diesen Zweck in der Tat gut geeignet ist. Trotzdem bin ich schockiert, wie verstümmelt die Geschichte in dieser Version ist. Die Handlung funktioniert durchaus noch, aber die wunderbaren Szenen mit Blue und den vier Jungs wurden auf ein Minimum reduziert. Darunter leidet nicht nur die Figurenzeichnung, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen. Die Freundschaft zwischen den Jungs kommt kaum zur Geltung und das Kennenlernen von Blue erfolgt sehr überhastet - wodurch auch die dezente Liebesgeschichte auf einmal wie Instalove wirkt. 

Es ist mir wirklich ein Rätsel, wieso man einen so schönen Roman dermaßen für eine Lesung zusammenkürzt. Die englische Originalversion dauert 11 Stunden - die gekürzte deutsche Fassung gerade einmal etwas mehr als 6 Stunden. Hier wurde also ein Jugendbuch von relativ überschaubarer Länge um gut ein Drittel reduziert. Warum macht man so einen Schwachsinn? Wenn man nicht den Roman, wie ich, schon vorher kennt, halte ich die deutsche Hörbuchversion für nahezu unbrauchbar. Und es hat mir wieder einmal bestätigt, weshalb ich normalerweise um gekürzte Hörbücher einen sehr großen Bogen mache.  

Habt ihr auch schon einmal eine gekürzte Hörbuchversion gehört, bei der ihr das Buch vorher bereits gelesen habt? Und wenn ja, wie fiel da für euch der direkte Vergleich aus?

Samstag, 24. Juni 2017

Isabel Bogdan - Der Pfau

erschienen bei Argon Hörbuch
ungekürzte Lesung von Christoph Maria Herbst
woher: Büchereien Wien (eAudio)

Eine Gruppe Investment Banker reist zum Teambuilding in die schottischen Highlands, wo Lord und Lady McIntosh ihren alten Landsitz zu einem Gästehaus umgebaut haben. Die Banker sind von dieser Art der Wochenendgestaltung nicht eben begeistert und dann ist da auch noch ein verrückt gewordener Pfau, der für Chaos sorgt - bis irgendwann niemand mehr weiß, was überhaupt passiert ist.

Voriges Jahr gab es zum Welttag des Buches die Anthologie LiteraTier, in der auch das erste Kapitel von Isabel Bogdans Debütroman enthalten war. Ich habe damals das Buch auf meiner Liste gesetzt und hatte nun sehr viel Freude mit dem Hörbuch.
"Der Pfau" ist eine amüsante, unterhaltsame Geschichte mit einer ordentlichen Prise Ironie. Der Landsitz in den schottischen Highlands mit allerlei Getier, das sich dort tummelt, bildet einen sehr passenden Hintergrund für den Plot. Unter den Tieren der McIntoshs befindet sich nämlich auch ein Pfau, der äußerst aggressiv auf die Farbe Blau reagiert. Dummerweise hat Liz, die Chefin der Banker, ein blaues Auto und damit nimmt das Unheil seinen Lauf.

Obwohl die Verwicklungen um den Pfau im Stile einer Verwechslungskomödie sehr witzig zu lesen sind, waren die Banker für mich das echte Highlight. Manche begeistert, manche widerwillig finden sie sich abseits der Zivilisation zusammen mit einem Coach und einer Köchin ein, um Teambuilding zu betreiben. Die Methoden, die Coach Rachel zum Einsatz bringt, sowie die unterschiedlichen Reaktionen der Banker darauf haben mich so stark an vergleichbare Veranstaltungen bei uns erinnert (wenngleich diese am Wolfgangsee anstatt in Schottland stattfinden), dass ich immer wieder kichern musste.
Die einzelnen Figuren (von den Bankern über die resolute Köchin bis hin zum Hausmädchen) sind mit ihren Skurrilitäten nicht unbedingt mitten aus dem Leben gegriffen, aber so liebevoll beschrieben, dass sie mir alle irgendwie sympathisch waren. Als sich das ganze Chaos erst so richtig entfaltet und die Banker bei Schnee ohne Strom in dem Haus festsitzen, entdeckt sogar Chefin Liz noch ihre umgängliche Seite.

Mir hat auch der auktoriale Erzählstil gut gefallen, der eher distanziert ist und ganz ohne direkte Rede auskommt, aber sehr gut zu dieser Geschichte passt. Er unterstreicht noch die skurrilen Situationen und erlaubt einen Einblick in die Gedanken aller beteiligten Figuren.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass sich die Geschichte ab und zu ein wenig im Kreis dreht. Ich hatte den Eindruck, als wollte Isabel Bogdan zu viel erklären und sicherstellen, dass garantiert alle Leser genau verstehen, was gerade passiert. Hier wäre etwas weniger durchaus mehr gewesen - so waren ein paar Szenen und Gedankengänge etwas redundant.

Abgesehen davon habe ich mich aber prächtig amüsiert, zumal das Hörbuch von Christoph Maria Herbst auch sehr schön gelesen war.

Sonntag, 18. Juni 2017

Buchstabengeplauder #78

Wieder einmal ist eine Woche vergangen und ich habe nur einen recht bilderlastigen Plauderbeitrag für euch. In der letzten Zeit war ich einfach zu wenig in Wien - zuerst die Dienstreisen und dann war ich über den Feiertag bei meiner Familie, wo ich mit meiner Mutter die Landesgartenschau in Kremsmünster besucht habe. Die Gartenschau war auf zwei Standorte verteilt - das Stift Kremsmünster und das Schloss Kremsegg - und durchaus sehenswert, wenn auch etwas überteuert. Hier ein paar Eindrücke davon:




Stiftskirche



Allgemein ist bei mir der Juni sehr vollgestopft und wuselig. Bis zum 27. Juni muss ich noch eine Schulung vorbereiten (ich bin schon ziemlich nervös beim Gedanken daran), aber danach sollte es ruhiger werden und ich denke, dass ich dann auch den Kopf wieder freier haben werde fürs Bloggen.

Ein stiller Blog heißt allerdings bei mir nicht unbedingt, dass ich wenig lese. Gerade heute Abend habe ich Finstere Orte von Gillian Flynn ausgelesen, das mich nicht hundertprozentig überzeugt hat, das ich aber doch so spannend fand, dass ich noch bei Einbruch der Dämmerung mit angestrengten Augen draußen am Balkon gelesen habe. Auf dem Ebook-Reader tummelt sich außerdem gerade The Bell at Sealey Head von Patricia McKillip, das mir bislang sehr gut gefällt. Vom Aufbau her erinnert es mich ein wenig an "Alphabet of Thorns", das eins meiner Lieblingsbücher von McKillip ist. Hoffentlich lösen sich all die Rätsel auch zufriedenstellend auf.

Da ich vorige Woche Geburtstag hatte, habe ich außerdem Zuwachs für den SuB bekommen:


Das Labyrinth der Lichter von Carlos Ruiz Zafón ist der Abschluss seiner Romane rund um den Friedhof der Vergessenen Bücher. Sein vorheriges Werk Der Gefangene des Himmels hat mir nicht so gut gefallen, aber ich hoffe, dass der aktuelle Roman wieder etwas besser ist.
Zu diesem Wälzer gesellen sich noch zwei Sachbücher, die ich schon seit einer Weile auf der Wunschliste hatte - Gegen Vorurteile von Nina Horaczek und Sebastian Wiese sowie Fünf Hausmittel ersetzen eine Drogerie.
Ich habe außerdem noch Büchergutscheine bekommen und einen Teil davon schon für zwei Ebooks eingelöst: When Marnie Was There von Joan Robinson und Wanderlove von Kirsten Hubbard. Beim Rest muss ich noch überlegen, welche Bücher ich noch vom ewigen Wunschlisten-Dasein erlösen möchte.
Auf jeden Fall ist genug Lesestoff für den Sommer gesichert!

Sonntag, 11. Juni 2017

Christoph Ransmayr - Der Weg nach Surabaya


erschienen bei Fischer


"Der Weg nach Surabaya" enthält 16 Texte von Christoph Ransmayr - hauptsächlich Reportagen, die er für Merian und Extrablatt geschrieben hat, aber auch Kurzprosa und Dankreden, die er bei der Verleihung von Literaturpreisen gehalten hat. Gemeinsam haben die Texte, dass sie sich alle mit Reisen oder der Beschreibung einzelner Landstriche auseinandersetzen.

Der oberösterreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr ist nicht nur ein begeisterter Reisender (er selbst bezeichnet sich als "Halbnomaden"), sondern hat vor allem in den 80er Jahren auch zahlreiche Reportagen für (Reise)magazine geschrieben. Dabei geht es aber zumindest in den hier versammelten Texten nur selten um exotische Reiseziele, sondern um das vermeintlich Naheliegende: Bayern, das Salzkammergut, Kaprun, das Mostviertel, Hallig Hooge im Wattenmeer. Erst in den letzten Texten schweift Ransmayr weiter in die Ferne und erzählt vom Zuurberg in Südafrika und einer Lastwagenfahrt nach Surabaya.

Es hat mich selbst überrascht, dass ich die ersten "nahen" Gegenden am faszinierendsten beschrieben fand. Der Autor hat einen ungemein aufmerksamen Blick für das Alltägliche, das scheinbar Uninteressante und beschreibt das Leben in kleinen Dörfern sehr anschaulich.
Dabei hilft natürlich sein Schreibstil, der alles andere als nüchtern und karg ist, sondern wortgewaltig und fast ein wenig altmodisch. Hier eine kleine Kostprobe:

"Am Rand einer jäh abfallenden Lichtung des Mischwaldes dreht sich der Totengräber nach mir um, weist auf Schroffen und Bergkämme und zählt ihre Namen auf. Wie abblätternder Kalk gleiten Nebelfetzen die Steinhalden hinab. Tief unter uns, im besänftigenden Rauschen des Regens, liegt der südlichste und kälteste See des oberöstereichischen Salzkammergutes und an seinem Ufer, klein und verschwindend, Hallstatt; die Salzgrubenstadt."
(aus: Die ersten Jahre der Ewigkeit. Der Totengräber von Hallstatt; S. 63)

Nicht zuletzt aufgrund des poetischen Stils fügen sich Reportagen und Prosatexte so harmonisch zusammen. Denn nicht alle Texte in dem Buch sind reine Beschreibungen des Wirklichen. Ransmayr erzählt auch von einer fiktigen Reise zur Kaiserin Zita im Exil, überlegt, wie der letzte Tag von Konstantinopel 1453 ausgesehen haben könnte und lässt Minos Daedalus den Auftrag zum Bau des Labyrinths von Knossos geben.

Obwohl ich manche Texte gelungener fand als andere, hat mir diese Sammlung ebenso gut gefallen wie die Romane von Christoph Ransmayr. Ich hatte sogar fast den Eindruck, dass seine Sprache in diesen kurzen Texten besser zur Geltung kommt als in langen Romanen, wo diese mitunter ermüdend werden kann (was nichts daran ändert, dass ich auch seine Romane sehr gern lese).

"Der Weg nach Surabaya" ist ein Buch der stillen Zwischentöne, das Fernweh erzeugt - selbst (oder erst recht) dort, wo die Reise gar nicht allzu weit in die Ferne schweift. Ransmayrs Schreibstil mag die Meinungen spalten. Ich bin auf jeden Fall ein großer Fan davon und kann daher diese Textsammlung ebenso empfehlen wie etwa "Die letzte Welt" oder "Der fliegende Berg".

Montag, 5. Juni 2017

Buchstabengeplauder #77

Wie erwähnt hat es mich vorige Woche dienstlich an den Wolfgangsee geführt, wo ich mehr oder weniger rund um die Uhr eingespannt war. Es war also anstrengend, aber auch sehr interessant und schön, da die Kursgruppe wahnsinnig nett war. In der ersten Wochenhälfte hatten wir zudem sehr viel Glück mit dem Wetter und ich konnte in den Pausen ein wenig am See joggen sowie spazierengehen (einige waren schlauer als ich und hatten anstatt Laufschuhen Badesachen mit dabei).
Während es im Salzkammergut dann am Mittwoch kühler und regnerisch wurde, blieb das Wetter in Wien die ganze Woche heiß und sonnig - dementsprechend besorgt war ich um meine Pflanzen, aber erstaunlicherweise haben sie die Tage sehr gut überstanden und sind sogar ordentlich gewachsen.
Ein paar Eindrücke von Balkon und Wolfgangsee:



Endlich treibt auch die Kapuzinerkresse aus



Möglicherweise verletzte ich hier die Persönlichkeitsrechte der Schnecken

Morgen führt es mich für eine Konferenz noch einmal für drei Tage an den Wolfgangsee. Der Wetterbericht ist nicht allzu vielversprechend, was schade ist, da wir am Mittwoch eine abendliche Schifffahrt geplant hätten.

Leider haben mich vorige Woche ziemlich starke Schulter- und Nackenschmerzen geplangt, die nun übers Wochenende zum Glück nachgelassen haben (hoffentlich bleibt es so!). Aus diesem Grund habe ich aber ein sehr ruhiges und faules Wochenende verbracht und bin auch über den zusätzlichen Ruhetag heute froh. 
Ich habe also etliche Stunden lesend auf dem Balkon verbracht. Derzeit habe ich offenbar etwas Pech mit Klassikern. Bei "Moby Dick" komm ich nicht weiter (und überlege immer noch, ob ich abbrechen soll), weil mich der Roman unglaublich langweilt. Und als Hörbuch habe ich gerade "Schloß Gripsholm" von Kurt Tucholsky ausgeliehen, von dem ich fest angenommen habe, dass das genau meinem Geschmack entsprechen würde. Leider gefällt mir aber der Sprachstil nicht besonders gut und ich habe außerdem große Probleme, den plattdeutschen Einsprengseln zu folgen. 
Daneben gibt es mit "In the Labyrinth of Drakes" von Marie Brennan auch etwas modernes, wobei mich auch dieses Buch nicht direkt fesselt. Das Problem hatte ich auch schon mit den vorigen Bänden der Memoiren von Lady Trent, aber alles in allem mag ich die Serie trotzdem. 

Wie habt ihr das verlängerte Wochenende genutzt?

Samstag, 3. Juni 2017

Dan Kieran - Slow Travel. Die Kunst des Reisens


erschienen bei Heyne


Dan Kieran schreibt in seinem Buch vom entschleunigten Reisen und unterscheidet dafür auch klar zwischen Touristen und Reisenden. Er tritt dafür ein, dass man nicht nur reisen sollte um anzukommen, empfiehlt, auch einfach mal die unmittelbare Gegend zu erkunden und reflektiert kritisch, ob es denn das Ziel einer Reise sein kann, möglichst viel in möglichst wenig Zeit zu sehen. 


Mich haben Titel und Klappentext gleich angesprochen, da sich mein eigenes Reiseverhalten in den letzten Jahren auch verändert hat. Ich bin von dem Wunsch, in kurzer Zeit "alles" sehen zu wollen abgekommen, bereise zunehmend auch meine nähere Umgebung und fühle mich gestresst, wenn Mitreisende hektisch W-Lan suchen, um ihre Fotos auf Instagram hochladen oder Selfies an Freunde schicken zu können. Von Dan Kieran habe ich mir daher erhofft, verschiedene Denkanstöße für eine langsame Art des Reisens zu bekommen sowie zum Nachdenken angeregt zu werden.
Zum Teil wurden meine Hoffnungen auch erfüllt, aber nach einem sehr schönen Einstieg konnte mich das Buch dann doch nicht ganz überzeugen. 

Der Autor beschreibt in "Slow Travel" vor allem seine eigenen Reiseerlebnisse. Er erzählt von einem vierwöchigen Trip durch das Land in einem Milchwagen, erkundet die Wege direkt vor seiner Haustür, schildert die zahlreichen Pannen während einer Reise nach Schottland und bricht eine Lanze für Zugreisen (anstatt sich ins Flugzeug zu setzen). Zwischen diese persönlichen Berichte streut er recht triviale Tourismuskritik und bespricht sehr ausgiebig einige Bücher, die ihn selbst beim Thema Reisen geprägt haben. Das ist alles unterhaltsam, ergibt aber mitunter eine seltsame Mischung, die für mich nicht recht harmonieren wollte. Für mein Empfinden beißt er sich auch zu sehr an einzelnen Tipps (etwa den Zugreisen) fest und liefert als Denkanstoß nur seine persönliche Art des Reisens. Das fand ich schade, da es doch so viel mehr Möglichkeiten des entschleunigten Reisens gäbe als nur seine ganz eigenen Erfahrungen.
Vermutlich würde es nicht schaden, wenn der Klappentext deutlicher machen würde, dass es sich bei dem Buch in erster Linie um Erfahrungsberichte handelt - dann wäre ich auch mit einer anderen Erwartung an das Buch herangegangen.

Dennoch hat mir die Lektüre an sich gefallen und ich konnte auch ein paar Anregungen und Überlegungen für mich mitnehmen.