Samstag, 8. Juli 2017

[Kurzrezensionen] Von neun Leben, dem Sterben und einem alten Verbrechen

Liz Jensen - Das neunte Leben des Louis Drax

Louis Drax scheint Glück im Unglück zu haben: Obwohl er schlimme Unfälle wie magisch anzieht, überlebt er doch immer wieder. Als er an seinem neunten Geburtstag in eine Schlucht stürzt, fällt er ins Koma und sein Vater verschwindet spurlos. War es wieder ein Unfall oder hat sein Vater ihn hinuntergestoßen? Und waren die früheren Ereignisse vielleicht auch keine Unfälle?

Liz Jensen wirft in diesem spannenden Roman eine ganze Reihe von Fragen auf, die Louis' Arzt zu beantworten versucht. Die Autorin lässt dabei die Grenzen zwischen Realität, Einbildung und auch Übernatürlichem verschwimmen. Diese Mischung mag nicht jedermanns Fall sein, aber mir hat sie sehr gut gefallen. Interessant fand ich auch, wie mit verschiedenen Perspektiven gespielt wurde.
Obwohl ich schon bald eine Ahnung hatte, worauf das ganze wohl hinausläuft, hat mich der Roman bis zum Schluss gefesselt und mir hat auch die Auflösung gut gefallen.


Rachel van Kooij - Klaras Kiste

Klara Meindert, die Lehrerin von Julius, ist schwer krank, möchte aber noch soviel Zeit wie möglich mit ihren Schülern verbringen. Als sich das Schuljahr dem Ende zuneigt, wollen Julius und seine Freunde der Lehrerin ein Abschiedsgeschenk machen. Sie beschließen, ihr einen Sarg zu bauen - keinen düsteren, traurigen Sarg, sondern einen bunten und fröhlichen, um ihr die Angst zu nehmen. Als Julius' Mutter davon erfährt, ist sie entsetzt und möchte der Sache ein Ende bereiten.

Rachel van Kooij hat keine Scheu davor, problematische Themen in Kinderbüchern anzusprechen. "Klaras Kiste" setzt sich schonungslos und dennoch altersgerecht mit dem Thema Sterben auseinander und damit, wieviel man Kindern zumuten kann. Sie beschreibt sehr glaubwürdig, wie unbefangen die Kinder nach anfänglichem Schock damit umgehen und wie die Eltern ihnen aus falsch verstandener Fürsorge bei dem Trauerprozess im Weg stehen.
Trotz des schweren Themas handelt es sich nicht nur um ein trauriges, sondern auch ein warmherziges und humorvolles Buch. Es richtet sich zwar an Kinder ab 10 Jahren, ich kann es aber auch Erwachsenen sehr ans Herz legen.


Gillian Flynn - Finstere Orte

Als Libby sieben Jahre alt war, wurden ihre Mutter und ihre beiden Schwestern eines Nachts brutal ermordet. Für die Tat wurde Libbys Bruder Ben verurteilt - nicht zuletzt aufgrund ihrer Aussage. Fünfundzwanzig Jahre später liegt Libbys Leben noch immer in Scherben. Aus Geldmangel lässt sie sich auf das Angebot einer Gruppe von Hobby-Kriminologen ein, die an der Schuld von Ben zweifeln. Libby soll ihnen dabei helfen, die Sache noch einmal neue zu untersuchen. Dabei kommen ihr selbst Zweifel an ihrer damaligen Aussage. Könnte ihr Bruder tatsächlich unschuldig sein?

Libby ist eine sehr sperrige Protagonistin und das macht sie interessant und zugleich schwierig als Perspektiventrägerin. Sie ist schwer traumatisiert von den Ereignissen in jener Nacht, zugleich aber so unsympathisch, dass es manchmal nicht so einfach ist, Verständnis für sie aufzubringen. Leider hat es sich die Autorin meiner Meinung nach etwa ab der Hälfte des Romans ein wenig zu einfach gemacht. Während Libby zuerst kaum imstande ist, normal mit ihren Mitmenschen zu interagieren und viele alltägliche Situationen sie überfordern, kann sie auf einmal hervorragend funktionieren, sobald der Plot es von ihr verlangt. Das kam mir reichlich inkonsequent vor. Außerdem war mir der obligatorische Showdown etwas zu übertrieben - das hätte der Roman nicht gebraucht.
Von den Kritikpunkten abgesehen handelt es sich nämlich um einen sehr spannenden und ungewöhnlichen Krimi. Die Auflösung zeichnet sich früh ab, ist aber stimmig und hat für mich auch gut funktioniert.

Kommentare:

  1. "Klaras Kiste" klingt großartig. Leider gibt es das Buch nicht in der Bibliothek, aber vielleicht wäre das mal was für die Vorschlagsliste. Gute (Kinder-)Bücher, die sich mit dem Tod beschäftigen, gibt es leider viel zu selten.

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    1. Ich hab das Buch leider auch nicht in der Bibliothek gefunden und es dann gebraucht gekauft. Vielleicht besteht auch von Seiten der Bibliotheken eine gewisse Scheu, sich diesem Thema zu nähern.

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    2. Eigentlich suchen Bibliotheken genau zu diesen Themen Bücher - und sei es nur, weil Kindergärten und Grundschulen da gern auf fertige Empfehlungslisten oder Bücherkisten zurückgreifen, wenn sie das Thema aufgrund des Lehrplans oder eines aktuellen Sterbefalls behandeln. Zumindest ist das meine Erfahrung aus Buchhandels- und Bibliothekszeiten. Es war nur immer schwierig gute Bücher zu dem Thema zu finden. (Genauso wie zum Thema "Kartoffel", obwohl das anscheinend in jeder Grundschule mal als Thema behandelt wird. *g*)

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    3. Bei mir in der Grundschule war das eher ein Tabuthema. Wir mussten in der dritten Klasse mal Bücher vorstellen und ich wollte "Die Brüder Löwenherz" nehmen, was mir die Lehrerin ausgeredet hat, weil sie fand, das Thema Sterben wäre nicht passend für mein Alter. Darin steckt eine gewisse traurige Ironie, wenn man bedenkt, dass eine Bekannte mir kurz vorher das Buch geschenkt hatte, als mein Vater gestorben war - die Realität fragt halt nicht, was für ein Alter passend ist ...

      Das Thema "Kartoffel" haben wir allerdings in der Grundschule auch nie behandelt. ;-)

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    4. Zu meiner Grundschulzeit war das auch noch kein Thema (und dabei hat unser Lehrer in der dritten Klasse mit uns "Krabat" gelesen, was ich ganz schrecklich unheimlich fand), aber die Unterrichtspläne haben sich ja doch ein kleines bisschen geändert in den vergangenen Jahrzehnten - zumindest in Norddeutschland. ;)

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    5. Krabat haben wir in der ersten oder zweiten Klasse Gymnasium gelesen und da fand ich es auch noch seeeehr unheimlich! ;-)

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  2. Salut, Neyasha.
    Dem Tod wird gern nachgesagt er wäre zum Tabu der modernen Gesellschaft geworden, weil früher mehr in das alltägliche Leben integriert. Ich denke der Mensch hatte schon immer seine Probleme mit der eigenen Endlichkeit, weswegen er sich auch diverse Rituale aneignete - im Verlauf der Jahrhundertausende.
    Kinder mit der Sterblichkeit umgehen zu laßen mag auf den ersten Blick ein schwerer Entschluß sein; allerdings ist er auch sinnvoll, weil Gevatter Tod sich eben nicht wegwünschen läßt.
    Anmerkenswert erscheint mir die Überlegung, wie die Geschichte in einem realen Leben ablaufen würde.
    Wie alt ist Klara im Buch?

    Zu "Finstere Orte" fällt mir bei Deinen Kritikpunkten ein, daß nicht wenige angelsächsische Autoren bereits beim Schreiben auf eine potenzielle Verfilmung schielen; also spektakulärer Showdown (idealerweise während eines Sturms), oder Figuren, die bei Bedarf so funktionieren wie es der Plot-Wende gerade dient. :-)
    Libby läßt mich jetzt spontan an Briony aus "Abbitte" denken...

    bonté

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    1. Und große Überraschung: "Finstere Orte" ist verfilmt worden. *g*
      Interessant, deutet meine Beschreibung auf Briony hin? Ich finde nämlich, dass sich diese beiden Figuren noch nicht einmal annähernd ähnlich sind.

      Gerade, dass der Tod so ein Tabuthema geworden ist, macht ihn wohl noch furchteinflößender. Vermutlich können Kinder gerade deshalb noch unbefangener und oft sogar leichter damit umgehen, weil das für sie noch nicht so ein Tabu ist.
      Klara ist im Buch nicht mehr ganz jung - Ende fünfzig etwa. Die Kinder sind in der vierten Volksschulklasse, also um die zehn Jahre alt.

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    2. ...ja, die Rechteeinkäufer sind immer fix mit dem Check-Heft unterwegs.
      Bei Briony ist es der Aspekt, dass sie jemand durch ihre Aussage/Vermutungen belastet, der völlig unschuldig ist.

      bonté

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    3. Achso, die Verbindung hab ich jetzt tatsächlich gar nicht so gezogen. Libby ist bei der Tat sieben Jahre alt, bekommt nur bruchstückhaft etwas mit und steht unter Schock. Und dass ihr Bruder unschuldig ist, ist ja auch erst mal nur die Annahme der Hobby-Kriminologen. Ob er es getan hat oder inwieweit er involviert war, klärt sich erst am Ende auf.

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